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„Abhandlung von den Zähnen des menschlichen Körpers und deren Krankheiten“.
 
Zahnheilkunde 2. November 2011

Der Gipsgießer: Philipp Pfaff

Der Sohn des Berliner Chirurgen Johann Leonhard Pfaff war der Erste, der Zähne zunächst in Wachs drücken ließ und aus diesem Negativ einen Gipsabguss des Kiefers anfertigte.

Im 18. Jahrhundert etablierte sich die Zahnmedizin als eigenständige medizinische Fachrichtung. Der Berliner Philipp Pfaff – Mediziner, Chirurg, Zahnarzt – schrieb die „Abhandlung von den Zähnen“, das erste Lehrbuch in deutscher Sprache. Zudem machte er vor allem durch neuartige Praktiken von sich reden: Er erfand den Gipsguss als Kiefermodell.

 

Berliner Zahnärzten ist der Name Philipp Pfaff selbstverständlich ein Begriff. Die Landeszahnärztekammern Berlin und Brandenburg haben eine Fortbildungseinrichtung mit seinem Namen bedacht – heute kurz „das Pfaff“ genannt. Mit diesem Institut am Campus Benjamin Franklin im Süden der deutschen Hauptstadt zollen sie dem Namensgeber aus Berlin Respekt, der die Zahnmedizin im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und in ganz Europa vorangebracht hat.

Wann genau Philipp Pfaff geboren wurde, ist nicht bekannt. Doch da davon auszugehen ist, dass eine Taufe im 18. Jahrhundert nah am Geburtstag lag, so war es wohl im Februar 1713. Und sein Taufbucheintrag ist noch heute bei der Domgemeinde Berlin vorhanden.

Die Karriere als Zahnarzt wurde ihm fast schon in die Wiege gelegt, denn als Sohn des Chirurgen Johann Leonhard Pfaff bekam er von Kindesbeinen an Kenntnisse der menschlichen Anatomie vermittelt. Später unterrichtete ihn Vater Pfaff an der 1710 gegründeten Berliner Charité in Medizin, Chirurgie und Zahnmedizin – auf dem damals höchsten wissenschaftlichen Stand.

Philipp Pfaffs großes Vorbild war der französische Begründer der Zahnmedizin Pierre Fauchard. Wie dieser Lehrmeister im Geiste brachte Pfaff sein Wissen zu Papier. In der „Abhandlung von den Zähnen des menschlichen Körpers und de-ren Krankheiten“ schrieb er erstmals in deutscher Sprache nieder, was es über Zähne, Kiefer, Mundhöhle und deren Behandlungsmöglichkeiten damals Wissenswertes gab. Er orientierte sich an Fauchard, brachte aber auch viele eigene Erfahrungen und neue Ideen ein. Unter König Friedrich dem Großen avancierte Pfaff zum „Hofzahnarzt“ – ein Titel, der damals zum ersten Mal verliehen wurde. Unbekannt ist allerdings, ob Pfaff den König tatsächlich behandelte.

Erstaunlich sind die Weitsicht und Beobachtungsgabe Pfaffs. In seinem Werk stellte er beispielsweise fest, dass „die Zuckerbeckers und Conditors selten gute Zähne besitzen“ und versuchte der Ursache auf die Spur zu kommen. Übertriebenes Putzen aber schadete seiner Ansicht nach den Zähnen eher. Dafür entwickelte er eine ansehnliche Rezeptsammlung von Mundwassern und Zahnpulvern.

Pfaff war ein aufgeklärter, an den Tatsachen orientierter Mann. Für „Zahnwürmer“ und anderen abergläubischen Hokuspokus, der sich damals in vielen medizinischen Bereichen hartnäckig hielt, hatte der Berliner nichts übrig. Musste ein Zahn gezogen werden, ging er ganz pragmatisch vor und verabreichte anschließend „Mohnsaft“, um den Schmerz zu lindern. Von suchtfördernder Opiatanwendung war damals natürlich noch nichts bekannt. Bei der Behandlung kranker Zähne setzte Pfaff neue Standards. Die Schilderung der direkten Überkappung der Pulpa mit konkav gebogenen Goldplättchen ist sogar unter heutigen Aspekten noch interessant.

Die größte Leistung von Pfaff liegt jedoch in der Herstellung von Zahnersatz – ein damals wie heute allgegenwärtiges Thema. Er war der Erste, der den Patienten seine Zähne zunächst in Wachs drücken ließ und aus diesem Negativ einen Gipsabguss des Kiefers anfertigte. Für die Zahnmedizin war dies eine Pionierleistung, die erst Ende des 19. Jahrhundert mit der Verwendung von polymerisierbarem Kautschuk als Prothesenmaterial ihren Durchbruch feierte. Doch Pfaff schaffte es, erstmals mit seiner Gussmethode maßgefertigten Zahnersatz herzustellen, wobei er Zähne vom Flusspferd bevorzugte, weil die haltbarer seien und nicht schwarz würden wie Rinderzähne. Auch von der Transplantation von Menschenzähnen nahm er dankenswerterweise Abstand, weil er festgestellt hatte, dass „die mehresten Menschen ein Grauen haben für Zähne, die aus einem Leichnam stammen“.

Von S. Schmitt, Zahnarzt 11 /2011

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