zur Navigation zum Inhalt
© Frings (2)
Abb. 1: Blutunterlaufene Bindehaut (injizierte Konjunktiva) mit ödematöser Schwellung (Chemosis). Die schwarzen Pfeile zeigen einen deutlich sichtbaren Gefäßabbruch im Bereich der Bindehaut zur Hornhaut hin.

Abb. 2: Die Hornhaut zeigt streifenförmige Eintrübungen (fokale Erosionen).

 
Zahnheilkunde 27. November 2014

Notfall in der Zahnarztpraxis: Das ging ins Auge!

Erfolgreiches Unfallmanagement im Zuge einer Zahnbehandlung: Was tun bei Augenverletzungen?

Augenverätzungen im Zuge einer Zahnbehandlung durch starke Basen wie Calciumhydroxid und Natriumhydrochlorid können auch bei größter Sorgfalt immer wieder vorkommen, dann heißt es rasch handeln.

So schnell kann es gehen: Bei einer elektrischen Wurzelkanaldesinfektion mit Calciumhydroxid-Lösung kam es durch ein vorzeitiges Betätigen des Aktivierungsschalters zu einer versehentlichen Applikation des Desinfektionsmittels - und zwar nicht im Mund, sondern im linken Auge eines 27-jährigen Mannes. Der Patient wurde deshalb in der Unfallambulanz der Universitätsaugenklinik Hamburg behandelt.

Befund

Klinisch wurde eine mittelgradige Verätzung im Bereich der Bindehaut (Konjunktiva) und der Hornhaut (Cornea) diagnostiziert: Bei der genaueren Untersuchung mit der Spaltlichtlampe ergaben sich eine kräftige Rötung (konjunktivale Injektion) sowie eine ödematöse Schwellung (Chemosis) der Bindehaut. Im Bereich des arterio-venösen Randschlingennetzes der Hornhaut, das für ihre Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff mitverantwortlich ist, waren einzelne Gefäßabbrüche sichtbar (Abb. 1). Markant war ebenfalls eine Verletzung der Hornhaut (Erosion; Abb. 2). Funktionell bestand durch die tränenden Augen (Epiphora), die Lichtempfindlichkeit (Fotophobie) und die Schmerzen eine eingeschränkte Sehfähigkeit.

Im Fall des Falles: Spülen, spülen, spülen!

Die sofortige intensive Spülung des Auges mit Kochsalzlösung oder kaltem Leitungswasser ist entscheidend, um die Konzentration der ätzenden Chemikalie zu verringern und den pH-Wert im Bindehautsack so schnell wie möglich zu normalisieren. Da eine Verätzung automatisch auch eine Entzündung bewirkt, hilft kaltes Wasser, die Entzündung und damit das Schmerzerlebnis einzudämmen.

Die zahnärztliche Notfallspülung des Auges sollte über mindestens 15 Minuten durchgeführt werden. Empfohlen wird die liegende Behandlung am Stuhl, den Kopf des Patienten zur betroffenen Seite geneigt, dabei die Kochsalzlösung von nasal über das betroffene Auge fließen lassen. Die Augenlider sollte man sanft bei dieser Maßnahme mit Zeigefinger und Daumen offen halten und zum Beispiel eine Nierenschale oder ein Handtuch zum Auffangen der Flüssigkeit zur Hand haben.

Eine andere probate Notfallmaßnahme, die auch von den Betroffenen selbst durchgeführt werden kann, ist die Augendusche in der mit Leitungswasser gefüllten Hand. Dafür muss der Patient sich an ein Waschbecken begeben, seine gewölbte Hand immer wieder mit frischem, kaltem Wasser füllen, sein betroffenes Auge geöffnet darin eintauchen und im verdünnenden Wasser bewegen.

Entscheidend für den Behandlungserfolg und auch versicherungstechnisch wichtig ist, dass der Patient bei der selbstständig durchgeführten Notfallmaßnahme nicht allein gelassen wird. Außerdem sollte für ihn sofort eine Vorstellung beim augenärztlichen Notdienst oder in der nächstgelegenen Notfallambulanz einer Augenklinik veranlasst und organisiert werden.

In 30% solcher Fälle kommt es aufgrund zu spät getroffener Notfallmaßnahmen zu bleibenden Hornhautschäden. Eine partiell getrübte Hornhaut wirkt wie der Blick durch eine beschlagene Fensterscheibe und kann die Indikation für eine Hornhautverpflanzung (Keratoplastik) sein.

Therapie

Der behandelnde Zahnarzt hat im dargestellten Fall korrekt reagiert und eine ausgiebige Spülung durchgeführt. Eine anschließende, sofortige augenärztliche Vorstellung wurde ebenfalls durch die Zahnarztpraxis veranlasst. Der Patient konnte nach intensiver zweitägiger stationärer Therapie unter lokaler Antibiotika-Therapie und kortisonhaltigen Augentropfen mit reizarmen Befunden entlassen werden. Eine nach drei Wochen stattgefundene Verlaufskontrolle zeigte weiterhin eine Verbesserung der Befunde. Der Patient behielt keinen Restschaden.

Hintergrundwissen

Laugenverätzungen sind doppelt so häufig wie Säureverätzungen, weil Laugen im Haushalt und in der Industrie häufiger verwendet werden. Zu den häufigsten verursachenden Laugen gehören neben Ammoniak Natriumhydroxid und Kalk. Calciumhydroxid ist gelöschter Kalk.

Laugen tendieren dazu, tiefer in das Gewebe einzudringen als Säuren. Diese koagulieren die Oberflächenproteine und schaffen so automatisch eine natürliche Schutzbarriere gegen ihre eigene zerstörende Wirkung. Der Schweregrad der Verätzung hängt von den spezifischen Eigenschaften der chemischen Substanz (pH-Wert), dem betroffenen okulären Gebiet (Hornhaut versus Bindehaut), der Expositionsdauer auf dem Bulbus (Länge des Verbleibens der Chemikalien auf der Augenoberfläche) und assoziierten Effekten (z.B. Wärmeschädigung) ab.

Calciumhydroxid ist ein weißes Pulver, das, in sterilem Wasser gelöst, stark alkalisch reagiert. Der pH-Wert beträgt 11,6 - 12,6. Zum Vergleich: Der pH-Wert von Batteriesäure ist kleiner als 1; der von menschlichem Speichel liegt zwischen 6,5 und 7,4, der von Natronlauge zwischen 13,5 und 14.

Richtige Lagerung in der Praxis

Die Löslichkeit von Calcium- hydroxid ist temperaturabhängig und sinkt bei steigender Temperatur. Das Pulver sollte deshalb am besten im Kühlschrank aufbewahrt und nicht offen stehen gelassen werden: Das Kohlenstoffdioxid [CO2] der Luft wandelt das Calciumhydroxid Ca(OH)2 in unwirksames Calciumcarbonat [CaCO3] um. Den Behälter deshalb immer gut und schnell dicht verschließen!

Calciumhydroxid wirkt durch die Depotabgabe von Hydroxidionen und langfristiger Herstellung eines hoch basischen Milieus im Wurzelkanal stark keimtötend und entzündungshemmend. Geschwächt wird die desinfizierende Wirkung durch die puffernde Gegenwirkung des Dentins. Deshalb muss eine medizinische Einlage mit Ca(OH)2 im Wurzelkanal über mindestens sieben Tage erfolgen, um erfolgreich wirken zu können. Bei Kontakt mit lebendem Gewebe erzeugt Calcium- hydroxid-Nekrosen.

Resümee

Aus augenärztlicher Sicht empfehlen wir bei Verwendung von potenziell reizenden Fremdstoffen den Einsatz von Schutzbrillen für Behandlerteam und Patienten. Bei eingetretenen Augenverletzungen mit Säuren oder Basen ist die sofortige, reichliche Spülung mit Kochsalzlösung oder Leitungswasser entscheidend, um den Verlauf abzumildern und ernsthafte Spätfolgen nach Möglichkeit zu verhindern.

Korrespondenz:

Dr. Andreas Frings

Klinik für Augenheilkunde

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

20246 Hamburg

E-Mail:

Der Originalartikel ist erschienen in Der junge Zahnarzt 3/2014 © Springerverlag www.springerzahnmedizin.de

Andreas Frings, Zahnarzt 12/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben