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Bei professionell gesetzten Implantaten erkennt oft nur der Fachmann einen Unterschied zu natürlich gewachsenen Zähnen (siehe Pfeil).

Bei professionell gesetzten Implantaten erkennt oft nur der Fachmann einen Unterschied zu natürlich gewachsenen Zähnen (siehe Pfeil).

Foto: Archiv

Prof. Dr. Georg Watzek Vorstand der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik Wien und Gründer der Akademie für orale Implantologie in Wien (s. Kasten)

 
Zahnheilkunde 8. April 2009

Einblick in professionelle Dreharbeiten

Immer öfter sorgen moderne Implantate für ein lückenloses Lächeln. Sie können ein Leben lang halten, bisweilen aber auch Probleme bereiten.

Implantate ähneln Computern: Sie sind Hightech-Utensilien, werden laufend verbessert und nach einigen Jahren durch leistungsstärkere Nachfolger ersetzt. Doch selbst die ausgeklügelten Kunstzähne sind nicht für jedermann geeignet, eine gewissenhafte Anamnese vor dem Eingriff ist obligat. Der Zahn Arzt sprach mit dem Wiener Implantologie-Experten Prof. Dr. Georg Watzek über Innovationen, Kontraindikationen und Komplikationen bei den künstlichen Zahnwurzeln.

Was ist bei der Vorbereitung respektive Anamnese für ein Implantat zu beachten? Was spricht für, was gegen ein Implantat?

WATZEK: Prinzipiell ist mit dem Patienten ein Gespräch über seine Erkrankungen und Lebensgewohnheiten – damit meine ich insbesondere die Aspekte Nikotin- und Alkoholgenuss – zu führen. Rauchen beeinträchtigt nachweislich die Implantatprognose, bei Alkohol ist anhand der vorliegenden experimentellen Untersuchungen anzunehmen, dass er denselben ungünstigen Einfluss ausübt. Wobei diesbezügliche Gewohnheiten in Österreich erfahrungsgemäß schwieriger zu erheben sind. Bei den Erkrankungen ist vor allem an Diabetes zu denken, wobei hier eine gute Einstellung Grundvoraussetzung ist. Bei einer erfolgten Chemotherapie mit Biphosphonaten ist eine Implantation kontraindiziert. Auch die Einnahme anderer Medikamente, z. B. die Blutgerinnung beeinflussende Wirkstoffe, sind abzuklären. Auf der anderen Seite ist natürlich der Patient auf seine Kooperationsbereitschaft hinsichtlich der notwendigen Hygiene zu befragen. Weiters müssen vor dem Eingriff sämtliche Infektionsquellen in der Mundhöhle beseitigt werden. Wichtige Kriterien für das Für und Wider einer Implantation sind die Nachbarzähne. Wenn diese überkront sind, wird sich eine Brücke anbieten, wenn sie völlig unberührt sind, wird man zu einem Implantat raten.

 

Wo liegen die Grenzen eines Implantates? Und welche Komplikationen können auftreten?

WATZEK: Implantate kann man vom lokalen Gesichtspunkt her bei jedem Patienten setzen, unterschiedlich ist nur der Aufwand. Zu den möglichen Komplikationen zählt natürlich auch die allgemeinmedizinische Seite, schon allein die Lokalanästhesie kann zu einer Beeinträchtigung der Nerven führen – was aber sehr selten vorkommt. Die klassische Komplikation ist der Verlust des Implantates. Hier unterscheidet man zwischen Früh- und Spätverlusten. Frühverluste passieren in der Einheilphase, Spätverluste zum Beispiel durch eine Infektion wie Periimplantitis. Größere Komplikationen allgemeinmedizinischer Natur wie Osteomyelitis oder Sinusitis sehen wir sehr, sehr selten.

 

Wie lange muss ein Implantat einwachsen? In welchen Fällen bewähren sich Sofortimplantate?

WATZEK: Kürzer als noch vor ein paar Jahren. Wir sind heute bei einer Einheilphase vor der endgültigen prothetischen Versorgung im Unterkiefer von zwei Monaten, im Oberkiefer von vier Monaten. Die Zahl an Sofortimplantationen steigt merklich. In der Akademie und an der Zahnklinik nehmen die Sofortimplantate bereits ein Viertel bis ein Drittel aller Implantationen ein und werden weiter ansteigen. Patienten schätzen es, wenn man den Service anbietet, gleich nach der Zahnextraktion ein Implantat und eine provisorische Krone zu setzen. Natürlich muss die Infrastruktur rundherum da sein, um einer späteren Infektion vorzubeugen wie zum Beispiel Infrastruktur für Laboruntersuchungen, Abdrücke und Dentalhygiene.

 

Welche Voraussetzungen brauchen Sofortimplantate?

WATZEK: Ich muss damit eine gewisse Primärstabilität erreichen können. Das heißt, im Bereich der Alveolen beziehungsweise supra- oder infraalveolär muss noch ein Alveolarknochen vorhanden sein, in dem man das Implantat fixieren kann. Wenn – angenommen – im Oberkieferseitenzahnbereich eine Alveolarfortsatzhöhe von sechs Millimeter gegeben ist, gerade der Molar entfernt wurde und die Wurzelspitzen bis zum Boden reichen, dann ist das dort nicht möglich. Genau dasselbe gilt für den Seitenzahnbereich des Unterkiefers, wo unmittelbar unter den Wurzelspitzen der Kanal mit dem Nerv verläuft.

 

Wer kann beziehungsweise darf in Österreich Implantate setzen?

WATZEK: Diese Tätigkeit ist in vielen Ländern reglementiert beziehungsweise an eine spezielle Prüfung gebunden, in Österreich noch nicht. Bei uns darf im Grunde jeder Zahnarzt Implantate machen. Er muss aber im Fall eines Misserfolges nachweisen können, wo er sein Wissen erworben hat. Dennoch ist eine gewisse Spezialisierung zweifellos im Kommen, auch auf diesem Sektor. Zudem wird die europäische Vereinigung in na-her Zukunft Basisprüfungen in Implantologie, also Zertifizierungen, einführen.

 

Welche Techniken bevorzugen Sie persönlich bei Ihrer Arbeit als Implantologe?

WATZEK: Ich persönlich schätze die Technik der Sofortimplantation, weil das Feedback seitens des Patienten und auch das Ergebnis, das wir damit erreichen, sehr zufriedenstellend sind. Im selben Atemzug möchte ich auch das Flapless-Verfahren erwähnen, also jene Techniken, bei denen am Computer alles geplant wird, sodass man quasi ohne jede Inzision das Implantat setzt. Diese minimalinvasiven Eingriffe sind in der gesamten Medizin im Kommen, und es liegt auf der Hand, dass diese Möglichkeit auch für die Implantologie immer mehr genützt wird. Ich selbst arbeite zum Beispiel an Augmentationstechniken, die inzisionsfrei gemacht werden.

 

Welche sind die neuesten Innovationen bei Material und Technik?

WATZEK: In diesem Bereich gibt es eine gewisse Enttäuschung. Wenn die Prognosen von vor drei, vier Jahren eingetreten wären, müssten wir Implantologen längst routinemäßig Wachstumshormone und andere Bereiche des Tissue-Engineering verwenden. Zum Teil sind diese Technologien extrem teuer und bringen dann nicht die Verlässlichkeit, die damit verbunden sein müsste. Ich erwarte mir für die nächste Zeit eigentlich eher Verbesserungen im prothetischen Teil, also im Aufbau. Die größten Fortschritte zeigen sich zweifellos in der Computerplanung. Wobei ich sagen muss, dass diese niemals Erfahrung und Wissen ersetzen kann und einem Ahnungslosen die Technik der Implantation ermöglichen wird. Oder wie ein schwedi-scher Professor einmal treffend gesagt hat: A fool with a tool is still a fool. Aber die moderne Technologie ist ohne Zweifel eine ganz wesentliche Hilfe – eine gute Ergänzung, die Sicherheit gibt und den Eingriff minimiert. Bei den Materialien sind Titanimplantate nach wie vor State of the Art. Zirkonimplantate sind derzeit nur für kleine Zahnlücken empfohlen, wo sie geschützt einheilen können, für Sofortbelastung sind sie nicht geeignet.

 

Wie wichtig ist ein Knochenaufbau zur Verankerung des Implantats?

WATZEK: Es gibt zwei Gründe für den Knochenaufbau. Zum Ersten wird er gemacht, um überhaupt die Setzung eines Implantats zu ermöglichen. Das betrifft in erster Linie den Oberkieferseitenzahnbereich. Dort ist bei neun von zehn Patienten ein Aufbau notwendig, weil die Kieferhöhle so stark pneumatisiert ist. Dann nützt man immer wieder Knochenaufbauten zur Verbesserung der Ästhetik, was eine seltenere Indikation darstellt und zumeist relativ anspruchsvoll ist.

 

Welche Lebensdauer hat ein Implantat im Durchschnitt?

WATZEK: Diese Frage ist deshalb nicht generell zu beantworten, weil die Implantate alle paar Jahre wechseln. Wir sind nicht in der Lage, mit einem Implantat aussagekräftige Langzeitstudien zu machen, weil es erfahrungsgemäß spätestens nach einigen Jahren abgelöst wird. Das ist ein gewisser Trend, der auch dazu dient, das Kopieren der Implantate zu erschweren. Aber ich kenne Patienten, die haben ihre Implantate seit gut 30 Jahren. Ich würde daher bei der Lebensdauer nach oben hin keine Grenze sehen.

 

Wieviel darf ein Implantat kosten?

WATZEK: Hier gibt es nach oben hin keinerlei Limits. Die teuerste Investition ist zweifellos ein Einzelzahnimplantat in der Oberkieferfront, wo unter Umständen Weichgewebs- und Hartgewebsersatz notwendig wird, dann das Implantat und eventuell ein bis zwei Kronen gesetzt werden. Ich pflege meinen Patienten zu sagen, dass die Versorgung eines Gesamtleerkiefers nur viermal so viel wie ein Einzelzahnimplantat kostet. Es könnte natürlich ein Preisverfall kommen, weil billigere Kopien nachdrängen. Aber solange es den Firmen gelingt, dass Implantate ein innovatives Produkt bleiben, solange werden sie teuer bleiben.

 

Wie kann der Patient das Preis-Leistungsverhältnis überprüfen?

WATZEK: Hier gibt es keine einheitlichen Richtlinien, in der Praxis ist das nur durch den Vergleich verschiedener Anbieter möglich.

 

Wie sieht die optimale Nachsorge für Implantate aus?

WATZEK: Die Nachsorge hat ana- log zu den Zähnen zu verlaufen, das heißt, der Patient muss einen Implantatpass haben, in den die mindestens einmal jährlichen Kontrollen einzutragen sind. Für die Durchführung der professionellen Dentalhygiene bei Implantaten gibt es für Assistentinnen spezielle Fortbildungen, wo auf die besonderen Ansprüche eines Implantats eingegangen wird.

 

Das Interview führte

Mag. Andrea Fallent.

Andrea Fallent, Zahnarzt

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