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Foto: Lanz, Wachsmuth, Praktische Anatomie; Kopf – Übergeordnete Systeme; Seite 458, Springer-Verlag Berlin, Heidelberg, New York, Tokyo
Abb.: Nervus trigeminus: Afferente und efferente Fasern sowie Kerngebiete und Lemniscus trigeminalis
 
Zahnheilkunde 1. Mai 2009

Einfluss des Kauapparats auf das Bewegungssystem

Störungen, die vom cranio-mandibulären System ausgehen, sind vielfältig und betreffen weniger das Kiefergelenk selbst, als vielmehr unterschiedlichste Regionen des Bewegungsapparats.

Die wenigsten Menschen in der Bevölkerung werden den Zahnarzt mit Kreuzschmerzen in Verbindung bringen. Wenn heute in den Ordinationen immer mehr Patienten über Beschwerden des Bewegungsapparates klagen, wird kaum der Kauapparat als mögliche Ursache ins Spiel gebracht.

 

Es lohnt ein Blick in die früheste Entwicklungsgeschichte zu machen, die erahnen lässt, dass das Kiefergelenk eine zentrale Rolle spielt. Bereits Mitte der 1960er-Jahre des letzten Jahrhunderts konnte der französische Ethnologe Leroi-Gourhan zeigen, wie in der Prähistorie der Lebewesen die Ausbildung der Kauorgane mit der Entwicklung der Kopfform und Formierung des aufrech-ten Ganges zusammenhängen. Mobilität und Nahrungsaufnahme bedingen die Entwicklung eines „vorderen Kopffeldes“, das eine Orientierung im Raum und die Entwicklung von Greif- und Kauorganen notwendig macht, die aber koordiniert handeln müssen, um erfolgreich zu sein. Außerdem müssen die Greif- und Kauorgane auf das Objekt der Begierde ausgerichtet werden – die frühe Verbindung von Kauorgan, Raumorientierung und Greiforganen.

Entwicklung des trigeminalen Systems

Die Weiterentwicklung der Säugetiere war durch die Tatsache gekennzeichnet, dass mit komplexe- ren Strukturen mehr Vorgänge automatisiert werden mussten und sich die Funktionen des Mundkieferbereichs als Werkzeug und Nahrungsaufnahmeorgan trennten. Die Steuerung wurde dem Trigeminus übertragen, der sich vom Mittelhirn durch das Halsmark erstreckt (siehe Abb.). Da alle Funktionen des Organis- mus aufeinander abgestimmt wer-den müssen, entstanden unterschiedlichste Verbindungen des trigeminalen Systems mit allen andern Hirnnervenkernen und dem statischen System.

Ganzheitlich arbeitenden Medizinern und Zahnmedizinern war empirisch schon lange die Tatsache bekannt, dass der Kauapparat nicht nur über das sogenannte Störfeld eines erkrankten Zahnes Einfluss auf die Haltung und das Bewegungssystem nimmt, sondern auch der Biss eine Störgröße für Schmerzen am Bewegungsapparat darstellen kann.

Aber erst in den letzten Jahren belegen experimentelle Arbeiten den engen Zusammenhang zwischen Trigeminus innervierten Muskeln und dem Bewegungssystem, wobei sich die logische Konsequenz schon aus den von Leroi-Gourhan erarbeiteten Zusammenhängen ergibt.

Neuere Arbeiten aus Hannover und Frankfurt von Kopp et al. bele-gen den direkten Einfluss von statischen Veränderungen auf das Kiefergelenk und umgekehrt. So hat eine Veränderung der Beinlänge Einfluss auf das gleichseitige Kiefergelenk. Nahezu jeder chronische Schmerzpatient hat Probleme mit dem cra-nio-mandibulären System, das wie-derum zu therapeutischen Konsequenzen im Bereich der Zahnheilkunde und Kieferorthopädie führt: Jeder zahnärztliche Eingriff ist auch ein Eingriff an der Wirbelsäule.

Prof. Dr. Kopp bringt es auf den Punkt: „Nach heutiger Kenntnis der funktionellen Zusammenhänge muss das Kiefergelenk als oberstes Kopfgelenk betrachtet werden, somit verbindet das Kiefergelenk nicht nur den Unterkiefer mit dem Schädel, auch die Zahnmedizin mit der Medizin.“

Stellung der Zähne zueinander sind entscheidend

Mitte der 1970er-Jahre forderte Prof. Dr. Harold Gelb, Leiter der Pain Clinic an der Tufts University in Boston: „Think orthopedic first“. Das heißt, nicht die Muskulatur und auch nicht das Gelenk, sondern die Stellung der Zähne zueinander – die Interkuspidation (IKP), entscheidet, wie zentriert der Kondylus steht. Der Therapeut sollte dafür sorgen – über die Beeinflussung der Zahnstellung mittels einer Schiene – orthopädische Parameter zu beeinflussen und vor allem darauf achten, dass Parameter wie horizontale Augenlinie, Höhe der Schultern und auch der Beckenstand symmetrisch sind und sich in physiologischer Achsenrichtung befinden.

Da sich Kiefergelenk und Haltungsapparat gegenseitig beeinflussen, hat dieser Zusammenhang auch Einfluss auf die zahnärztliche Bissnahme. Fixiert der Zahnarzt mit ei-ner Schiene die Bisssituation des Patienten, nimmt er auch Einfluss auf die Gesamtstatik. Deshalb sollte vor der Bissnahme im Idealfall eine Balancierung des muskulären Systems durch Manuelle Therapie (Chirotherapie) und/oder Osteopathie und physiotherapeutische Maßnahmen erfolgen, ebenso wie nach erfolgter Schienenkorrektur.

Die Störungen, die vom cranio-mandibulären System ausgehen können, sind vielfältig und betreffen weniger das Kiefergelenk selbst, als vielmehr unterschiedlichste Regionen der oberen Körperhälfte. Bei längerer Störungsdauer sind auch Auswirkungen bis in die Unteren Extremitäten möglich.

Als einfaches Screening hat sich bewährt, nach peripheren Störungen am Bewegungssystem zu suchen wie eingeschränkte Rotation der Halswirbel- oder Brustwirbelsäule oder variable Beinlängendifferenz. Eine Veränderung dieser Parameter durch festen Biss oder andere Kiefergelenksstellungen zeigt an, dass eine Störung im stomatognathen System besteht und dies Auswirkungen auf die gesamte Statik hat.

Interdisziplinär behandeln

Als therapeutische Konsequenz sollte eine enge Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt, Kieferorthopäden, Manualmediziner und Physiotherapeuten erfolgen. Denn der Satz des Begründers der Applied Kinesiology, Dr. George Goodheart, aus den 1970er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat nichts an Bedeutung eingebüßt: Das Kiefergelenk ist das wichtigste Gelenk im Körper.

 

 

Dr. Werner Klöpfer ist als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Wien tätig. Zusätzliche Qualifikationen: Applied Kinesiology, Manuelle Medizin, Psychotherapeutische Medizin

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Von Dr. Werner Klöpfer, Zahnarzt 5/2009

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