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Depressionen und Katastrophisieren können harmlose Kieferprobleme negativ beeinflussen.
 
Zahnheilkunde 2. November 2011

Schwarzsehen schmerzt

Manchmal sitzt die Psyche im Kiefer.

Erkrankungen des Kiefergelenks (TMJD) sind häufig. Sie plagen rund zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung. Meist sind sie harmlos und verlaufen selbstlimitierend. Bei jedem Zehnten jedoch chronifiziert sich der Schmerz, und es entstehen körperliche Beeinträchtigungen. Wie diese Entwicklung mit der seelischen Verfassung des Patienten zusammenhängen kann, hat eine US-Studie untersucht.

 

Frühere Studien hatten bereits ergeben, dass bei Patienten mit einer depressiven Erkrankung der Beginn einer schmerzhaften Kiefergelenkserkrankung innerhalb von drei Jahren vorausgesagt werden kann. Zudem schätzt man, dass nahezu jeder zweite Patient mit persistierenden Schmerzen Zeichen einer Depression zeigt. Bislang ist allerdings unklar, wie psychische Faktoren die Aufrechterhaltung des Schmerzes begünstigen können.

Katastrophisieren tut weh

Eine Studie untersuchte jetzt an 480 amerikanischen Patienten mit Kieferschmerz (Muskel- und/oder Gelenkschmerz mindestens einmal pro Woche über mindestens drei Monate) unter anderem die Auswirkungen von Depressionen und der Neigung zu katastrophisieren in einem 18-monatigen Follow-up. Schmerzintensitäten wurden mit der Graded Chronic Pain Scale (GCPS) von I bis IV angegeben. 261 Personen wurden der GCPS-I-Gruppe zugeordnet (Schmerz noch nicht klinisch signifikant). 309 Patienten zeigten Schmerzgrade zwischen II und IV (= klinisch signifikanter Schmerz). Der Vergleich mit der GCPS-I-Gruppe ergab in der GCPS-II–IV-Gruppe durchschnittlich höhere Werte sowohl bei der Neigung zum Katastrophisieren als auch in den Depressionsscores. Auch die Angaben zur maximalen Schmerzstärke lagen in dieser Gruppe im Durchschnitt höher. Außerdem fanden sich in der GCPS-II–IV-Gruppe überdurchschnittlich viele Frauen, und es wurde häufiger ein generalisiertes Schmerzsyndrom zu Protokoll gegeben.

Pessimismus verstärkt den Schmerz

Insgesamt beendeten 84 Prozent der Probanden das Follow-up. Im Mittel lag die Schmerzintensität auf der Numerical rating scale (NRS von 0–100) bei 38,15 und die mittlere Beeinträchtigung bei 6,67. Die multivariable Analyse, die Faktoren wie Alter, Geschlecht und Schmerzintensität berücksichtigte, zeigte im Wesentlichen folgende Ergebnisse: Je höher die Schmerzintensität schon zu Beginn der Untersuchung war und je mehr die Patienten dazu neigten, in jeder Situation den schlechtesten Ausgang zu erwarten (Katastrophisieren), desto stärker waren die Schmerzen am Studienende nach 18 Monaten.

Je mehr die Probanden zum Katastrophisieren neigten, desto früher wurde ein harmloser Schmerz (GCPS I) klinisch signifikant (GCPS II–IV) und desto schneller erfolgte die Progression. Kein signifikanter Zusammenhang ergab sich hier, im Gegensatz zu anderen Studien, zwischen der Schmerzstärke und dem Vorliegen einer Depression oder eines generalisierten Schmerzsyndroms. Allerdings bestand eine positive Korrelation zwischen einer depressiven Erkrankung bzw. der Neigung zu katastrophisieren und dem Ausmaß der körperlichen Beeinträchtigung am Ende der Studie.

Das Fazit der Autoren: Katastrophisieren und Depression tragen zur Progression eines chronischen Kieferschmerzes und zu entsprechenden körperlichen Beeinträchtigungen bei. Deshalb sollten diese Faktoren nach Ansicht der Autoren bei der Planung der Behandlung von Patienten mit chronischem Kiefergelenksschmerz mitberücksichtigt werden.

 

Quelle: springermedizin.de

Studie: Velly AM et al. The effect of catastrophizing and depression on chronic pain – a prospective cohort study of temporomandibular muscle and joint pain disorders. Pain 2011; 152:2377–2383

C. Starostzik, Zahnarzt 11 /2011

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