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Prof. Raffaele Spena: konventionelle Frühbehandlungen auch bei ausgeprägteren Malokklusionen.

Die Okklusionsebene ist ein zentrales Thema bei KFO-Behandlungen und stand auch im Mittelpunkt des Vortrages von Prof. Ales Celar.

 
Zahnheilkunde 4. April 2013

Schwerpunkt: Wachstum

Wachstum, Malokklusionen, Autotransplantationen und Schienentherapie – Themen, die bei der 42. Internationalen Kieferorthopädischen Fortbildungstagung in Kitzbühel heiß diskutiert wurden.

Heranwachsende Kinder mit Klasse II und III Malokklusionen zu behandeln, ist herausfordernd. Viele Faktoren müssen berücksichtigt werden, allen voran das Kieferwachstum, da jedes Kind individuell therapiert werden muss.

Hinzu kommt, dass die Literatur, was den Beginn des Zeitpunktes bei Malokklusionen anbelangt, widersprüchlich ist, so Prof. Raffaele Spena aus Italien. Rückblickend auf seine Erfahrung empfiehlt der Experte gerade bei Malokklusionen früh mit der Behandlung anzufangen: „Je eher man die Behandlung beginnt, umso größer ist die skelettale Veränderung.“ Selbst in Situationen, bei denen eine Operation schulmedizinisch eindeutig indiziert ist, macht es für den Experten Sinn, in einzelnen Fällen trotzdem frühzeitig konventionell zu starten. Sobald der Over-Jet 7mm erreicht bzw. überschreitet, ist es Zeit mit der Behandlung zu beginnen, zeigt sich Spena überzeugt. Häufig beginne er mit der 4x2-Apparatur. Bei ausgeprägten Klasse-II/I- oder Klasse-III-Malokklusionen bietet es sich seiner Meinung nach an, die Frontzahnbrackets um 180 Grad gedreht zu kleben, um so eine stärkere Tourqewirkung zu erzielen. „Die Straight-Wire-Technik ist ursprünglich ja nicht für Klasse-III-Malokklusionen entwickelt worden“, gibt er zu bedenken. Daher sei es notwendig, entsprechende Adaptionen durchzuführen.

Die Ursachen vom Grund auf behandeln

„Früher war es tabu, an der Okklusionsebene anzusetzen“, führt Prof. Ales Celar in das von Sato favorisierte Therapiekonzept zur Behandlung von Malokklusionen ein. Die Neigung der Okklusionsebene, die nach Sato eine zentrale Rolle für das Verzahnungsmuster und damit auch für die Entstehung einer Malokklusion spielt, empfiehlt der Experte gegebenenfalls zu verändern: „Ein Abflachen der Okklusionsebene verstärkt die Klasse III. Im Gegensatz dazu führt ein Steilerwerden der Kauebene zu einem Mehr an Klasse II.“ An dieser Stelle zeigt er auch, wie man mittels Multi-Loop Mechanik und kurzen Gummizügen die Klasse II und Klasse III sowie Laterognathien wirkungsvoll behandelt. Der klare Vorteil, den Celar bei dieser Methode schätzt: „Die kausalen Ursachen der Fehlbisse werden direkt behandelt und so stabilere Ergebnisse erreicht.“

Wachstum und Ästhetik

Kieferorthopäden müssen sich heute nicht nur mit Malokklusionen auseinander setzen: Entscheidend für die Behandlungsplanung und den Behandlungserfolg ist, wie auch Dr. Christian Per Rank aus Dänemark betont, die möglichst korrekte Vorhersage des Kieferwachstums. Dass dies in der Praxis nicht immer einfach ist und auch nicht nur nach einem vorhersehbaren Muster verläuft, darin unterstützt ihn mitunter Prof. Martin Borkenstein aus Österreich, der über die Vielzahl von Determinanten spricht, die zum Beispiel auf das Längenwachstum des menschlichen Organismus einwirken und denen es durch die verschiedenen Beurteilungsmethoden gerecht zu werden gilt.

„Mit den dentalen und skelettalen Veränderungen gehen auch Gesichtsveränderungen einher. Diesen sollte mehr Beachtung geschenkt werden“, so Prof. Stephen Richmond aus Großbritannien. Traditionelle Diagnosegrundlagen, wie Modelle und seitliche Fernröntgen sind seiner Meinung nach nicht ausreichend und sollten mit 3D-Analysen ergänzt werden, um mit diesen dreidimensionalen Parametern eine möglichst korrekte Vorhersage der Weichteilveränderungen treffen zu können.

Mit sichtbaren Aspekten, wenn auch aus einem ganz anderen Blickwinkel, beschäftigt sich DDr. Bärbel Reistenhofer aus Österreich: „Die Schienenserientherapie ist eine ernst zu nehmende Alternative zur festsitzenden Therapie. Selbst komplexere Fälle von Malokklusionen können mit und ohne kieferchirurgischer Begleittherapie heute erfolgreich therapiert werden.“

Schlüsselfaktor Autotransplantation

Autotransplantationen sind nach den Experten Dr. Ewa Czochrovska und Dr. Pawel Plakwicz, beide aus Polen, eine effektive Möglichkeit, heranwachsenden Patienten fehlende Zähne zu ersetzen, z.B. bei Aplasien im Bereich der 2er oder 5er oder nach Zahnverlust durch ein Trauma. Vorzugsweise sollte zum Zeitpunkt, an dem sich die Zahnwurzel zu 50 und 75 Prozent ihrer Länge entwickelt hat, transplantiert werden. „Prämolaren als Spender sind zu bevorzugen, da sie sich aufgrund ihrer Morphologie und Position im Kieferbogen dazu gut anbieten“, sagen die beiden Profis. Die Herausforderung sei es nicht nur funktionelle oder ästhetische Zufriedenheit zu erzeugen, sondern einen Zahn zu haben, der eine möglichst genaue Anpassung des Kieferknochens ermöglicht.

Kritisch hinterfragt

Die Fortschritte der letzten Jahre in der Kieferorthopädie sind beeindruckend. Doch sie sollten immer auch kritisch hinterfragt werden, meinen die beiden aus Großbritannien kommenden Professoren Kevin O’Brien und Jonathan Sandler. „Nur ein geringer Prozentsatz der veröffentlichten Arbeiten erfüllt unsere Ansprüche an wissenschaftliche Studien“, ist die kritische Bilanz der beiden. Nach Gegenüberstellung ihrer Auswertungen kommen sie etwa zu dem Schluss, dass Frühbehandlungen kein signifikant besseres Ergebnis liefern. Einziger Vorteil der Frühbehandlung ist nach Ansicht von O’Brien und Sandler, dass bei einem Trauma das Risiko für einen Folgeschaden um 40 Prozent sinkt, nicht aber die Traumahäufigkeit selbst. Nachteilig sind ihrer Meinung nach die zwei Phasen der Behandlung und die damit verbundenen höheren Kosten für den Patienten. Daher würden sie selbst vorzugsweise nach Abschluss der Wechselgebissphase unter Zuhilfenahme diverser chirurgischer Techniken und Minischrauben behandeln.

Lesen Sie auch das Interview mit Tagungsleiterin Doz. Dr. Brigitte Wendl:

Entscheidungshilfe durch gute Planung

A. Scheiderbauer und V. Scheiderbauer, Zahnarzt 4/2013

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