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Dr. Wolf-Dieter SeeherZahnarzt in Münchenmit den Schwerpunkten Funktionstherapie, Implantatprothetik und ParodontologieSeeher
 
Zahnheilkunde 3. September 2012

Auslöser und Therapie von funktionellen Beschwerden

Kraniomandibuläre Dysfunktionen: Wenn die initiale Behandlung wirkt, lässt sich laut Experten meist auch ein langzeitstabiles Ergebnis erzielen.

Die Symptome bei Funktionsstörungen des Kausystems (CMD kraniomandibuläre Dysfunktionen) sind vielfältig und gehen häufig über den Bereich des Kopfes hinaus. Über die möglichen Symptome und Therapiekonzepte informiert Dr. Wolf-Dieter Seeher, Spezialist für Funktionsdiagnostik und -therapie aus München, im Interview.

Wie bewerten Sie die aktuelle Wertschätzung der Funktionsdiagnostik und -therapie innerhalb der Zahnmedizin?

Seeher: Nach meinem Eindruck wird den funktionellen Aspekten der Zahnheilkunde wieder mehr Wert beigemessen. Einerseits stellt man mit Zunahme von vollkeramischen Rekonstruktionen, und hier insbesondere von implantatgetragenen, fest, dass Schäden an relativ neuen Kronen oftmals auf funktionelle Defizite der Kauflächengestaltung zurückzuführen sind. Andererseits sprechen sich die Zusammenhänge zwischen Okklusion, Kieferpositionierung und Problemen im Stütz- und Bewegungsapparat nicht nur in Fachkreisen, sondern auch bei den betroffenen Patienten zunehmend herum. Gerade der ärztliche Aspekt unseres Berufs wird dadurch mehr gefordert und gefördert.

Welchen Einfluss hat Ihrer Meinung nach die Okklusion als Auslöser bei CMD?

Seeher: Okklusionsprobleme sind häufig Auslöser funktioneller Beschwerden. Natürlich gibt es eine große Zahl von symptomfreien Menschen, deren Okklusion weit von unseren Idealvorstellungen entfernt ist. Bei ihnen ist die Kompensations- fähigkeit nicht überfordert, und deswegen können sie mehr oder weniger gut damit leben. Wenn aber durch andere Einflüsse diese Möglichkeit des Körpers, auch mit ungünstigen Bedingungen zurechtzukommen, erschöpft ist, kommt es zum Symptom, oft an ganz anderer Stelle, beispielsweise im Rücken.

Bereits bei jungen Patienten findet man einen extremen Bruxismus mit stark abradierten Zähnen. Wie sollte hier die langfristige Therapie aussehen?

Seeher: Zunächst sollten die Ursachen eruiert werden. Wenn diese nicht erkannt oder nicht beseitigt werden können, muss man sich auf eine langfristig temporäre Therapie konzentrieren, die im Wesentlichen Schutzmaßnahmen beinhaltet. Hierzu gehören Okklusionsschienen und okklusale Rekonstruktionen in Kunststoff, die im Sinne eines Bremsbelags im Laufe der Zeit erneuert werden müssen. Oft sind psychische Probleme bzw. ein hoher Stressfaktor Mitursache der CMD-Problematik.

Wie sieht Ihre Behandlung aus?

Seeher: Wichtig ist zunächst, dass man das erkennt und den Patienten bzw. die Eltern darüber aufklärt. Hilfestellung kann man auch durch Hinweise auf Möglichkeiten geben, wie man Belastungen reduzieren bzw. mithilfe von Entspannungsmethoden die Auswirkungen abmildern kann. Angesichts der hohen Zahl von Kindern in problematischen Familienverhältnissen und - oft durch die Eltern verursachten – schulischen Überforderungen sind unsere Möglichkeiten hier leider sehr begrenzt.

Welche Schienen setzen Sie zur Behandlung von Funktionsstörungen ein?

Seeher: In den meisten Fällen kommt bei mir eine Entspannungs- oder Positionierungsschiene mit Fronteckzahnführung zur Anwendung, die ich aus vielerlei Gründen fast ausschließlich im Unterkiefer eingliedere. Insbesondere ist diese Position für den Patienten wesentlich komfortabler, was zu einer erheblich besseren Compliance als bei Oberkiefer-Schienen führt.

Vor vielen Jahren habe ich das Konzept der reziproken Führung vorgestellt. Es handelt sich um ein flexibles Konzept zur individuellen Front- und Eckzahnführung bei UK-Schienen, bei dem die Schneidekanten und Eckzahnspitzen der OK-Zähne auf frontalen Führungsflächen der UK-Schiene gleiten. Dadurch kann man auch im UK alle funktionell wichtigen Parameter wie bei einer Michigan-Schiene gezielt einstellen. Eine Michigan-Schiene ist eine verbreitete Okklusionsschiene im OK, bei der sowohl die laterale als auch die protrusive Führung durch Kontakt der UK-Eckzähne zu Führungsflächen im OK-Eckzahnbereich erreicht wird. Bei manchen Patienten kann zumindest initial eine Schiene mit ausschließlich frontalem Aufbiss zu einer Reduzierung der Muskelaktivität führen. Eine solche Schiene ohne gelenkprotektive seitliche Abstützung sollte aber nur verwendet werden, wenn der Patient keine Arthropathie hat.

Können Sie kurz beschreiben, wie Sie bei einem Patienten die Zentrik ermitteln?

Seeher: Prinzipiell sollte sich der Zahnarzt so wenig wie möglich selbst manipulierend in das Registrat einbringen, denn wir wollen ja die optimale Situation der Gewebe und nicht unsere Kunstfertigkeit feststellen. Deswegen darf der UK des Patienten aus meiner Sicht nicht im eigentlichen Sinne geführt oder anderweitig manipuliert werden. Dabei ist allerdings zu beachten, dass bei den meisten Patienten der UK mehr oder weniger deutlich protrudiert, wenn sie zum freien Mundschluss aufgefordert werden. Damit kann eine optimale Kondylenposition auch nicht gefunden werden. Deswegen möchte ich zwar keine „Führung“, aber dennoch eine leichte „Fühlung“ ohne dorsalen Kraftvektor. Für ein initiales Registrat zur Okklusionsanalyse bzw. Aufbissschiene verwende ich nach wie vor eine „Beauty-pink“-Wachsplatte mit von vorn nach hinten sequenziell aufgetropftem Aluwachs und einer abschließenden Kontrollbeschichtung der Impressionen mit Dycal. Bei definitiven Rekonstruktionen ist es am sinnvollsten, die vorher zum Beispiel mit einer Schienenvorbehandlung eingestellte optimale UK-Position durch Einschleifen und temporäre Aufbauten so zu fixieren, dass der Patient dann eine zentrische Okklusion hat und man in der Präparationssitzung ein einfaches habituelles Registrat mit einem Kunststoff-Registriermaterial ohne Risiko einer unbemerkten Abweichung machen kann.

Verwenden Sie ein bestimmtes Okklusionskonzept bei Ihren Restaurationen?

Seeher: Nach wie vor scheint mir das Konzept des gegenseitigen Schutzes von Front- und Seitenzähnen sinnvoll zu sein: Die Front- und Eckzähne schützen die Seitenzähne durch Disklusion vor exzentrischen Überlastungen, und umgekehrt sorgen die Seitenzähne durch einen intensiveren Kontakt in statischer Okklusion dafür, dass die Front beim Pressen nicht überlastet wird. Daher wenden wir, soweit möglich, eine Fronteckzahnführung an und versuchen durch eine sequenzielle Laterotrusionsführung in der Exkursion die weiter hinten gelegenen Seitenzähne durch die vorderen zu entlasten. Dies wird dadurch bewirkt, dass die Seitenzähne eine von vorn nach hinten flacher werdende laterotrusive Führung aufweisen.

Wie stellen Sie die Okklusion bei Implantatsuprakonstruktionen ein?

Seeher: Da mache ich keinen Unterschied zu zahngetragenen Rekonstruktionen. Allerdings sollte der statische Kontakt einen Hauch schwächer als bei benachbarten Zähnen sein, damit die Sensorik der natürlichen Zähne zum Tragen kommen kann und damit beim Pressen der Druck nicht ausschließlich auf den Implantaten liegt.

Ist das Einschleifen von Gebissen heute noch indiziert?

Seeher: Wenn Sie das im Sinne des Umschleifens kompletter Okklusionen meinen, bin ich eher zurückhaltend, denn das stellt einen erheblichen Eingriff dar, der möglicherweise erst zu Problemen führen kann. Es ist abhängig von einer Nutzen-Risiko-Betrachtung: Wenn ich Anhaltspunkte dafür habe, dass die aktuelle Okklusion zu Problemen geführt hat oder dies voraussichtlich eintreten wird, dann schleife ich nach den oben genannten Kriterien zurückhaltend ein. Wenn ein älterer Mensch trotz einer mangelhaften Okklusion dank muskulärer Passivität aber keine Symptome entwickelt hat, gibt es aus meiner Sicht keinen Grund einzugreifen.

Laut Studien haben viele Kinder bis zum zwölften Lebensjahr schon Kopfschmerzerfahrungen. Sehen Sie Verbindungen mit dem kraniomandibulären System?

Seeher: Hier spielen häufig auch Körperhaltung und psychische Belastungen eine große Rolle. Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit Wechselgebiss und während KFO- Behandlung ist über Jahre die Okklusion suboptimal. Wenn dann intensive Muskelanspannungen wie bei Bruxismus bestehen, kann dies auch zu Kopfschmerzen führen.

Das Gespräch führte Marcel Zöllner
Der ungekürzte Originalartikel ist nachzulesen in:
der junge zahnarzt 2/2012 © Springer Medizin
www.springerzahnmedizin.de

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