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Doz. Dr. Friedrich Stauffer Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie in Wien

Prim. Dr. Peter KrafftLeiter der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin der Wiener Rudolfstiftung

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Wer sich als Zahnarzt entschließt, ambulant Sedierungen bzw. Vollnarkosen durchzuführen, muss seine Ordinationsräume nach bestimmten Standards einrichten oder aufrüsten.

 
Zahnheilkunde 3. September 2012

Sedierung und Vollnarkose

Ambulante Injektions- und Inhalationsnarkosen sind vor allem in den USA weit verbreitet. Im deutschsprachigen Raum gewinnt der Einsatz von Lachgas an Popularität.

Bei der Jahrestagung der OCMR (ARGE für Orale Chirurgie, Medizin und Radiologie) am 11. und 12. Mai 2012 in Wien sprachen Primarius Dr. Peter Krafft, Leiter der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin der Wiener Rudolfstiftung, und Doz. Dr. Friedrich Stauffer, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie in Wien, über die Vorraussetzungen zum Einsatz von Sedierung und Vollnarkose in der Zahnarztordination.

„Der Einsatz von Anästhesie bei ambulanten Patienten nimmt ständig zu“, stellte Krafft zu Beginn seines Vortrages in der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik klar. „Unser Ziel ist, die Patienten möglichst kurz ans Haus zu binden, damit die im möglichst guten Zustand wieder gehen können.“ Ambulante Narkosen sind laut dem Anästhesisten sehr gut dokumentiert, vor allem im nordamerikanischen Raum. Die positive Erkenntnis daraus: „Die Patientenzufriedenheit ist hoch, die Mortaliäten sind extrem gering.“

Die Mindeststandards

Wer sich als Zahnarzt entschließt, ambulante Sedierungen (Lachgas) bzw. Vollnarkosen durchzuführen, muss seine Ordinationsräume nach bestimmten Standards einrichten. Der Umfang der notwendigen apparativen Ausstattung hängt einerseits von der Art der Durchführung ab, andererseits bieten mobile Anästhesisten ihre Leistungen zumeist inklusive dem rechtlich obligaten Equipment an. Die Mindestvoraussetzungen für die Durchführung von Injektions- und Inhalaionsnarkosen kann man in den „Vereinbarungen zur Qualitätssicherung in der ambulaten Anästhesie“ der Deutschen Anästhesie Gesellschaft nachlesen(www.dgai.de). Sie gelten auch als Richtlinie für Österreich. Neben einer adäquaten, medizinischen Notfallsausstattung müssen laut Krafft auch andere Fragen geklärt sein: „Wie kommt die Rettung in die Behandlungsräume? Gibt es Organisationspläne für Zwischenfälle? Kann ich eine 24-Stunden-Erreichbarkeit der beteiligten Ärzte garantieren?“ Letzteres kann zum Beispiel durch eine Kooperation mit einem Krankenhaus geklärt werden.

In den USA machen viele Zahnärzte die Narkosen selbst

Krafft zitierte eine prospektive Kohortenstudie aus den USA mit 30.000 Patienten, die von Zahnärzten bzw. Oralchirurgen ambulant unter Sedierung bzw. Narkose behandelt wurden. „Beinahe die Hälfte verabreichte selbst Opioide wie Fentanyl bzw. Barbiturate oder Benzodiazepine wie Dormicum.“ Nachsatz: „Das ist sicher nicht ganz ungefährlich, wenn der Behandler das selbst macht.“

Zur Gretchenfrage „inhalative oder intravenöse Anästhesie?“ meinte Krafft: „Da gibt es unter den Anästhesisten zwei Lager. Beide Methoden funktionieren an sich gleich gut, wenn man damit umgehen kann. Allerdings müssen Notfallspläne und die enstsprechende apparative und medikamentöse Ausstattung vorhanden sein. Bei der Gasnarkose kommt es häufiger postoperativ zu Übelkeit.“ Prinzipiell ist es egal, welche „Mischung“ verwendet würde: „Die Patienten sind sehr zufrieden.

Die Entlassung des Patienten sollte erst bei stabilen Kreislaufverhältnissen, Orientierung nach Ort und Zeit, der Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme und dem Vollbesitz der Schutzreflexe des Patienten erfolgen. Dazu stehen Checklisten mit Scores zur Dokumentierung für die Entlassung zur Verfügung. „Wichtig ist auch, dass keinerlei respiratorische Einschränkungen und keine Übelkeit mehr auftreten“, so der Experte. Weiters sollte die postoperative Schmerztherapie sicher gestellt sein. Der Patient muss darüber aufgeklärt sein, dass seine Betreuung bis zum nächsten Morgen verfügbar ist, dass er am OP-Tag nicht am Straßenverkehr teilnehmen und keine Machinen betätigen darf und dass er die Möglichkeit der telefonischen Kontaktaufnahme während der nächsten 24 Stunden hat. Krafft: „So ist man forensisch auf der sicheren Seite, denn als Gutachter werden in diesem Zusammenhang zumeist Anästhesisten tätig.“

Hygienische Voraussetzungen

Je invasiver der Eingriff, desto höher sind die Ansprüche an die hygienischen Voraussetzungen, betonte Doz. Dr. Friedrich Stauffer, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie in Wien: „Der Eingriff an sich bestimmt den hygienischen Aufwand und nicht die Sedierung.

Laut „Wiener Definition“ werden Medizinische Nutzräume folgendermaßen eingeteilt:

1) Untersuchungsraum

2) Behandlungraum invasiv = zahnärztliche Behandlungseinheit

3) Eingriffsraum

4) OP-Saal

Relevant für den Zahnarzt ist in erster Linie Punkt 2), so Stauffer: „Das ist ein Raum mit ca. 20 m2 Grundfläche, die zahnärztliche Behandlungseinheit misst 14 bis 16 m2. Es ist keine Belüftung nach Ö-Norm notwendig, die Fensterlüftung reicht aus.“ Zu den allgemeinen Auflagen zählen u.a. Aspekte wie fugenfreier Boden, Desinfektion, Art des Waschbeckens, ein leicht zu reinigender Radiator, usw. „Ist eine Belüftung vorhanden, muss sie der ÖNORM H6020 entsprechen“, erklärte der Hygiene-Experte.

Ein sogenannter Eingriffsraum erfordert mindestens 20 m2 freie Stellfläche, d.h. diese darf nicht verbaut sein. Weiters muss die Belüftung nach Ö-Norm sowie die durchgehende Stromversorgung gewährleistet sein. Waschbecken müssen sich außerhalb befinden, Umkleidräume für Personal und Patienten sind obligat. Möchte man als Zahnarzt einen eigenen OP-Saal, muss dieser 40 m2 messen, eine Schleuse sowie TAV-Decken mit Zuluft von oben und einen eigenen Nachbetreuungsraum besitzen.

Bestimmungen sind noch nicht einheitlich geregelt

Im zahnärztlichen Bereich können prinzipiell alle Eingriffe in einem Eingriffsraum bzw. Behandlungseinheit durchgeführt werden. Es muss nicht zwingend eine Räumlichkeit vorhanden sein, welche die Auflagen eines Operationssaal erfüllt. Mit der Durchführung einer Vollnarkose im niedergelassenen Bereich muss das Equipment jedoch extrem hochgefahren werden. „Beim Arbeiten mit Narkosegasen müssen eine Be- und Entlüftung, bzw. die bodennahe Absaugung, genügend Raum für den Abtransport im Notfall, ein Aufwachraum und eine Notstromversorgung vorhanden sein.“ Zusätzlich sind noch bestimmte Elektroauflagen zu beachten. Voraussetzung ist auch das entsprechende Platzangebot für Anästhesie-Equipment, Anästhesist, Operateur und AssistentIn. Vieles ist hier laut Stauffer noch „im Fluss, es wird noch weitere Bestimmungen geben.“

OCMR-Tagungsleiter Prof. DDr. Thomas Bernhart bringt in seinem Vortrag beim Österreichischen Zahnärztekongress in Salzburg eine Zusammenfassung der OCMR-Tagung 2012 zu den Themen „Lokalanästhesie, Sedierung und Narkose“; 22. September 2012, 08.30 Uhr, Salzburg Congress, Saal Paracelsus, 2. Stock. www.ocmr.at

www.oezk-salzburg-2012.at

Standards bei Lachgas-Sedierungen

Voraussetzungen für das Arbeiten mit Lachgas:

• Beatmungsmöglichkeit,

• Instrumentarium zum Freihalten der Atemwege,

• Möglichkeit der Gabe von 100%igem Sauerstoff,

• Räumlichkeiten, in denen der Patient von geschultem Personal beaufsichtigt werden kann, ein Arzt muss unmittelbar zur Verfügung stehen; genügend Platz für sicheren Abstransport.

• Be- und Entlüftung, bodennahe Absaugung, Notstromaggregat.

Quelle: OCMR-Tagung 2012 und Tagungsprotokoll, www.ocmr.at

A. Fallent, Zahnarzt 09/2012

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