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Zum Nulltarif werden Hunderte Patienten pro Tag behandelt.

Die Einheimischen warten geduldig auf Hilfe.

© (4) www.merciships.de

Andere Länder, andere Zähne: In Afrika warten ungewohnte Situationen.

 
Zahnheilkunde 21. Februar 2013

Mit dem Bohrer vor Afrika

Hilfseinsatz per Schiff: Vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit warten die Kranken, um auf den rettenden Zahnarztstuhl zu gelangen.

Alle acht bis zehn Monate legt die „Africa Mercy“ jedes Jahr in einer westafrikanischen Hafenstadt an. Tausende Menschen warten auf das „Schiff der Barmherzigkeit“, denn die umgebaute Autofähre, die einst zwischen Deutschland und Dänemark verkehrte, bringt Hoffnung: Auf dem schwimmenden Krankenhaus der Hilfsorganisation „Mercy Ships“ arbeiten Ärzte, Chirurgen und Zahnärzte – ehrenamtlich, engagiert und mit vollem Einsatz. Ihre mobilen Einheiten richten die Zahnmediziner an Land ein und befreien dort jeden Tag Hunderte von teils jahrelang ertragenen Schmerzen.

Eine Schlange aus Menschen windet sich über den gestampften Lehmboden. Frauen, Männer, Kinder – so weit das Auge reicht. Wenn Dr. Daniel Florin und die drei anderen Zahnärzte des Dentalteams der „Mercy Ships“ morgens die Arbeit in ihrer mobilen Praxis aufnehmen, wissen sie, dass sie längst nicht allen helfen können, die so geduldig draußen warten. Sie werden wiederkommen – die Zahnärzte und auch die Wartenden. Am nächsten Morgen, am übernächsten oder am Tag danach, so lange bis das „Schiff der Barmherzigkeit“ wieder ablegt und Kurs auf ein anderes Land nimmt, in dem die Hilfe der Mediziner gebraucht wird.

Zug- und Autodecks sind jetzt Operationssäle

Fast zehn Monate liegt das größte Hospitalschiff der Welt– die „Africa Mercy“ – jedes Jahr in einem der ärmsten Länder Welt vor Anker. Der schwimmende Riesenkahn beherbergt eine kleine, autarke Stadt, ein Heer von freiwilligen Helfern, die im Dienste der Menschlichkeit unterwegs sind. Herzstück der ehemaligen Fähre sind die umgebauten Zug- und Autodecks, in denen jetzt sechs Operationssäle, Labore und Krankenstationen untergebracht sind. Rund 400 Menschen leben und arbeiten ständig auf dem Schiff, das den Ärmsten und Hilfsbedürftigsten Hoffnung und Gesundheit bringt. Vom Kapitän bis zur Putzhilfe bekommt niemand Geld für seine Arbeit auf dem Schiff. Dutzende Mediziner kommen jedes Jahr an Bord, um kranke Menschen kostenlos zu behandeln. Die Besatzung ist ständig im Wechsel.

Zahnärzte behandeln 300 bis 400 Patienten täglich

Auch Zahnärzte sind dabei; nur behandeln sie ihre Patienten nicht auf dem Schiff, sondern an Land. „Das ist eine Sicherheitsmaßnahme“, erklärt der Schweizer Zahnarzt Dr. Florin das Vorgehen. „Es muss zu jeder Zeit klar sein, wer sich auf dem Schiff befindet.“ Der tägliche Ansturm auf die Behandlungsstühle würde dieses Sicherheitskonzept sprengen. Also kommen die Zahnärzte zu den Patienten und nicht umgekehrt. Vom ersten Sonnenlicht bis zum Einbruch der Dunkelheit behandeln die Zahnmediziner wie am Fließband: 300 bis 400 Patienten täglich. „Das ist ein Knochenjob“, sagt Florin, der bereits viermal im Afrika-Einsatz war.

Von der Arbeit in seiner Schweizer Praxis ist die in Afrika meilenweit entfernt. Füllungen? Fehlanzeige. Prophylaxe? Wie soll das gehen? Die meisten Patienten haben in ihrem Leben noch keinen Zahnarzt gesehen, geschweige denn die Grundbegriffe der Zahnpflege gelernt noch die Möglichkeiten dazu. Was bleibt? Zähne ziehen, um Leid zu mindern. „Das ist Zahnheilkunde wie im Mittelalter“, meint Florin. „Hier sterben noch Menschen an faulen Zähnen.“ Abszesse seien an der Tagesordnung: „Da hilft oft nur ein beherzter Schnitt, bevor alles zu spät ist.“

Bevor der Zahnmediziner in Afrika behandelte, hatte er kaum mit solchen Krankheitsbildern zu tun. „Und wenn ich einen schlimmen Abszess gesehen habe, dann habe ich den Patienten ganz schnell in die Uniklinik überwiesen“, sagt der 58-Jährige. „Nur in Afrika gibt es so etwas nicht, und unser Kieferchirurg an Bord hat meistens schon genug zu tun, ohne dass wir ihm noch Patienten schicken.“

Schnelle Hilfe durch beherztes Zugreifen

Denn die Operationen an Bord der „Africa Mercy“ sind nach strengem Rhythmus vorgeplant. Wochen, bevor das Schiff anlegt, kommen die Patienten, die Hilfe brauchen, in Fußballstadien zusammen. Dort werden sie von Ärzten untersucht – und bekommen im besten Fall einen Termin auf dem Schiff. „Einigen muss man auch sagen, dass wir nicht helfen können“, berichtet Dr. Florin. Bei bösartigen Tumoren reichen oft die Behandlungsmöglichkeiten an Bord nicht. „Das sind dann die härtesten Momente.“ Meistens jedoch – und das ist das Einzigartige an der Zahnmedizin – kann den Patienten durch beherztes Zugreifen schnell geholfen werden.

In Lausanne gründeten die Brüder Don und Deyon Stephens 1978 die Hilfsorganisation „Mercy Ships“. Ein ausgemustertes Kreuzfahrtschiff nahm mit seinen ehrenamtlichen Helfern damals Kurs auf die Küste Afrikas. Hunderttausenden Menschen konnten die Mediziner und Fachleute an Bord seitdem helfen. Beinahe 300.000 Zahnbehandlungen wurden vorgenommen, bei mehr als 100.000 Zahnpatienten Schmerzen gelindert. Die Arbeit von „Mercy Ships“ überzeugte Florin, als er 2007 zu seinem 20-jährigen Praxisjubiläum etwas Besonderes tun wollte, etwas zurückgeben wollte, weil es ihm in seinem Leben gut ergangen war. Für sieben Wochen ging der Zahnarzt damals nach Liberia. Statt seiner 20 Patienten pro Tag behandelte er um die 100 – unter erschwerten Bedingungen.

Arbeit wie im Bergwerk – ohne Strom

Viermal war der Zahnarzt aus Wettingen in der Nähe von Zürich inzwischen an Bord der „Africa Mercy“. Zweimal war er in Liberia, danach in Togo und Sierra Leone. Dort behandelte er auch im Landesinneren Patienten. „800 Zähne habe ich dort an einem Tag gezogen.“

Der Schweiß tropfte ihm in die Brille, die alle fünf Minuten geradezu voll lief: Arbeit wie im Bergwerk. Strom gab es keinen, Hebel, Zange, Meißel waren die einzigen Instrumente. „Vor 100 Jahren hat man wohl bei uns so behandelt“, schätzt der Zahnarzt. In Sierra Leone versorgte er auch Strafgefangene im Gefängnis. „Es waren grauenhafte, unbeschreibliche Verhältnisse“, berichtet der Schweizer. „Einfach unerträglich.“ Junge Kerle saßen dort, von einer zweifelhaften Gerichtsbarkeit zu langen Haftstrafen verurteilt. „Da ist mir fast der Spiegel aus der Hand gefallen“, sagt er. „Was blieb, war einzig das Gefühl, dass sie jetzt wenigstens keine Zahnschmerzen mehr haben.“ Abgeschreckt hat den passionierten Zahnarzt dies alles nicht davor, wieder zurückzukehren. Ganz im Gegenteil: „Mich hat es voll erwischt; es lässt mich einfach nicht mehr los“, betont Florin immer wieder.

Das Afrika-Virus hat den Schweizer Zahnarzt im Griff

Seine Arbeit in Afrika hat Florins Sicht auf die Welt verändert. Vielleicht ist er politischer geworden, vielleicht einfach kritischer. „Ich habe immer mehr Mühe, zurückzukommen in diese vollfette Gesellschaft“, sagt der Zahnarzt. „Wir sind hier so verwöhnt. Wir leben in einer Superblase.“Zwiespältig sei sein Leben geworden, meint er: Wenn er in Afrika ist, frage er sich, warum er sich das eigentlich antue. „Ich könnte es doch viel bequemer haben“, lacht er. Und wenn er nach seinen Einsätzen zu Hause in seiner gut gehenden Praxis ankomme, wo die Arbeit umso vieles leichter ist, plant er die Rückkehr an Bord. „Das ist das Afrika-Virus. Ich muss immer wieder hin.“ Dass er nicht allen helfen kann, ist Florin ebenso bewusst wie die Tatsache, dass sein Tun an den politischen Verhältnissen nichts ändern wird. Nur ist das kein Grund für ihn, gar nichts zu tun.

Unterstützung durch Patienten

„Ich weiß, es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, da mache ich mir nichts vor“, sagt er. „Aber immerhin habe ich die Möglichkeit genutzt, ein bisschen zu helfen.“ So lange er die Kraft habe, in Afrika zu helfen, werde er es tun. Auch seine Patienten zu Hause unterstützen ihren Zahnarzt nach Kräften mit Spenden für „Mercy Ships“ oder auch mit Altgold, das für die Hilfsorganisation gesammelt wird. „Ich bin kein Typ, der große Kampagnen startet“, sagt der Zahnmediziner. „Aber so läuft das gut.“ In diesem Jahr geht Dr. Florin im Oktober in Guinea an Bord. Was ihn erwartet, weiß er nicht. Nur eines ist gewiss: Auch diesmal werden die Patienten wieder Schlange stehen.

Nähere Informationen unter: www.mercyships.de.

S. Schmitt, Zahnarzt 3/2013

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