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Doppelvorschubplatte: In abgewandelter Form kann sie mit Brackets kombiniert werden.

Günter Egg ZTM und Inhaber des Ortho-Dental-Egg-Labors in Innsbruck.

 
Zahnheilkunde 1. Mai 2009

Tücken und Freuden von mobilen Zahnspangen

„Ich beobachte zunehmend, dass gute Kurse und mitreißende Vortragende großen Einfluss auf Trends und Mode haben“, meint der Tiroler Zahntechniker Günter Egg.

Der Inhaber des „Ortho-Dental-Egg-Labors“ in Innsbruck spricht im Interview mit dem Zahn Arzt über Probleme, Fakten und Trends in der kieferorthopädischen Technik.

 

Herr Egg, Sie haben sich bereits Ende der 1970er-Jahre mit Ihrem Labor ausschließlich auf kieferorthopädische Technik spezialisiert. War es nicht wirtschaftlich riskant, sich derart zu spezialisieren?

Egg: Natürlich! Doch konnte ich mich so ganz dem Bereich widmen, mit dem ich mich schon seit meiner Ausbildung zum Zahntechniker am liebsten beschäftigt habe: der Kieferorthopädie. Und auch wenn ich damals von Kollegen oft belächelt wurde, so haben wir inzwischen für Kunden aus ganz Österreich doch weit über 100.000 Zahnspangen hergestellt. Das spricht für sich, oder?

 

Brackets liegen seit ein bis zwei Jahrzehnten wieder im Trend. Abnehmbare Schienen scheinen topaktuell zu sein. Wo geht der Trend Ihrer Meinung nach hin?

Egg: Brackets gibt es schon seit über 100 Jahren, natürlich mit einer großen Weiterentwicklung im Laufe der Zeit – und es wird sie sicherlich noch sehr lange geben. Ich beobachte in den letzten Jahrzehnten auch, dass gute Kurse und mitreißende Vortragende großen Einfluss auf Trends und Mode haben. Wenn jemand zum Beispiel gute Erfolge mit einem bestimmten Gerät wie etwa einem Crozat, einem elastisch offenen Aktivator oder Ähnlichem macht, schwärmt er davon. Ist er auch ein charismatischer Vortragender, überzeugt er schnell viele weitere Kollegen. Werden die Techniken dann auch noch von den Herstellern selbst intensiv beworben, fragen auch die Patienten nach. Und je mehr Zahnärzte und Patienten eine bestimmte Technik oder ein Gerät verwenden, umso eher und schneller ist die Apparatur im Trend.

 

Und was halten Sie persönlich von diesen abnehmbaren Schienen?

Egg: Die computergesteuerte Schienenserie ist eine tolle Sache; gerade für jemanden, der nichts Sichtbares oder Festsitzendes haben will. Aber die Perfektion einer behutsamen, festsitzenden Behandlung wird sie sicherlich nicht ersetzen – und manches ist mit Schienen auch nicht korrigierbar. Und selbstverständlich ist auch die Behandlung mit Schienen von der Mitarbeit des Patienten abhängig, so wie bei allen abnehmbaren Geräten.

 

Doch auch abnehmbare Geräte haben ihre Grenzen.

Egg: Ja, sicherlich. Es gibt Schwierigkeitsgrade, bei denen mit abnehmbaren Geräten keine Erfolge zu erwarten sind. Wenn man zum Beispiel einen vorgewanderten 6er aus der Position eines 4ers oder 5ers wieder zurück verschieben muss. In solch einem Fall raten wir dem Zahnarzt eigentlich immer, den Patienten lieber von vornherein zu einem Kieferorthopäden für eine festsitzende Regulierung zu überweisen.

 

Abnehmbare Zahnspangen scheinen ja auf dem ersten Blick technisch einfach zu sein. Wo liegen die Tücken?

Egg: In unscheinbaren Kleinigkeiten. Ich habe einmal eine ganze Schuhschachtel randvoll mit Modellen und den dazugehörigen abnehmbaren Platten von einem Zahnarzt bekommen, weil seine Patienten nach einem Jahr Tragezeit keine Erfolge mit den Geräten hatten. Ich habe mich dann, wie man bei uns so schön sagt, durch die ganze Schachtel durchgeackert und festgestellt, dass die Spangen gar nicht die gewünschte Wirkung erzielen konnten. Die Fehler lagen zwar in Kleinigkeiten, und dennoch reichten diese aus, um die Spangen wirkungslos zu machen: Drähte waren einfach irgendwo gelegt worden, Labialbögen hingegen an Stellen, wo bleibende Zähne nachkommen, oder es wurden einfach immer dieselben Standardschrauben verwendet usw. Die Geräte waren nach einem Standardmuster hergestellt, aber nicht der Situation des jeweiligen Falles entsprechend geplant worden.

Leider wird im Alltag die Planungsarbeit gerade bei abnehmbaren kieferorthopädischen Platten oft unterschätzt. Ist man nämlich nicht pingelig genug, erzielt man unzureichende Erfolge. Überträgt man hingegen das gewünschte Ergebnis sorgfältig und exakt in die Ausführungsplanung, erzielt man die tollsten Erfolge – selbst bei Erwachsenen.

Ein Tipp noch: Ich stelle immer wieder fest, dass die Geräte beim Einsetzen im Mund nicht auf das Gebiss aufgedrückt werden, sondern der Patient auf das Gerät beißt, damit es zum Sitzen kommt. Doch das halten die Geräte auf Dauer nicht aus – und brechen. Mit einer entsprechenden Schulung könnte sich der Zahnarzt hier einige Reparaturen ersparen.

 

Sie haben auch selbst schon einige abnehmbare Geräte entwickelt und Patente angemeldet.

Egg: Ja, schon vor 25 Jahren das erste: Es war ein Einwegabdrucklöffel für Ober- und Unterkiefer, gefüllt mit thermoplastischem Material für den Abdruck bei Kindergartenkindern. Mit diesem wäre das Festhalten der Bisslage und der Zahnstellung ohne großen Aufwand auch von Laien möglich. Später habe ich ein Gerät zum Setzen von Pins für Kronen- und Brückenarbeiten entwickelt. Die Industrie hat dieses zuerst als „zu kostspielig“ abgelehnt und dann selber ein ähnliches auf den Markt gebracht.

 

Apropos Kinder: Es gibt ja zirka seit einem Jahr einen Mikrochip, der die Tragezeit eines abnehmbaren Gerätes misst. Funktioniert das?

Egg: Man hat noch zu wenige Erfahrungswerte, doch man hört, dass der Chip relativ leicht zu überlisten sei. Auch wenn die Grundidee sehr gut ist, so sind dem Einfallsreichtum der Kinder und Eltern, die sich der Verantwortung entziehen wollen, sowieso keine Grenzen gesetzt. Ich glaube nicht, dass solch ein Chip das motivierende und erbauende Zusprechen des Behandlers und seines Teams ersetzen können wird.

 

Heute werden auch Kindergarten- oder Vorschulkinder kieferorthopädisch behandelt. Wie stehen Sie dazu?

Egg: Wenn ein Zahnarzt bereits im Alter von vier bis fünf Jahren eine Kreuzbissüberstellung macht, weil er sieht, dass die Zunge aufgrund des Fehlbisses nicht richtig Platz hat – und so frühzeitig verhindert, dass hartnäckige Sprachfehler entstehen oder sich die Fehlstellung im Gelenk einlagert, finde ich das spitze. Für unverantwortlich halte ich hingegen, wenn Milchmolaren herausgenommen werden und das Kind nicht mit einem festsitzenden oder abnehmbaren Platzhalter versorgt wird. Denn dann können die 6er vorwandern und später Distalisierungen mittels Headgear u. Ä. notwendig machen.

 

Ein Irrglaube, mit dem Sie gerne einmal aufräumen würden?

Egg: Ja! Zu oft und zu Unrecht werden abnehmbare und festsitzende Geräte in Konkurrenz zueinander gesehen. Dabei sind das zwei Behandlungsmethoden, die parallel laufen oder auch häufig miteinander kombiniert werden: Ein myofunktionelles Gerät kann keine festsitzende Zahnspange ersetzen und umgekehrt. Die abnehmbare Zahnspange wird im Kindesalter oft nur wachstumsfördernd eingesetzt oder ist nur eine Vorstufe für eine spätere festsitzende Behandlung. Viel effektiver wäre es, weitere Überlegungen anzustellen, wie man abnehmbare und festsitzende Apparaturen noch besser miteinander koordinieren könnte. Zum Beispiel haben wir auf Wunsch bereits Doppelvorschubplatten in Kombination mit einer festsitzenden Behandlung zur Klasse-I-Einstellung hergestellt, die dann zu sehr guten Erfolgen mit beigetragen haben.

 

Was empfehlen Sie etwa einem jungen niedergelassenen Zahnarzt, der seine Patienten mit der Hilfe eines Zahntechnikers kieferorthopädisch behandeln will?

Egg: Die heutigen Zahnärzte würden so etwas nie tun! Meine Kunden tauschen sich mit mir wegen meiner Erfahrung zwar aus, doch sie wissen genau, was sie wollen. Es hat sehr wohl einen Trend zur sogenannten „Indirekt-Methode“ gegeben, wobei hier der Zahntechniker im Labor die Brackets auf das Modell fixiert, eine Übertragungsschiene anfertigt und der Zahnarzt sie „nur“ noch auf das Gebiss des Patienten überträgt. Aufgrund der in meinen Augen falsch verteilten Kompetenz habe ich von dieser Methode Abstand genom-men. Die medizinische und rechtliche Verantwortung bleibt beim Behandler, und der Patient hat keiner-lei Regressmöglichkeit gegenüber dem Labor.

 

Gibt es etwas, mit dem man Sie aus der Ruhe bringen kann?

Egg: Ja! Wenn jemand behauptet, dass abnehmbare Zahnregulierungen nur etwas für sozial schwächere Patienten sind. Das ist Nonsens!

 

Das Gespräch führte Dr. Venuu A. Scheiderbauer

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