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Zahnheilkunde 5. Dezember 2011

Die heimliche Erste

Emeline Roberts Jones perfektionierte ihr handwerkliches Geschick als Assistentin.

Es muss wirklich Liebe gewesen sein, Liebe zur Zahnmedizin. Wie sonst lässt sich erklären, dass Emeline Roberts Jones die ausgerissenen Zähne aus der Praxis ihres Mannes sammelte und sie in ihren freien Abendstunden klammheimlich füllte? Die US-Amerikanerin ist die Pionierin für Frauen auf dem Zahnarztstuhl.

 

Ganze Nächte hat Emeline Roberts Jones sich verkrochen, um die Zähne zu studieren. Für die wissenschaftlichen Grundlagen gab es Bücher, doch ihr handwerkliches Geschick perfektionierte sie in aller Abgeschiedenheit. Hinter dem Rücken ihres Mannes füllte sie des Nachts Hunderte Zähne, akribisch, so wie sie es sich von ihrem Gatten abgeschaut hatte. Schließlich brachte sie ihrem Mann, dem Zahnarzt Dr. Daniel Albion Jones, ein bis zum Rand mit Zähnen gefülltes Gefäß zur Begutachtung.

Learning by doing

Ein Jahr lang hatte Emeline R. Jones nach ihrer Heirat 1854 in Jones’ Praxis bei den Behandlungen assistiert. Ihr Interesse an der Arbeit war geweckt, doch an ein Studium war nicht zu denken. Davon ließ sich die damals 18-jährige Frau nicht abschrecken. Sie versenkte sich in die Theorie und erwarb praktische Fähigkeiten, die selbst ihr Mann anerkennen musste – wenn auch nur widerwillig. Er erlaubte ihr, in der Praxis in Danielson mitzuarbeiten. Das war vor gut 150 Jahren eine durchaus übliche Form der Ausbildung von Zahnärzten, denn auch von den männlichen Zahnmedizinern hatten längst nicht alle eine Universität besucht. Viele lernten bei erfahrenen Zahnärzten die Kunst.

1859 stieg Emeline Roberts Jones als Partnerin ihres Mannes in die Praxis mit ein. Ihr eilte der Ruf voraus, eine „kunstfertige Zahnärztin“ zu sein – und das war mehr, als sie jemals hätte erwarten können. Denn Mitte des 19. Jahrhunderts galten Frauen noch als völlig ungeeignet für den Zahnarztberuf: Nach Ansicht der Herren im Medizinbetrieb war die zahnärztliche Kunst nichts für „zarte und ungeschickte“ Frauenhände. In der Tat brauchte ein Zahnarzt Kraft, denn Zahnmedizin war oft ein brutales Handwerk, bei dem häufig kranke Zähne aus dem Kiefer gehebelt wurden. Besonders filigran war das nicht. Doch Emeline Roberts Jones belehrte die männlichen Kollegen mit ihrem Können eines Besseren.

Unterwegs mit Zahnarztstuhl

Wäre ihr Leben so weitergegangen wie vorgesehen, wäre die Pionierin und Vorkämpferin für Frauen am Zahnarztstuhl heute vielleicht in Vergessenheit geraten. Doch ein schwerer Schicksalsschlag zwang sie, noch weiter voranzugehen. Daniel Jones starb 1864 – nur zehn Jahre nach ihrer Hochzeit – und hinterließ seiner Frau nicht nur die Praxis, sondern auch zwei kleine Kinder, die es zu versorgen galt. Gerade mal drei und sechs Jahre alt waren Sohn und Tochter. Emeline Roberts Jones schulterte die Herausforderung und übernahm mit 27 Jahren die Rolle des Familienoberhaupts und der Versorgerin. Zwei Jahre lang führte sie die Praxis ihres Mannes noch weiter. Mit ihrem faltbaren Zahnarztstuhl reiste sie bis in den Osten. Des Wanderns müde, ließ sie sich 1866 in New Haven/Connecticut nieder und gründete dort eine der größten und später lukrativsten Zahnarztpraxen des Bundesstaates. Als Frau blieb sie in ihrem Beruf jedoch weiterhin ein Kuriosum, als geschäftstüchtige Frau umso mehr.

In den Berufsverband der Zahnärzte wurde sie erst 1893 aufgenommen – nachdem sie bereits 34 Jahre lang eine Praxis geführt hatte. Insgesamt 60 Jahre praktizierte die Pionierin und war weltweit die erste Frau, die eine eigene Zahnarztpraxis führte. Emeline Roberts Jones starb im Alter von 80 Jahren, zwei Jahre nachdem sie dem Zahnarztstuhl den Rücken gekehrt hatte.

Was der durchsetzungskräftigen Zahnärztin in der damaligen Zeit fehlte, ihrer Kunstfertigkeit aber keinen Abbruch tat, war der Doktortitel. Doch da Jones nie eine Universität betreten hatte, konnte sie auch keine Titel erlangen.

Kampf um Doktortitel

Das tat allerdings ihre Zeitgenossin Lucy Beaman Hobbs. Auch sie arbeitete zunächst bei einem niedergelassenen Zahnarzt. In den Wirren des Bürgerkrieges eröffnete sie eine gut gehende Praxis und sicherte sich die Sympathien der Iowa-Delegation des Zahnärzteverbandes. Die Kollegen machten Druck auf die Universität, drohten sogar mit Boykott, sollte Hobbs nicht aufgenommen werden. 1866 verließ Lucy Beaman Hobbs die Universität mit einem Doktortitel und war die erste Frau mit dem Abschluss einer Zahnarztschule.

S. Schmitt, Zahnarzt 12 /2011

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