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Die nicht-invasive Natur der externen Strahlentherapie bietet gegenüber der Chirurgie erhebliche Vorteile.
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Zahnheilkunde 2. Juni 2014

Zielgerichtet und viel schonender

Die Strahlentherapie als wesentlicher Bestandteil der Krebsbehandlung.

Etwa die Hälfte der Krebserkrankungen können heute geheilt werden, bei 26 Prozent ist die Strahlentherapie ausschlaggebend für den Erfolg. Sie stellt heute eine der drei Säulen der Krebstherapie gemeinsam mit Chirurgie und medikamentöser Therapie dar. Individuell, zielgerichtet und immer schonender - die Fortschritte auf dem Gebiet der Radioonkologie standen Anfang April im Mittelpunkt des Kongresses der europäischen Gesellschaft für Strahlentherapie und Onkologie (ESTRO) in Wien.

Die aktuellen Trends präzisieren die Therapie, konstatiert Prof. Dr. Daniel Zips, Leiter des Wissenschaftlichen Kongresskomitees und Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Radioonkologie Tübingen. Und sie führen zu immer schonenderen Interventionen. „Der große Vorteil der Strahlentherapie ist ihre Nicht-Invasivität. Dadurch können auch ältere Patienten behandelt werden, für die eine chirurgische Behandlung zu belastend wäre. In Kombination mit modernen Medikamenten können Resistenzen überwunden werden.“

Ziel eingrenzen – Dosis erhöhen

Mittels 4D-Imaging ist es heute beispielsweise möglich, auch die Bewegungen innerhalb des Körpers (z.B. Atmung, Füllungsgrad von Darm und Blase etc.) zu berücksichtigen, das bestrahlte Areal wesentlich exakter einzugrenzen und damit das bestrahlte Volumen auf das unbedingt notwendige Ausmaß zu resultieren. Weniger Nebenwirkungen und eine Dosiserhöhung im Zielgebiet haben eine bessere Lebensqualität des Betroffenen und eine effizientere Therapie zur Folge. Maßgeschneiderte Kombinationstherapien aus Chirurgie, Strahlen- und medikamentöser Therapie erhöhen den Therapieerfolg ebenfalls und führen zu besserer Tumorkontrolle und Überlebensraten.

Bestrahlung ermöglicht öfter den Organerhalt

Die nicht-invasive Natur der externen Strahlentherapie bietet gegenüber der Chirurgie erhebliche Vorteile, so Zips: „Insbesondere für ältere Menschen, aber auch im Hinblick auf die Schonung eines Organs und die Erhaltung seiner Funktion.“ Diese Vorteile haben bei bestimmten Tumorarten dazu geführt, dass heutzutage seltener und vor allem auch weniger radikal operiert wird. So werden z.B. Patienten mit Prostatakarzinom - speziell in fortgeschrittenem Alter - immer seltener operiert und alternativ bestrahlt. Bei Patientinnen mit Mammakarzinom kann heute bei fast 90 Prozent der Betroffenen die Brust erhalten und zunehmend auch das Ausmaß der Strahlentherapie an das individuelle Risiko angepasst werden.

Das Konzept der Individualisierung der Therapie kommt auch in der Strahlentherapie zum Einsatz, denn: „Jeder Patient ist unterschiedlich.“ Weist beispielsweise ein Tumor eine besonders schlechte Sauerstoffversorgung auf, so ist er besonders resistent und muss besonders intensiv behandelt werden - möglichst ohne eine Steigerung der Nebenwirkungen. Moderne Geräte ermöglichen etwa die Lokalisation des Bestrahlungsgebiets in der tatsächlichen Bestrahlungsposition des Patienten und damit eine hochpräzise Treffsicherheit.

Kleine aber wichtige Schritte

Neue Studienergebnisse belegen die Vorteile von Kombinationstherapien, die Strahlen- mit medikamentöser Therapie einsetzen. Bei Prostatakarzinom sowohl mit mittlerem als auch hohem Risiko führte die Strahlentherapie mit hohen Strahlendosen (70-78 Gy) mit ablativer Hormontherapie über einen Zeitraum von sechs Monaten nach einem medianen Follow-up von 7,2 Jahren bei allen Strahlendosen zu einem signifikant höheren biochemischen progressionsfreien Überleben (PFS) verglichen mit Radiotherapie ohne ablativer Hormontherapie. Nach fünf Jahren betrug das PFS 82,5 Prozent (vs. 69,3 % unter RT, p < 0,001).

Eine Studie am Donauspital SMZ-Ost, Wien, konnte zeigen, dass der Hauptfaktor für eine erektile Dysfunktion (ED) nach Prostata-Brachytherapie bei Patienten mit Prostatakarzinom das Patientenalter während der Therapie ist. ED ist bereits vor einer definitiven Therapie häufig und bei etwa 50 Prozent der ursprünglich potenten Männer bleibt die Potenz zwei und fünf Jahre nach Prostata-Brachytherapie erhalten. Einen „kleinen aber wichtigen Schritt“, bedeutet, so Zips, das Ergebnis einer großen europäischen Studie mit 4000 Patientinnen mit Mammakarzinom bei medialer Lokalisation und/oder befallenen axillären Lymphknoten, die zeigte, dass eine zusätzliche Bestrahlung der hinter dem Brustbein gelegenen Lymphknoten und der angrenzenden medialen Lymphknoten in der Schlüsselbeingrube einen Überlebensvorteil von drei Prozent nach zehn Jahren erbringt. Das Gesamtüberleben nach zehn Jahren betrug 82,3 Prozent mit und 80,7 Prozent ohne Lymphknotenbestrahlung.

Eine dänische Studie ergab, dass die Bestrahlung der Mammaria interna Lymphknoten (IMN) bei rechtsseitigem Mammakarzinom mit einem 78 versus 75 Prozent besseren Gesamtüberleben verbunden war als ohne IMN-RT, wobei die Vergleichsgruppe aus Patientinnen mit linksseitigem Mammakarzinom bestand, die wegen einer möglichen Herzschädigung keine Bestrahlung der Lymphknoten erhielten. Einen vergleichbaren Trend zeigten auch krankheitsfreies Überleben (HR = 0,94) und metastasenfreies Überleben (HR = 0,94).

Gene Profiling und prädiktive Marker

Neue Entwicklungen in der Strahlentherapie betreffen sowohl die weitere Erhöhung der Zielgenauigkeit durch technische Fortschritte als auch der Bestimmung der Tumorcharakteristik im Vorfeld. So soll mittels Gene Profiling sowie prädiktiver Biomarker (im Blut und bei der molekularen Bildgebung) die Wahrscheinlichkeit bestimmt werden, mit der ein Patient auf Strahlentherapie ansprechen wird und wie hoch sein Risiko für Nebenwirkungen ist. Kombinationsmöglichkeiten der Strahlentherapie mit molekular-zielgerichteten Medikamenten sollen Effektivität und Verträglichkeit steigern.

Als neue Technologien werden derzeit statt Röntgenstrahlen, Strahlen mit günstigeren Eigenschaften bezüglich der Verteilung im Gewebe verwendet, wie zum Beispiel Protonen und Kohlenstoff-Ionen. Sie sind zielgenauer und teilweise auch biologisch effizienter. Das Teilchentherapiezentrum „MedAustron“ in Wr. Neustadt, das sich mit dieser Technologie beschäftigt, soll Ende 2015 seinen Patienten-Betrieb aufnehmen.

Debatte über mangelnde Ausstattung

Auf die nicht ausreichende Ausstattung der österreichischen Bevölkerung mit für die Strahlentherapie derzeit eingesetzten Linearbeschleunigern wiesen Univ. Prof. Dr. Karin Kapp, Leiterin der Universitätsklinik für Strahlentherapie-Radioonkologie, Medizinische Universität Graz und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Radioonkologie, Radiobiologie und medizinische Radiophysik (ÖGRO), Univ. Prof. Dr. Richard Pötter, Leiter der Universitätsklinik für Strahlentherapie an der Medizinischen Universität Wien, und Univ.-Doz. Dr. Robert Hawliczek, Vorstand des Instituts für Radioonkologie am Donauspital SMZ-Ost neuerlich hin und lösten damit eine breitere Debatte auch auf landes- und bundespolitischer Ebene aus. Ein Problem sei jedenfalls auch die Personalknappheit, so Kapp, die sich aus dem von der Ärztekammer festgelegten Ausbildungsschlüssel für die Fachausbildung zum Strahlentherapeuten von derzeit 1:1 ergibt.

Der wissenschaftliche Stellenwert Wiens im Bereich der Strahlentherapie habe dagegen eine sehr renommierte Position, stellte Zips fest: „In Wien war vor mehr als 100 Jahren die Wiege der Strahlentherapie.“

Quelle: Pressegespräch Innovativ . Schonend . Zielgerichtet – Die Zukunft der Strahlentherapie, anlässlich des ESTRO-Kongress 2014, 4. bis 8. April 2014

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