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Zahnheilkunde 21. Februar 2013

Der Maschinenbauer

Die Technik lag James Beall Morrison im Blut. Er erfand den Bohrer mit Pedalantrieb.

Mit Erfindergeist und viel Gespür machte sich der US-amerikanische Zahnarzt James Beall Morrison daran, sein handwerkliches Wissen und sein zahnärztliches Können in einer Maschine zu vereinen, die für die Zahnheilkunde eine weitere Revolution bedeutete: Morrison konstruierte die erste Tretbohrmaschine.

Kranken Zähnen rückte man in den vergangenen Jahrhunderten zumeist mit Brechstange und Zange zu Leibe. Von Zahnerhaltung und der Behandlung kranker Zähne hielten viele Zahnärzte nichts - nicht zuletzt, weil sie gar nicht wussten, wie sie die Zähne von Karies befreien sollten. Zwar hatten Zahnmediziner seit Fauchards Zeiten schon Bohrer verwendet, aber der rechte Schliff war mit diesen Geräten, die zumeist zwischen Daumen und Zeigefinger gezwirbelt wurden, nicht drin. Seit dem ersten Jahrhundert nach Christus, als der griechische Arzt Archigenes im alten Rom schmerzende Zähne mit feinen Stäbchen aufgebohrt hatte, hatte sich mehr als anderthalb Jahrtausende nicht viel verändert. Im Jahr 1790 hatte der New Yorker Zahnarzt John Greenwood erste Versuche mit einem Tretbohrer gemacht, dessen System auf dem Antrieb eines Spinnrads beruhte. Durchsetzen konnte sich die Methode damals nicht. Vermutlich war die Zeit für zahnerhaltende Maßnahmen damals einfach noch nicht reif. Erst knapp achtzig Jahre später fand die Bohrmaschine Anklang – und revolutionierte die Zahnheilkunde.

Vorbild Nähmaschine

Der Zahnarzt James Beall Morrison, Sohn eines Wagenbauers und Neffe eines Uhrmachers aus Ohio, hatte eine Maschine erfunden, die sich mit einem Pedal antreiben ließ. Abgeschaut hatte er die Konstruktion vermutlich den ersten pedalgetriebenen Nähmaschinen Isaac Singers, dessen Name noch heute für qualitativ hochwertige Nähmaschinen steht. Einigermaßen sportlich musste der Zahnarzt schon sein, um den Bohrer rotieren zu lassen: Aber immerhin schaffte die Maschine bis zu 2.000 Umdrehungen pro Minute. Genug Geschwindigkeit, um Zahnschmelz und Dentin zu durchschneiden. Verglichen mit heutigen Maßstäben und Bohrern, die eine Geschwindigkeit von bis zu 400.000 Umdrehungen pro Minute erreichen, ist die Zahl geradezu winzig. Für die Patienten allerdings war sie ein riesiger Schritt, vor allem hin zu einer weniger schmerzhaften Behandlung. Morrison ließ sich seine Erfindung patentieren und trat damit einen Siegeszug um die Welt an.

Seine erste Maschine verkaufte er 1872 bei einem Zahnärztetreffen im Staat New York. Und es dauert nicht besonders lange, bis die pfiffige Erfindung über den Atlantik in die Alte Welt gelangte. Zwar war es maßlos übertrieben, dass die Behandlung mit dem neuen Bohrer „vollständig schmerzlos“ sei, wie der Berliner Spezialarzt für Zahn- und Mundkrankheiten, Heinrich Breslauer, schwärmte, aber der Bohrer hielt unaufhaltsam Einzug in die Praxen. Zugute kam ihm auch, dass das Schleifmaterial immer elaborierter wurde und schließlich Diamantschleifer eingesetzt wurden.

Strombetriebenes Konkurrenzprodukt

Zu der Zeit von Morrisons Erfindung gab es einige Irrungen und Wirrungen in Sachen Bohrmaschine. Einige Ideen erwiesen sich als zu kompliziert, andere als völlig unpraktikabel, weil in der Zahnmedizin ja schließlich auf beschränktem Raum gearbeitet werden muss. Und selbst die erste „electric burring engine“, die im gleichen Jahr vorgestellt wurde wie Morrisons Pedalvariante, fiel zunächst komplett durch. Elektrizität war damals noch neu und vielen Menschen ausgesprochen suspekt. Das Problem des Bohrers war zudem seine Unberechenbarkeit, denn der Stromfluss war damals noch nicht zuverlässig. Deshalb entglitt so manchem Zahnarzt die Geschwindigkeit. Und unhandlich war der Bohrer obendrein. Das mechanische Pedal und die kontrollierte Kraftübertragung von Morrisons Maschinen hingegen waren von unerschütterlichem Vorteil. Erst Jahre später wurde der Pedalantrieb von einem Siemens-Motor übertrumpft. Bis dahin jedoch war Morrison einer der großen Helden der Zahnheilkunde.

S. Schmitt, Zahnarzt 3/2013

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