zur Navigation zum Inhalt
© Natalia Lukiyanova/iStock
Atherosklerose ist eine Hauptursache für den Einsatz von Gerinnungshemmern.
 
Zahnheilkunde 27. Juni 2014

Zähne ziehen und Implantate setzen trotz Gerinnungshemmer

Blutverdünner und zahnmedizinische Behandlung: Eine neue Studie analysiert die Risiken und Komplikationen — und gibt Entwarnung.

Immer mehr ältere Menschen nehmen Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung, um-gangssprachlich „Blutverdünner“ genannt — und mit zunehmender Lebenserwartung unserer Gesellschaft wird deren Anzahl weiter steigen. Aus Angst vor zu starken Blutungen oder Nachblutungen werden daher bei anstehenden Operationen die Gerinnungshemmer entweder ganz abgesetzt oder für einen bestimmten Zeitraum eine überbrückende Therapie (Bridging) etwa mit Heparin-Spritzen verordnet.

Gerinnungshemmende Medikamente beugen bei Krankheiten wie Herzrhythmusstörungen, Vorhoffflimmern, Thrombosen oder Embolien der Bildung von Blutgerinnseln vor oder lösen diese auf. Auch bei fortgeschrittener Arterienverkalkung (Atherosklerose) werden sie verschrieben. Doch die medikamentöse Gerinnungshemmung durch ASS und Co. erhöht andererseits das Risiko der Blutungsgefahr, was besonders bei Operationen gefährlich werden kann. Eine neue Studie hat nun untersucht, ob das bei mkg-chirurgischen Eingriffen tatsächlich notwendig ist oder erfahrene Chirurgen trotz Blutverdünner ohne größeres Risiko Zähne ziehen oder Implantate setzen können. Die erstaunlichen Studienergebnisse wurden jetzt erstmals im Rahmen des 64. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) vom 11. - 14. Juni 2014 in Mainz vorgestellt.

Bei den Medikamenten unterscheiden Experten die so genannten Antikoagulanzien (Vitamin-K-Antagonisten/Cumarine und Heparine), die mit unterschiedlichen Faktoren die Blutgerinnungsfähigkeit hemmen, und die Thrombozytenaggregationshemmer (Plättchenhemmer) wie ASS und Clopidogrel, die über einen Funktionshemmung der Blutplättchen wirken, so dass sich diese nicht verklumpen können. Je nach Krankheitsbild nehmen Patienten den für ihren Befund geeigneten Gerinnungshemmer, mitunter ist auch eine Kombination der unterschiedlichen Präparate notwendig.

Studie zu Nachblutungskomplikationen

Die Studie der Universitätsmedizin Mainz hat nun umfassend mögliche Nachblutungskomplikationen bei Mund-, Kiefer- und Gesichtsoperationen mit den unterschiedlichsten Gerinnungshemmern analysiert und kommt zu dem überraschenden Schluss, dass in den meisten Fällen das Absetzen der Gerinnungshemmer oder eine überbrückende Therapie gar nicht notwendig ist. Demnach könnten Patienten einfach wie gewohnt ihre Tabletten nehmen, ohne dass Arzt und Patient ein erhöhtes Risiko eingehen.

Die Untersuchung berücksichtigte insgesamt 844 Patienten, die an der Klinik und Poliklinik für Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Mainz zwischen 2009 und 2013 unter Einnahme blutgerinnungshemmender Medikamente operiert wurden. Davon nahmen 493 Personen ASS, 216 Vitamin-K-Antagonisten, 25 Clopidogrel, 13 Heparine, 14 Aggrenox, 15 NOAK (neue orale Antikoagulanzien) und 58 Kombinationen unterschiedlicher Gerinnungshemmer, davon 44 ASS und Clopidogrel. Die Operationen unterteilten die Fachärzte für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie in kleinere (Ziehen von bis zu 3 Zähnen und setzen von Implantaten) und größere Eingriffe (mehr als 3 Zähne, Zystenoperationen), Haut- und Gewebeeingriffe sowie größere mkg-chirurgische Eingriffe. In 60 % wurde die Medikation zur Operation nicht umgestellt, bei 21% abgesetzt, bei 17% komplett und bei 2% partiell umgestellt.

Ergebnisse belegen Unbedenklichkeit

Die Ergebnisse: Bei 9,6% aller Patienten kam es während des Eingriffs zu Blutungskomplikationen, die in erfahrener mkg-chirurgischer Hand jedoch unbedenklich waren. Erstaunlich: Die Patienten mit überbrückender Therapie neigten mit 11,6% zu Komplikationen, die Patienten, die ihre gerinnungshemmenden Medikamente weiter einnahmen, lediglich mit 8%. Bei der Analyse der Nachblutungskomplikationen war die Rate der „gebridgten“ Patienten ebenfalls erheblich höher. Konkret: bei kleineren Eingriffen 4,3 vs 3,8%, bei größeren Eingriffen 22,8 vs. 13,2%, bei Eingriffen an Haut und Gewebe 9,7 vs. 4,5%. Lediglich bei großen mkg-chirurgischen Eingriffen näherte sich die Komplikationsrate an (8,6 vs. 9,0%).

Das Fazit der Mainzer MKG-Chirurgen: Wann das Absetzen der Gerinnungshemmer oder eine überbrückende Therapie tatsächlich notwendig ist, sollte zurückhaltend und individuell auf den Patienten sowie seine Krankengeschichte abgestimmt entschieden werden. In den meisten Fällen ist das Absetzen der Antikoagulantien jedoch heutzutage gar nicht mehr notwendig.

Überdies fanden die Mediziner bei der Untersuchung heraus, dass die erst seit kurzem eingesetzten NOAKs in puncto Blutungskomplikationen keinerlei Vorteile gegenüber den herkömmlichen Gerinnungshemmern zeigten.

Quelle: Presseaussendung der DGMKG

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben