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Zahnheilkunde 25. April 2013

Lokale und systemische Therapie nach Zahntrauma

OCMR meets Zahntrauma – Juni 2013

Zahntraumata treten im Vorschul-, Schul- und jungen Erwachsenenalter mit so hoher Frequenz auf, dass derartige Verletzungen in diesen Alterskohorten zu den häufigsten Gründen ärztlicher Konsultation zählen! In den vergangenen drei Jahrzehnten hat das Verständnis der Mechanismen, welche die Erhaltung traumatisierter Zähne begünstigen, durch Spezialisten wie die Arbeitsgruppe um J. Andreasen enorme Fortschritte erfahren, sodass heute annähernd 90% aller traumatisierten Zähne dauerhaft erhalten werden können. Welche lokalen und systemischen Maßnahmen tragen allerdings nun wirklich effektiv dazu bei?
Oberste Prämisse in der Behandlung ist im Falle der faktischen Erhaltbarkeit der Zähne die rasche Wiederherstellung der Anatomie durch – wenn notwendig – Reposition, Schienung (und die Versorgung von Weichgewebsverletzungen) und somit die Wiederherstellung einer ordnungsgemäßen Funktion aller verletzten Gewebe.
Die zweite Prämisse besteht in einer nachhaltigen Infektionsbekämpfung, die - neben der Prävention von sekundären Komplikationen - die beste und nachhaltigste Schmerztherapie darstellt. Erst darüber hinaus ist die zusätzliche abschwellende Wirkung von nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) etc. eine weitere wichtige Maßnahme, die die Erhaltung der Funktion und die Gewährleistung einer effektiven Dekontamination unterstützt.
Unter den Lokalmaßnamen steht daher – wenn notwendig – primär die schonende Reinigung und Desinfektion von Zahnoberfläche und ortsständigem Gewebe im Vordergrund. In besonderen Situationen hat auch die lokale Anwendung von antibiotischen Spülungen eine bedeutende Rolle. So gibt es eindeutige positive Erfahrungen z.B. mit der antibiotischen Vorspülung der Alveole bei Reposition stark dislozierter Zähne, der retrograden antibiotischen Infiltration bei zu replantierenden unreifen Zähnen wie auch der antibiotische Spülung von Rissquetschwunden etc.
Bei intakter Wurzelhaut replantierter Zähne wird die Applikation von Emdogain® empfohlen. Bei nicht intakter Wurzelhaut (Austrocknung) empfiehlt die Arbeitsgruppe von J. Andreasen die Anwendung von Fluoridlösungen.
Die Lokaltherapie mit z.B. 0,1% Chlorhexidin als SH-Antiseptikum bietet klare Vorteile in der Akutphase der Heilung.
Die systemische Behandlung findet im Wesentlichen an drei Fronten statt: Schmerzbehandlung, Antibiose und Tetanusprophylaxe. Die analgetische Behandlung mit vorrangig sauren NSAR soll einerseits die posttraumatische Schwellung und somit Schmerzzunahme günstig beeinflussen, aber auch den Patienten erst in die Lage versetzen, die Wiederaufnahme der Funktion und Reinigung des traumatisierten Areals bewerkstelligen zu können.
Bei deutlicher Kontamination des Wundgebietes ist - schon wegen der Prävention einer Infektausbreitung - eine systemische Antibiotikagabe zu empfehlen. Gelockerte oder
dislozierte Zähne müssen hierbei als parodontal kontaminiert eingestuft werden. Dabei kommen Penicilline oder Cephalosporine, alternativ ev. auch Makrolide oder Lincosamide zur Anwendung.
Der Stellenwert einer systemischen Antibiose wird jedoch auch unter Experten kontroversiell beurteilt. Sie soll lediglich bei klarer Indikationsstellung und nicht als Routinebehandlung erfolgen, zumal ein signifikanter Benefit einer routinemäßigen antibiotischen systemischen Therapie bei Zahntraumata nicht nachgewiesen werden konnte. Sehr hilfreich ist ein situationsbezogener Leitfaden, der für jedermann unter http://www.dentaltraumaguide.org bzw. http://www.iadt-dentaltrauma.org verfügbar und herunterladbar von der „International Association of Dental Traumatology“ online gestellt ist. Er bietet neben allgemeinen Aspekten der Zahntraumabehandlung detaillierte Empfehlungen zu den unterschiedlichen Arten der Verletzungen von Zahn, Parodontium und Alveolarfortsatz.
Die Tetanusprophylaxe ist grundsätzlich durch die nahezu ubiquitäre Verbreitung des Tetanusbazillus auch bei kleinsten Wunden indiziert. Bei frischer Verletzung von aktiv Immunisierten und länger als 5 Jahre zurückliegender Auffrischungsimpfung ist der Impfschutz durch eine solche aufzufrischen! Um die therapeutische Lücke bei fehlender oder unsicherer Grundimmunität (letzte Impfung vor 10 Jahren oder mehr, unsicher ob alle Impfungen verabreicht wurden) bis zum Einsetzen der Auffrischungswirkung zu schließen, wird simultan mit homologem Tetanusantitoxin (1000 IE Tetagam i.m.) ein passiver Impfschutz hergestellt.
Auf der 6. Jahrestagung der ARGE für Orale Chirurgie, Medizin und Radiologie, die gemeinsam mit der
9. Fachtagung der ARGE für Zahntrauma am 14. und 15. Juni 2013 in Graz stattfinden wird, soll unter anderem der Frage nachgegangen werden, welche chirurgischen, konservierenden und sonstigen supportiven Maßnahmen nun die Morbidität der Patienten und die Prognose traumatisierter Zähne nachweislich günstig beeinflussen. „Das akute Zahntrauma“ wird dabei umfassend aus allen Blickwinkeln der Zahnmedizin beleuchtet. Neben oralchirurgischen, –medizinischen, -radiologischen und kieferorthopädischen Aspekten sollen auch forensische, allgemeinmedizinische und präventive Betrachtungen das Programm abrunden. Neben klinischen Erfahrungsberichten und Tipps für den Praktiker ist es die Aufgabe dieses Kongresses, wissenschaftliche Hintergründe und deren Bedeutung für die sichere Behandlung zu
erörtern.

Stephan Acham, Graz, 3/2013

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