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Chefs schieben Schwierigkeiten oft einer bestimmten Person zu.
 
Zahnheilkunde 26. September 2012

So biegen wir uns die Welt zurecht!

Menschen haben das Bedürfnis, die Welt um sich herum zu erklären. Die Suche nach Gründen für das eigene Verhalten oder für das der Mitmenschen ist elementar.

Gerade in der Arbeitswelt werden allerdings häufig vorschnell Zuweisungen getroffen, die nicht besonders förderlich für eine Zusammenarbeit sind. Die Attributionsforschung, einfach ausgedrückt – die Forschung auf der Suche nach den Zuschreibungen – bringt interessante Details an den Tag!

Folgendes Szenario: Eine Mitarbeiterin kommt zu spät in die Zahnarztpraxis. Für die immer pünktliche Kollegin Mia Meier ist sofort klar: „Die Partymaus hat mal wieder verschlafen“, während Kollegin Susi Schulze denkt: „Die Arme, sie ist bestimmt in einen Stau gekommen“. Diese beiden Sichtweisen zeigen sehr deutlich zwei häufige Formen der Attribution, also der Zuschreibung: Die erste zielt auf die Person, die zweite auf die äußeren Umstände. Darin spiegelt sich ein Grundproblem wider: Der Einfluss der Persönlichkeit („Die Partymaus“) wird deutlich überschätzt und die äußeren Faktoren („… in einen Stau gekommen“) dagegen erheblich unterschätzt. Diese menschliche Eigenschaft wird von Forschern als „fundamentaler Attributionsfehler“ bezeichnet.

„Fundamentale Attributionsfehler“ in der Arbeitswelt

In der Zahnarztpraxis spielt dieser „fundamentale Zuschreibungsfehler“ bei der Führung von Mitarbeitern eine wichtige Rolle. Chefs neigen häufig dazu, situationsbedingte Schwierigkeiten einer Person zuzuschreiben, während organisatorische Ursachen, die beispielsweise in der Organisationsstruktur oder dem weiteren Umfeld liegen, unterschätzt werden. Vor allem dann, wenn es um schlechte Arbeitsleistungen geht!

Umgekehrt verhält es sich häufig beim eigenen Verhalten einer Führungskraft. Wenn etwas in der Praxis nicht funktioniert, wird das häufig externen Faktoren zugeschrieben.

Was nicht passt wird passend gemacht!

Dann sind beispielsweise das zuliefernde Zahnlabor und deren Mitarbeiter schuld – oder aber die Mitarbeiter im eigenen, engeren Kreis. Keinesfalls aber die fehlerhaften Absprachen und der mangelnde Informationsfluss, der durch die eigene Person verursacht wurde. Durch solche Zuschreibungen und Denkprozesse bleiben aber häufig die realen Probleme unerkannt.

Zuschreibungen in allen Bereichen des Lebens

Diese Form der Zuschreibungen findet sich übrigens nicht nur im Berufs- sondern auch im Privatleben wieder. So zeigen Untersuchungen von zufriedenen Ehepaaren, dass sie das positive Verhalten des Partners häufig der Person zuschreiben („Er ist halt ein sehr liebevoller Mensch), während das negative Verhalten externen Umständen zugeschrieben wird („Er hatte Stress auf der Arbeit und war deshalb unwirsch“). Im Gegensatz dazu tendieren unglückliche Paarbeziehungen dazu, es genau umgekehrt zu handhaben. Das positive Verhalten wird also der Umwelt zugeschrieben, das negative der Person. Wen wundert es da, dass es weiter kriselt…

Sich selbst auf die Schliche kommen

Mit einem „Dreh“ bei der Zuschreibung kann eine Situation eine ganz andere Bedeutung bekommen. Somit ist das Erkennen von „Zuschreibungsmustern“ bei sich und bei anderen ein starkes kommunikatives Werkzeug um Verhalten und Reaktionen zu steuern. Das gilt für das Berufs- ebenso wie für das Privatleben. Das Problem: Zu gerne biegen wir uns die Welt so zurecht, wie wir sie gerne hätten. Die Selbsterkenntnis über die eigenen Zuschreibungen ist oft die große Hürde, denn hier heißt es zunächst einmal sich selbst auf die Schliche zu kommen!

Zur Person

Frank Wittke

Frank Wittke arbeitet als Trainer und Autor im Bereich Rhetorik und Führungskommunikation in Dortmund, Deutschland. Er hat Organisationspsychologie und Journalistik studiert und nach mehreren Jahren bei einer mittelständischen Wirtschaftsberatung das Trainingsinstitut „Qualit-Training“ gegründet. www.frank-wittke.de

F. Wittke, Zahnarzt 10/2012

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