zur Navigation zum Inhalt
Foto: Privat
Dr. Herbert Haider Präsident der Landeszahnärztekammer Burgenland, Fortbildungsreferent der österreichischen Zahnärztekammer, betreibt eine Zahnarztpraxis in Markt Allhau.
 
Zahnheilkunde 1. Mai 2009

Imagekampagne für zahnärztliche Leistungen in Österreich

Der Präsident der Landeszahnärztekammer Burgenland, Dr. Herbert Haider, möchte Ungleichbehandlungen bei Kollegen und Patienten beseitigen und dem massiv beworbenen Zahntourismus nach Ungarn gegensteuern.

Der niedergelassene Zahnarzt Dr. Herbert Haider ist seit 2006 Präsident der Landeszahnärztekammer Burgenland mit rund 100 Mitgliedern. Im Interview mit dem Zahn Arzt spricht Haider über seine aktuellen Pläne für das Fortbildungssystem, ungeklärte standespolitische Themen und geplante Radiospots als Antwort auf die Werbeflut aus dem benachbarten Ausland.

 

Welche Projekte und Anliegen sind in Ihrer Tätigkeit derzeit vorrangig?

HAIDER: Zunächst bin ich als Fortbildungsreferent natürlich sehr da-ran interessiert, die diesbezüglichen Rahmenbedingungen zu verbessern und die KollegInnen zu animieren, vom reichlichen Angebot an zahnärztlicher Fortbildung Gebrauch zu machen. Ich bedaure, dass die Fortbildung als gesetzliche Pflicht verankert wurde. Dazu gibt es eine Studie aus Deutschland, die uneingeschränkt auch für Österreich Gültigkeit hat. Sie sagt aus, dass ohne gesetzliche Fortbildungspflicht überwiegend jene Veranstaltungen besucht wurden, die vom Inhalt her interessant erschienen und als sinn-volle Ergänzung für den Praxisalltag empfunden wurden. Seit Einführung der Fortbildungspflicht wird hingegen vermehrt auf die Anzahl der Punkte geschaut, die für eine Veranstaltung vergeben werden. Das finde ich kontraproduktiv. Gerade in einer Zeit, in der das medizinische Wissen eine Halbwertszeit von drei, vier Jahren hat, ist Fortbildung unabdingbar. Aber jemanden, der sich dieser Verpflichtung dem Patienten gegenüber absolut verweigert, den kann man weder durch Vorschriften noch durch Sanktionen, wie sie in Deutschland Realität sind, überzeugen. Ein standespolitisches Thema, das mir gerade wegen der gegenwärtigen Aktuali- tät besonders am Herzen liegt, ist eine steuerliche Gleichbehandlung von niedergelassenen Ärzten und Ambulatorien. Diese ist derzeit nicht gegeben.

 

Gibt es Bestrebungen, das Fortbildungssystem auszubauen?

HAIDER: Wir sind zudem im Moment dabei, ein EDV-System zu installieren, das es ermöglichen wird, jede zahnärztliche Fortbildungsstunde vollautomatisch zu registrieren. Das Fortbildungsdiplom wird dann automatisch zugestellt wer-den, sobald die nötige Punktezahl erreicht ist. Da viele Kollegen das Diplom trotz erfüllter Punktenanzahl nicht beantragen, wird nach außen der Eindruck vermittelt, die Zahnärzte wären fortbildungsunwillig. Diese schiefe Optik soll sich mit dem computergestützten System eben-falls ändern. Sobald dieses Pro-gramm im Vollausbau läuft, wird sich meiner Meinung nach herausstellen, dass weit über 80 Prozent aller Zahnärzte die gesetztliche Verpflichtung übererfüllt.

 

Welche Fortbildungsveranstaltungen im Burgenland sind für Zahnärzte besonders interessant?

HAIDER: Im Frühsommer findet alljährlich in Buchschachen im Südburgenland das Frühjahrssymposiumstatt, die seit Jahren sehr beliebt ist. Heuer widmen wir uns am letzten Samstag im Juni dem Thema Herz. Der kardiale Risikopatient, Endokarditisprophylaxe und was der „Ahnungslose“ am Herz des Patienten anrichten kann, wird in Vorträgen, Videos und Diskussionen erörtert werden. Ein seit mehr als 30 Jahren zur Tradition gewordener Fixpunkt in der Zahnärztefortbildung ist die Herbsttagung in Rust, die wir heuer zu Martini als echte Großveranstaltung etablieren wollen. Zu den Schwerpunkten zählten bislang soziale Zahngesundheit, Kinderzahnheilkunde, Themen der Prävention, aber auch Zukunftsthemen wie Laseranwendungen und minimalinvasive Zahnheilkunde. In Zukunft möchten wir uns jeweils einem speziellen Thema widmen und dabei gleichzeitig die Kommunikation zwischen ZahnärztInnen, ZahntechnikerInnen, AssistentInnen und natürlich auch der Industrie fördern. Eine Großveranstaltung lebt nicht zuletzt auch vom gesellschaftlichen Rahmenprogramm.

 

Sie haben die Gleichstellung von niedergelassenen Zahnärzten und Ambulatorien angesprochen. Welche Regelung schwebt Ihnen hier vor?

HAIDER: Der eigentliche Grundgedanke hinter Ambulatorien mit Steuerfreiheit war das Subsidiaritätsprinzip. In Gegenden, in denen kein Zahnarzt ökonomisch überleben kann, sollten Anreize für Einrich- tungen geschaffen werden, um der dort lebenden Bevölkerung eine zahnärztliche Grundversorgung zu gewährleisten. Wenn man sich heute anschaut, wo Ambulatorien eröffnet wurden, sind sie großteils nicht in Gegenden, wo Bevölkerungskreise leben, die sonst keinen Zugang zur Zahnmedizin hätten. Ganz im Gegenteil sind das oft Toplagen. Zudem dürfen dort zunehmend auch Privatleistungen angeboten werden. Ich halte das für eine Ungleichbehandlung. Wir haben keine Angst vor Konkurrenz, aber es sollten einfach faire Bedingungen geschaffen werden.

 

Wie stehen Sie als Burgenländer zur Problematik des Zahntourismus?

HAIDER: Wir leben in einem Grenzgebiet zum ehemaligen Ostblock, und es ist kein Geheimnis, dass entlang der ungarisch-burgenländischen Grenze in einem Korridor von ungefähr zehn bis zwölf Kilometern zehnmal so viele Zahnärzte arbeiten wie im gesamten Burgenland. Durch das exorbitant hohe Lohn-Preis-Niveau-Gefälle zwischen Ungarn und Österreich ist es in diesem Korridor sehr lukrativ, mit ungarischen Löhnen und Gehältern zu arbeiten, aber auch sich dort medizinisch versorgen zu lassen. Bekannt ist zudem, dass die meisten dieser Kliniken nicht von Zahnärzten, sondern von Finanzinvestoren betrieben werden, deren Interesse weniger die Qualität, sondern hohe Stückzahlen sind. Das zeigt sich auch in den einschlägigen Inseraten, mit denen diese Einrichtungen in großem Stil beworben werden.

 

Ist der Qualitätsunterschied wirklich so eklatant?

HAIDER: Ich sage nicht, dass alle Zahnärzte, die im besagten Gebiet arbeiten, schlechte Arbeit leisten. Aber es gibt drei unabhängige Studien von den Universitätskliniken Graz, Zürich und Frankfurt, die mit ähnlichen Ergebnissen aufwarten. 86 Prozent aller aus besagten Betrieben kommenden Arbeiten sind mangelhaft bis gesundheitsgefährdend. Der Rest ist okay. In etwa das umgekehrte Verhältnis findet man bei uns in Österreich. Natürlich gibt es auch hier nicht nur Topergebnisse. Aber es macht einfach einen Unterschied, ob ich eine Versorgung nach medizinischen Gesichtspunkten plane oder nach Stückzahl. Für den Patienten ist noch etwas wichtig: Wenn in Österreich ein Behandlungsfehler pas-siert, hat der Patient gute Chancen, sich mithilfe von Schlichtungsstel-len, Patientenanwaltschaften und Gerichten schadlos zu halten bzw. sein Recht durchzusetzen. In Ungarn ist dies praktisch unmöglich.

 

Wie sieht Ihr Projekt in diesem Zusammenhang aus?

HAIDER: Wir sehen uns mit massiver Werbung für Billigbehandlungen in Ungarn konfrontiert. Zudem registrieren wir neuerdings zunehmend Niederlassungen ungarischer Kollegen im Burgenland, die diese Werbegewohnheiten bei uns weiterführen und die Grenze des Erlaubten bisweilen überschreiten. Würden wir gerichtlich dagegen vorgehen, würde außer Kosten und einem Verweis nicht viel herauskommen. Also werden wir einen anderen Weg einschlagen und als erste Landeszahnärztekammer selbst eine Werbekampagne starten, in der wir auf die Vorteile der Zahnbehandlung in Österreich hinweisen. Geplant sind Radiospots im Monat der Zahngesundheit im September. Endgültig über die Durchführung abgestimmt, wird in unserer Vollversammlung Anfang Mai. Bisher vertraten wir eigentlich die Meinung „Wer wirbt, hats notwendig“. Aber die Realität zeigt uns eben, dass man in der heutigen Zeit sehr schnell ins Hintertreffen kommen kann, wenn man nicht präsent ist.

 

Werden Sie sich auch weiterhin für soziale Zahngesundheit einsetzen?

HAIDER: Ich finde – und wir haben das auch schon öfters deponiert –, dass eine soziale Staffelung der Selbstbehalte dringend notwendig ist. Durch die vielen Selbstbehalte bei zahnärztlichen Leistungen auf der einen Seite und der Großzügigkeit unseres Sozialsystems auf der anderen Seite entstehen Ungerechtigkeiten, die durch nichts zu rechtfertigen sind. Ein Beispiel: Jemand erleidet bei der Ausübung einer Risikosportart einen schweren Freizeitunfall. Die Behandlungskosten, die mitunter 100.000 Euro übersteigen, werden von der „Sozialversicherung“, also von den Beitragszahlern getragen. Aber bei elementaren Grundleistungen wie der Reparatur einer Totalprothese, die notwendig wird, weil sich ein Mindestrentner die Anschaffung einer neuen Prothese nicht leisten kann, müssen bis zu 50 Prozent Selbstbehalt gezahlt werden. Diese Ungleichbehandlung verstehen wir nicht, diese Ungerechtigkeit wollen wir ändern. Durch eine gesetzliche Haftpflichtversicherung für Risikosportgeräte – ähnlich der Haftpflichtversicherung beim Autokauf – könnte sehr einfach der dafür erforderliche Betrag freigemacht werden, ohne die Beiträge zu erhöhen.

 

Das Interview führte Mag. Andrea Fallent

Kasten
Die Landeszahnärztekammer Burgenland
Anzahl der Mitglieder: 100
Kontakt: Kohlmarkt 11/6, 1010 Wien, Tel: 01/50511
E-Mail:
http://bgld.zahnaerztekammer.at

Vorausblick Fortbildungsveranstaltungen 2009:

27. Juni: Frühsommersymposium in Buchschachen
Thema: „Hand aufs Herz“ (u. a. kardialer Risikopatient, EndokarditisProphylaxe)

13., 14. November: Herbsttagung in Rust
Seehof und Seehotel in Rust/Neusiedlersee mit umfangreichem Rahmenprogramm;
Thema: „Zukunft – Zahn“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben