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Dr. Michael Müller-KernVorstandsmitglied der ÖGPMüller-Kern
© Ocskay Bence/fotolia.com

Studien untermauern die hohe Bedeutung der Nachsorge für den Behandlungserfolg.

 
Zahnheilkunde 30. Oktober 2014

Recallmanagement: Die Vorteile der Nachsorge

Der Erfolg jeglicher dentalen Therapie und der Erhalt der oralen Gesundheit sind nur durch einen regelmäßigen, individuellen, institutionellen und organisierten Recall gewährleistet.

Der Recallgedanke gründet sich auf die Ergebnisse und Metaanalysen von Studien – dass durch eine ständige Nachsorge das Kariesrisiko, Zahnverlust und der Verlust an Attachment reduziert werden können.

Zahlen dazu liefert die IV deutsche Mundgesundheitsstudie. Die Karies-Inzidenz ergab im DMFT-Summenindex für die Kinder einen durchschnittlichen Wert von 0,7 Zähnen, bei den Jugendlichen von 1,8 Zähnen, bei den Erwachsenen von 14,5 Zähnen und bei den Senioren von 22,1 Zähnen. Ein Gebiss ganz ohne Karies zeigten 70,1% der Kinder und 46,1% der Jugendlichen. Dies entspricht einer deutlichen Reduktion zu früheren Untersuchungen. Damit sind die gesetzten Mundhygieneziele der Bundeszahnärztekammer für Deutschland betreffend der Kariesprävention für das Jahr 2020 beinahe erreicht.

Die guten Ergebnisse resultieren nicht nur aus der sorgfältigen Plaquekontrolle und der guten häuslichen Mundhygiene durch die Patienten sondern auch durch die tägliche Verwendung einer fluoridierten Zahnpasta und die in bedarfsabhängigen Abständen durchgeführte professionelle mechanische Zahnreinigung.

Söderholm zeigte schon 1979 durch seine Studie die Potenz der häuslichen Mundhygiene ohne professionelle Mundhygienemaßnahmen in einem Beobachtungszeitraum von drei Jahren auf. Die Probanden entwickelten in diesem Zeitraum nur 0,4 neue Kariesläsionen im Approximalbereich [1].

Plaque-Kontrollprogramm

Für die Prävention, Verringerung der Progredienz oder Rezidivrate bezüglich Parodontitis sind die Daten weniger gut. Es ist notwendig, die Plaque als primären Faktor in Zusammenarbeit des Praxisteams erfolgreich zu minimieren. Plaque lagert sich am entzündeten Gingivalsaum viermal schneller ab, als am gesunden. Dazu zählt auch die Motivation und Instruktion der Zahnzwischenraumpflege und die Einbindung in ein Recallprogramm. Axelsson und Lindhe zeigten die Langzeitwirkung eines Plaque-Kontrollprogramms auf Zahnmortalität, Kariesbefall und Parodontalerkrankungen bei Erwachsenen auf [2].

Die Langzeitstudien von Axelsson und Lindhe aus den Jahren 1978 und 1981 verglichen Daten einer Testgruppe aus 375 Patienten, die alle drei Monate erneute Mundhygieneinstruktionen und professionelle Zahnreinigungen erhielten, mit einer Kontrollgruppe aus 180 Patienten, bei denen diese Maßnahmen nur alle 12 Monate durchgeführt wurden. Nach sechs Jahren entwickelten die Patienten der Testgruppe deutlich weniger Entzündungen, geringere Sondierungstiefen, einen geringeren klinischen Attachmentverlust und weniger kariöse Zähne als die Patienten in der Kontrollgruppe.

Diese Beobachtungen entsprechen generell den Ergebnissen von Eneroth & Sundberg (1985), die eine Anzahl von mehr als 900 Erwachsene über einen Zeitraum von fünf Jahren untersuchten. Die Patienten wurden 6-12 Mal pro Jahr zur Mundhygieneinstruktion und professionellen Zahnreinigung durch speziell ausgebildete Zahnarzthelferinnen einbestellt [3]. Die Autoren berichteten weiters, dass während des Fünf-Jahreszeitraums kein zusätzlicher parodontaler Attachmentverlust eingetreten war. In einem erweiterten Untersuchungszeitraum von 30 Jahren der Studie von Axelsson kam es zu einem geringen Zahnverlust im Patientenkollektiv (0,4-1,8 je nach Altersgruppe). Der Hauptgrund für den Zahnverlust waren Wurzelfrakturen und nur bei wenigen Zähnen ging der Verlust auf eine progressive Parodontitis oder Karies zurück.

Ohne Nachsorge kein Erfolg

Anders verhält es sich wenn überhaupt kein Nachsorgeprogramm etabliert wurde. Eine ältere Studie von Nyman et al. [4] zeigte ein hohes Rezidivrisiko bei Unterlassung einer ausreichenden professionellen Pflege. Die Autoren zeigten auch, dass nach einer optimal durchgeführten chirurgischen Therapie ein Attachmentverlust auch unabhängig von den angewendeten chirurgischen Techniken zu erwarten ist. Ebenso entscheidend ist neben der zahnärztlichen und prophylaktischen Tätigkeit die Patientenmitarbeit-Compliance. Leider sinkt die Compliance kontinuierlich, sobald die aktive Behandlungsphase abgeschlossen ist bzw. der Zahnarzt seine direkten Einflussmöglichkeiten auf den Patienten verliert. Lange wurde die optimale Länge des Recallintervalls in wissenschaftlichen Studien diskutiert. Am häufigsten wurde ein Sechs-Monate-Intervall empfohlen. Allerdings fehlt dieser Empfehlung weitgehend eine evidenzbasierte Grundlage. In den vergangenen Jahren erschienen einige Übersichtsarbeiten zu den Auswirkungen unterschiedlich langer Recallintervalle [5].

Die individuelle Bestimmung des Recallintervalls stützt sich auf die Risikoevaluierung. Die patientenbezogene Risikobestimmung setzt nicht nur eine detaillierte Befundung des kompletten stomato- gnathen Systems voraus, sondern auch die Einbindung allgemeinmedizinischer Parameter und Habbits der zu behandelnden Personen. Das von Lang und Tonetti (2003) beschriebene Risikomodell hat sich im Praxisalltag bewährt, auch wenn es wegen der Nichterfassung aller Risikofaktoren verschiedentlich kritisiert wurde [6]. Eine Erweiterung fand durch Chandra statt [7]. Neben dem Parodontalstatus (Bluten nach Sondieren, Sondierungstiefen, Zahnverlust und Quotient aus Attachmentverlust und Patientenalter) und den Risikofaktoren Rauchen und Diabetes, schließt er auch die Risikodeterminanten Stress und sozioökonomischer Status ein.

Standardisierter Ablauf

Der Ablauf eines Recalls sollte immer standardisiert vonstatten gehen. Daher ist die Kommunikation im Praxisteam immens wichtig für ein optimales Patientenmanagement. Die parodontale Erhaltungstherapie umfasst folgende Behandlungsschritte:

Diagnosik- Remotivation- Rein-struktion- Optimierung der Hygienehilfsmittel-Instrumentierung-Politur-Fluoridierung-festlegen neues Intervall. Die Dauer muss auch patientenabhängig gewählt werden. Wichtig ist dabei, sich der Ziele der Erhaltungstherapie immer bewusst zu sein:

• Erhaltung der oralen Gesundheit

• Erhaltung der Funktion, Phonetik und Ästhetik

• Verhütung von Karies

• Karzinom Screening

• Vermeidung von Rezidiven

• Verhütung von Neuinfektionen

• Verhütung von Reinfektionen inaktiver Taschen

Schlussfolgerung

Axelsson et al. [2]. belegten die Wirksamkeit des Prophylaxeprogramms anhand einer Publikation über Ergebnisse nach 30 Jahren und zeigten, dass einem Rezidiv von Karies und Parodontalerkrankungen durch eine Kombination von Eigenkontrolle der Plaque und regelmäßiger zahnärztlicher, parodontologischer Kontrolle vorgebeugt werden kann. Dies trägt letztlich zur Reduzierung der Zahnverlustquote bei; weiters zur Verbesserung der Einzelzahnprognosen, Implantaterfolgsraten, gesünderen und zufriedenen Patienten.

Literatur:

1.Söderholm KJ. The dental materials „revolution“: a new health problem? Gen Dent. 1997 Nov-Dec;45(6):558-65

2.Axelsson P, Nystro?m B, Lindhe J: The long-term effect of a plaque control program on tooth mortality, caries and periodontal disease in adults. Results after 30 years of maintenance. J Clin Periodontol 2004; 31: 749-757

3.Eneroth L, Sundberg H. The effect of preventive dentistry performed by specially trained dental hygienists-a pilot study. Tandlakartidningen. 1985 Feb 1;77(3):74-7

4.Nyman S, Lindhe J, Rosling B. A Periodontal surgery in plaque-infected dentitions. J Clin Periodontol. 1977 Nov;4(4):240-9

5.Davenport C, Elley K, Salas C et al. The clinical effectiveness and cost-effectiveness of routine dental checks: a systematic review and economic evaluation. Health Technol Assess 2003;7:1-127

6.Niklaus P.Lang, Maurizio S.Tonetti. Periodontal Risk Assessment (PRA) for Patients in Supportive Periodontal Therapy (SPT) Oral Health & Preventive Dentisty 1/2003, S. 7-16

7.Chandra RV. Evaluation of a novel periodontal risk assessment model in patients presenting for dental care. Oral Health Prev Dent. 2007;5(1):39-48

Korrespondenz:

Dr. Michael Müller-Kern

Vorstandsmitglied der ÖGP

Externer Lektor MUW/BGZMK

Parodontologe an der Akademie für

Orale Implantologie

Lazartettgasse 19

1090 Wien

Tel.: +43 1 402 86 68

E-Mail:

Michael Müller-Kern, Zahnarzt 11/2014

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