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Zahnheilkunde 3. Juni 2013

Kampf der Milchzahnkaries!

Frühkindliche Karies: Zu den häufigsten Risikofaktoren zählen Stillen, Armut und mangelnde Bildung.

Beim Frühjahrssymposium der Österreichischen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ÖGZMK) in Loipersdorf wurden von Dr. Maja Marotti im Themenblock „Kinderzahnheilkunde“ neue Konzepte in der Prophylaxe und Therapie von frühkindlicher fortgeschrittener Milchzahnkaries vorgestellt.

Zu Beginn ihres Vortrags leitete Dr. Maja Marotti von der Universitätszahnklinik Graz ein: „Die World Health Organisation (WHO) fordert, dass in jedem Land im Jahr 2020 80 Prozent der Sechsjährigen kariesfrei sein sollen. In Österreich kann man für die Gruppe der Zwölfjährigen sagen, dass wir nun durch recht gute prophylaktische Maßnahmen und auch gruppenprophylaktische Maßnahmen dieses Ziel bereits 2007 erreicht haben. Es gibt einen deutlichen Kariesrückgang.“

Bei jüngeren Kindern haben die aktuellen Daten von 2010 ergeben, dass in Österreich im Durchschnitt jeder Sechsjährige statistisch 2,1 kariöse Zähne hat. „Im Gegensatz dazu waren es vor fünfzehn Jahren doppelt so viele, also 4,2 kariöse Zähne“, erklärte Marotti und ergänzte: „Ein vollkommen gesundes Milchgebiss haben in Österreich 39 Prozent der Kinder, 15 Jahre davor waren es nur zehn Prozent aller Kinder. Trotzdem werden wir in dieser Altersgruppe der Sechsjährigen im Gegensatz zu den Zwölfjährigen das Ziel der WHO nicht erreichen können.“

Wer hat das höchste Risiko?

„In den Industrieländern kommt es zunehmend zu einer Polarisierung der Karies, das höchste Kariesrisiko haben Patienten mit Migrationshintergrund und niedrigem sozioökonomischen Status“, erklärte die Referentin und ergänzte, dass auch die Schulbildung der Eltern von großer Bedeutung sei. Weiters gab es im Jahr 2004 eine Publikation über die möglichen Ursachen, bei der 106 mögliche Variablen als Risikofaktoren für die frühkindliche Karies untersucht wurden: „Dabei hatte sich gezeigt, dass nächtliches Stillen und die nächtliche Gabe der Flasche besonders gefährdend waren“, fasste Marotti zusammen und berichtete von einer anderen Studie, die in Tansania durchgeführt worden war: „In Tansania stillen die Mütter viel länger als bei uns, oft bis ins vierte Lebensjahr des Kindes. Diese Studie hat ergeben, dass nicht die Dauer des Stillen sondern nur das Stillen zum Einschlafen bzw. das nächtliche Stillen frühkindliche Karies begünstigen. „Vor allem ab dem ersten Lebensjahr ist das Stillen in der Nacht oder das Anlegen an die Mutterbrust zum Einschlafen als Risiko zu sehen“, erklärte die Referentin.

In Österreich beträgt der Sanierungsgrad der kariösen Zähne bei den Sechsjährigen durchschnittlich 40 Prozent, in der Steiermark ist er etwas höher, aber auch unter 50 Prozent“, betonte die Vortragende.

Definition frühkindlicher Karies

Frühkindliche Karies wird definiert als das Vorhandensein von mindestens einer kariösen Läsion bei einem Kind, das jünger als sechs Jahre alt ist. „Wir sprechen von einer schweren, frühkindlichen Karies, wenn kariöse Flächen bei Kindern, die jünger als drei Jahre sind, vorhanden sind“, so die Vortragende. Bei Dreijährigen handelt es sich um eine schwere, frühkindliche Karies, wenn sie mehr als vier kariöse Flächen aufweisen, bei Vierjährigen, wenn sie mehr als fünf kariöse Flächen aufweisen und bei Fünfjährigen, wenn sie mehr als sechs kariöse Läsionen aufweisen.

Die frühkindliche Karies wird je nach Schweregrad nach folgendem Schema eingeteilt:

  • Typ 1: isolierte kariöse Läsionen entweder an den Milchmolaren oder Oberkieferfrontzähne. Der häufigste Grund ist eine kariogene Ernährung.
  • Typ 2: moderate Beschwerdeform. Beginnt ab dem Durchbruch des ersten oberen Milchzahns in der Front, fängt nicht an den Prädilektionsstellen wie Fissuren oder Approximalräumen an, sondern an den Glattflächen, den palatinalen oder bukkalen Flächen der Oberkieferfrontzähne. Die Milchmolaren können auch betroffen sein. Ursache hierfür ist vor allem ein unsachgemäßer Gebrauch der Nuckelflasche und das häufige Stillen, vor allem in der Nacht.
  • Typ 3: alle Milchzähne betroffen, vor allem die Unterkieferfrontzähne. Ursache ist hauptsächlich kariogene Ernährung und ungenügende Mundhygiene.

In den aktuellsten Publikationen wird beschrieben, dass zwischen sieben und 20 Prozent der Kinder, die jünger sind als sechs Jahre, an frühkindlicher Karies leiden. „70 bis 90 Prozent der betroffenen Kinder sind aus sozioökonomisch benachteiligten Familien“, erklärte Marotti.

Prophylaxekontrollen obligat

Die Referentin betonte, dass nach der Behandlung kurzfristige dreimonatige Prophylaxekontrollen beim niedergelassenen Zahnarzt notwendig seien: „Diese Kinder dürfen nicht aus den Augen gelassen werden!“

Die Anfertigung von Platzhaltern ist notwendig – vor allem, wenn es zu einem Verlust von Dreier, Vierer oder Fünfer gekommen ist. Die Referentin informierte weiters: „In manchen großen Fällen, wenn mehrere Milchmolaren extrahiert werden müssen oder wenn sogar alle Zähne extrahiert werden müssen, müssen wir das Milchgebiss rekonstruieren und das Kind erhält ein Teil- oder Vollprothese. Damit ermöglichen wir dem Kind das Kauen, das Essen, die normale Sprachentwicklung und die Ästhetik ist wieder hergestellt. Uns ist besonders wichtig, dass die Kinder nicht gehänselt werden im Kindergarten.“

Xylit-haltige Kaugummis in der Schwangerschaft

Bezüglich der Prävention gibt es Empfehlungen der Europäischen Akademie für Kinderzahnheilkunde: „Die Prävention beginnt bereits in der Schwangerschaft mit einer Keimreduktion und sorgfältiger professioneller Zahnreinigung beider Eltern, nach der Schwangerschaft sollen Xylit-haltige Kaugummis verwendet werden, um den Infektionsweg der Bakterien zu verlangsamen“, erklärte Marotti.

Die erste Kontrolle beim Zahnarzt sollte bereits im ersten Lebensjahr stattfinden. „Dabei geht es mir aber nicht darum, zu bestimmen welche Zähne schon durchgebrochen sind, sondern eher darum, die Eltern über richtige Ernährung aufzuklären und sie über die Risiken von nächtlichem Stillen und nächtlicher Flaschengabe zu informieren. Die Eltern müssen auch wissen, dass ab dem ersten Lebensjahr einmal täglich und ab dem zweiten Lebensjahr zwei Mal täglich mit einer fluoridhaltigen Zahncreme geputzt werden muss“, schilderte die Vortragende. Marotti betonte am Ende ihres Vortrags noch einmal, dass die frühkindliche Karies eine besonders virulente Form der Karies ist durch den raschen und progredienten Verlauf das gesamte Gebiss zerstören kann.“

I. Zachenhofer, Zahnarzt 6/2013

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