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Foto: George Doyle / photos.com
Regelmäßige Untersuchungen und die Inanspruchnahme prophylaktischer Maßnahmen sind gerade in der Schwangerschaft sehr wichtig.
 
Zahnheilkunde 2. November 2011

Prophylaxe für zwei

Die Beratung von Schwangeren bietet die Chance, gleichzeitig karies-, parodontitis- und ernährungsbedingte Folgekrankheiten erfolgreich einzudämmen.

Aktuelle Studien belegen wiederholt den Zusammenhang von Schwangerschaftsgingivitis bzw. einer Verstärkung parodontaler Erkrankungen und dem Risiko für Frühgeburten und Spätschäden für das Kind. Auf der anderen Seite sind werdende Mütter häufig durch die vielen Veränderungen an ihrem Körper sensibilisiert und suchen daher eher einen Zahnarzt auf.

 

Eine verstärkte Rötung, Schwellung und Blutung der Gingiva in Form der Schwangerschaftsgingivitis weisen zwischen 35 Prozent und 100 Prozent aller Schwangeren auf1, 15. Trotz der multikausalen Genese ist die klinische Manifestation der Zahnfleischentzündung während der Schwangerschaft durch das hormonelle Ungleichgewicht belegt4, insb. durch den Gonadotropin-, Östrogen- und Progesteronanstieg15. Gegen Ende des dritten Trimenons ist häufig eine spontane Remission aufgrund der Verringerung der Hormonsekretion zu beobachten6.

Immunsuppression und verringerte Zellregeneration

Die Hormonverschiebungen verändern die Zusammensetzung der dentalen Plaque und die Immunantwort. Es kommt z. B. zu einer deutlichen Erhöhung von Prevotella intermedia, für die eine direkte Korrelation mit der Gingivitis mehrfach beschrieben wurde1. Die immunsuppressive Wirkung des Progesteron leistet der Gingivitis Vorschub15, und die Östrogen- und Progesteronerhöhung beeinflussen die vaskuläre Permeabilität bzw. Exsudation, welche die Mikrozirkulation und Zellregeneration reduzieren1.

Als Prädiktoren für die Ausbildung einer Gingivitis bei Schwangeren werden die ethnische Her-kunft, Alter, Körpergewicht, Rauchen und sozioökonomische Parameter diskutiert14. Allerdings scheint eine Schwangerschaft kein bestimmender Faktor für die Entwicklung von Parodontalerkrankungen zu sein4. So fanden sich keine Unterschiede in der Prävalenz von Gingivitiden und Parodontopathien bei Schwangeren und nicht schwangeren Frauen, obwohl schwere Parodontopathien bei Schwangeren häufiger als bei Nichtschwangeren auftraten. Insgesamt treten hormonell bedingte Veränderungen der Gingiva häufiger und intensiver bei Frauen auf, die bereits vor der Schwangerschaft Gingivitiden und Parodonthien aufwiesen12.

Studien zeigen erhöhtes Risiko

Einige aktuelle Studien haben einen Zusammenhang von parodontalen Erkrankungen in der Schwangerschaft und einem gesteigerten Risiko für Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht und Spätschäden für das Kind herausgearbeitet8. Es wird angenommen, dass Frauen mit einer marginalen Parodontitis eine erhöhte Konzentration von Bakterien und bakteriellen Produkten im Blutkreislauf aufweisen. Diese Bakteriämie unterstützt entzündliche Effekte an der Plazenta. Weiterhin konnte durch frühzeitige Erkennung und gezielte Therapie eine Verringerung der Entzündungsmediatoren und der Frühgeburtenrate erreicht werden13. Plaquekontrolle, Scaling, Motivation und Instruktion sowie gezielte Chlorhexidin-Nutzung erzielten ebenfalls eine Verringerung sowohl der Frühgeburtenrate als auch des niedrigen Geburtsgewichtes10. Allerdings gibt es auch Studien, die diese Zusammenhänge nicht zeigen konnten11.

Erbrechen greift den Zahnschmelz an

Obwohl die meisten parodontalen Veränderungen während einer Schwangerschaft von vorübergehender Natur sind, sollten Frauen im gebärfähigen Alter regelmäßige zahnärztliche Prävention nutzen, um die beschriebenen Komplikationen oder Schmerzbehandlungen mit Anästhesien, Röntgenaufnahmen bzw. Füllungen zu vermeiden7, 13. Hinzu kommt, dass die Zähne von Schwangeren häufig verstärkt Säureattacken durch das Erbrechen in der Frühschwangerschaft und verändertes Ernährungsverhalten (Süß-sauer-Attacken, vermehrte Zwischenmahlzeiten) ausgesetzt sind5, die das Risiko für Erosionen, säurebedingte Abrasion und Kariesaktivität erhöhen.

Motivation zur Prävention

Junge Frauen und insbesondere Schwangere sind in Gesundheitsfragen äußerst motivierbar, vor allem um gesundheitliche Schäden des Kindes zu vermeiden und eine optimale Entwicklung zu ermöglichen. Diese Motivierbarkeit sollte genutzt werden, um junge Frauen über die zahnmedizinischen Probleme in der Schwangerschaft aufzuklären und z. B. jetzt zur Nutzung von Zahnseide zu motivieren. Die Approximalraumreinigung sollte bei jungen Erwachsenen ohnehin im Vordergrund stehen, da ab diesem Lebensalter kariologische und parodontale Probleme approximal am meisten fortschreiten.

Durch Nutzung von interdentalen Hilfsmitteln kann somit die Gesamtkeimbelastung der Mundhöhle deutlich reduziert werden. Auch das Verschließen von Plaqueretentionsnischen (Korrektur überstehender Füllungsränder, provisorischer Verschluss von evtl. kariösen Läsionen) und die professionelle Zahnreinigung können helfen, die häusliche Mundhygiene deutlich zu vereinfachen und die Keimbelastung zu reduzieren9 (siehe Kasten 1).

Die Kariesrisikoklassifikation der Schwangeren ist nicht nur für die Vermeidung bzw. Therapie einer Schwangerschaftsgingivitis und zur Keimzahlsenkung hilfreich, sondern auch für die Präventionsplanung des Kindes von herausragender Bedeutung.

Korrespondenz: Prof. Dr. Christian H. Splieth, Abt. für Präventive Zahnmedizin & Kinderzahnheilkunde, Universität Greifswald, Deutschland´, E-Mail:

 

Literatur:

1 Abraham-Inpijn L, Polsacheva OV, Raber-Durlacher JE (1996) The significance of endocrine factors and microorganisms in the development of gingivitis in pregnant women. Stomatologiia 75: 15–18

2 BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) (2006) Triclosan nur im ärztlichen Bereich anwenden, um Resistenzbildungen vorzubeugen. Stellungnahme Nr.030/2006 des BfR

3 Boyarova TV, Dryankova MM, Bobeva AI (2001) Pregnancy and gingival hyperplasia. Folia Med 43: 53–56

4 Diaz-Guzman LM, Castellanos-Suarez JL (2004) Lesions of the oral mucosa and periodontal disease behavior in pregnant patients. Med Oral Patol Oral Cir Bucal 9: 430–437

5 Günay H, Meyer K, Rahman A (2007) Gesundheitsfrühförderung in der Schwangerschaft. Zm 97: 44–54

6 Henry F, Quatresooz P, Valverde-Lopez JC, Pierard GE (2006) Blood vessel changes during pregnancy: a review. Am J Clin Dermatol 7: 65–69

7 Hilgers KK, Douglass J, Mathieu GP (2003) Adolescent pregnancy: a review of dental treatment guidelines. Pediatr Dent 25: 459–467

8 Kurnatowska A, Stankiewicz A (2006) Clinical evaluation of periodontium in pregnant women with risk of preterm birth. Ginekol Pol 77: 366–371

9 Laurisch E, Laurisch L (Hrsg) (2000) Ein Leben lang gesunde Zähne. Medizin, Kunst & Kongresse, Neu-Isenburg

10 Lopez NJ, Da Silva I, Ipinza J, Gutierrez J (2005) Periodontal therapy reduces the rate of preterm low birth weight in women with pregnancy-associated gingivitis. J Periodontol 76: 2144–2153

11 Michalowicz BS, Hodges JS, DiAngelis AJ et al. (2006) Treatment of periodontal disease and the risk of preterm birth. N Engl J Med 355: 1885–1894

12 Moss KL, Beck JD, Offenbacher S (2005) Clinical risk factors associated with incidence and progression of periodontal conditions in pregnant women. J Clin Periodontol 32: 492–498

13 Offenbacher S, Lin D, Strauss R et al. (2006) Effects of periodontal therapy during pregnancy on periodontal status, biologic parameters, and pregnancy outcomes: a pilot study. J Periodontol 77: 2011–2024

14 Sarlati F, Akhondi N, Jahanbakhsh N (2004) Effect of general health and sociocultural variables on periodontal status of pregnant women. J Int Acad Periodontol 6: 95–100

15 Sculean A (2000) Prävention von parodontalen Erkrankungen. In: Splieth Ch (Hrsg) Professionelle Prävention – Zahnärztliche Prophylaxe für alle Altersgruppen. Quintessenz, Berlin

Kasten 2
Fazit für die Praxis
Nutzen Sie die Motivierbarkeit von Schwangeren, um über die zahnmedizinischen Probleme in der Schwangerschaft aufzuklären und z.B. zur Nutzung von Zahnseide zu motivieren. Denn schon durch die Nutzung von interdentalen Hilfsmitteln kann die Gesamtkeimbelastung der Mundhöhle deutlich reduziert werden. Zusätzlich sinnvoll sind der Verschluss von Plaqueretentionsnischen und die professionelle Zahnreinigung. Eine Kariesrisikoklassifikation der Schwangeren ist für die Vermeidung einer Schwangerschaftsgingivitis und zur Keimzahlsenkung hilfreich und auch für die Präventionsplanung des Kindes von Bedeutung.
Kasten 1
Checkliste zur Prophylaxe
Folgende Punkte sollte die zahnärztliche Prophylaxe in der Schwangerschaft umfassen:
• Bestimmung des Kariesrisikos der Mutter
• Senkung der oralpathogenen Keimzahl durch Verschluss von Plaqueretentionsnischen und Optimierung der Mundhygiene
• Ernährungsberatung/Anbieten der Raucherentwöhnung
• Aufklärung über die Übertragbarkeit der Keime von den Eltern auf das Kind
• Festlegung des Recall-Abstandes und der Erstvorstellung des Kindes

Von C. Splieth und Ch. Berndt, Zahnarzt 11 /2011

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