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Prophylaxe-Anleitungen für Kinder, vorgezeigt von Dentalhygienikerinnen.

Dentalhygiene-Sitzungen vor den Klassenzimmern einer Schule. Aus dem Buch: „Mouth hygiene, a course of instruction for dental hygienists“ von Alfred C. Forbes aus dem Jahre 1916.

 
Zahnheilkunde 26. April 2012

Die Hygieniker

Das Motto von Alfred C. Fones und Ernst Jessen: vorbeugen statt reparieren.

Ein Mund ohne Karies war Ende des 19. Jahrhunderts eine Seltenheit. Schon die Gebisse von Kindern waren häufig über und über mit „schwarzen Löchern“ durchsetzt. Nachdem die Wissenschaft im Laufe der Zeit darauf kam, lieber Zähne zu reparieren als gleich herauszureißen, gingen zwei Zahnärzte auf zwei Kontinenten noch einen Schritt weiter: Alfred Civilion Fones und Ernst Jessen waren in den USA und Europa die ersten Wissenschaftler, die sich mit Prophylaxe und Zahnhygiene beschäftigten.

 

Alfred C. Fones ging 1899 ein Licht auf: Bei einer Versammlung von Zahnärzten hörte er zum ersten Mal einen Vortrag über regelmäßige Mundpflege, der ihn vollständig überzeugte. Fones kehrte geradezu euphorisiert von dem Vortrag nach Hause zurück. Er lebte in Bridgeport, einem Ort im US-Staat Connneticut, und dorthin trug er seine Ideen. Er verschrieb sich nach diesem Schlüsselerlebnis vollkommen der Zahnhygiene und steckte mit seiner Begeisterung sogar seinen Vater – ebenfalls ein praktizierender Zahnarzt – an.

Echte Zähne als Anschauungsobjekte

Und noch etwas tat Fones: Er gab sein Wissen und seine Erkenntnisse zu Zahnpflege und Hygiene weiter. Als Erstes bildete er seine Helferin aus. Irene M. Newman wurde so zur ersten Dentalhygienikerin weltweit. Die richtige Reinigung von Zähnen, das beste und gründlichste Vorgehen, all das brachte Fones seiner Helferin bei. Um dies möglichst anschaulich zu tun, benutzte der Zahnarzt echte, extrahierte Zähne seiner Patien-ten, modellierte sie auf und versah sie mit Stuckgebilden, um Zahnstein und Flecken zu simulieren.

1907 ging Fones mit seinen neuartigen Methoden der Prophylaxe in die Öffentlichkeit und ließ sei-nen Patienten erstmals eine Art professioneller Zahnreinigung angedeihen.

Vorsorgeprogramm für Kinder

Vor allem bei Kindern verzeichnete der damals 38-Jährige sensationelle Erfolge. Fones etablierte ein Hygieneprogramm an den Schulen seines Heimatortes, an dem alle Schulkinder teilnehmen konn-ten. So kamen auch diejenigen in den Genuss der Prophylaxe, die es sich von Haus aus nicht leisten konnten und die vermutlich nie zuvor eine Zahnarztpraxis von innen gesehen hatten.

Zahnarzt Fones ging noch weiter. Ihm lag an der Verbreitung seiner Idee. Seine Vision war, Zahnhygieniker auszubilden, die dann ihr Wissen weitertragen würden. Fone’s Berufskollegen sahen den Einsatz kritisch. Doch entgegen einiger Widerstände eröffnete Alfred Civilion Fones im Jahr 1913 die „Fones-Klinik für Zahnhygieniker“. Dass die Kurse in seiner Garage stattfanden, störte die Teilnehmer wenig. In der ersten Klasse waren 34 Frauen vertreten: Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Ehefrauen von Ärzten. Sie alle waren von dem Gedanken der Prophylaxe überzeugt. Trotz der bescheidenen Unterkunft zog die erste Dentalhygieniker-Schule in den USA weite Kreise. Professoren aus Havard und Yale meldeten sich zu Fortbildungen an. Angespornt von seinem Erfolg beendete Fones seine zahnärztliche Praxis einige Jahre später und reiste von da an quer durch die Vereinigten Staaten, um Mundhygiene zu lehren.

Deutsche Zentralstelle für Zahnhygiene

Von seinem deutschen Kollegen Ernst Jessen wusste Alfred C. Fones vermutlich nichts. Doch hätte eine Zusammenarbeit durchaus fruchtbar sein können. Bereits 1885 war Jessen auf den desaströsen Zustand von Kindergebissen aufmerksam geworden. Zahnärztin Juliane Mönnich beschreibt in ihrer Doktorarbeit, dass Jessens Untersuchungen eine 93- bis 95-prozentige Kariesfrequenz bei Schulkindern ergaben. Teilweise sei es den Kindern vor Zahnschmerzen nicht mehr möglich gewesen, am Unterricht teilzunehmen. In Deutschland erkannte man deshalb schon relativ früh den Nutzen von Reihenuntersuchungen und Prophylaxe. Bereits 1900, schreibt Mönnich, gab es einen Erlass des preußischen Kultusministeriums, in dem eine größere Aufmerksamkeit gegenüber der Zahnhygiene gefordert wurde. Im selben Jahr wurde in Dresden auf Betreiben des Mundwasserherstellers Karl August Lingner („Odol“) die „Zentralstrelle für Zahnhygiene“ gegründet.

In Straßburg begann Jessen schon 1895, Kinder kostenlos zu behandeln. 1902 gründete er – vermutlich weltweit die erste – kostenlose Zahnklinik für Kinder. Für ihn stand, ebenso wie für seinen US-amerikanischen Kollegen, die Verbesserung der Mundgesundheit im Vordergrund.

Von S. Schmitt, Zahnarzt 5 /2012

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