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Foto: Koelnmesse GmbH / IDS
Das moderne Prophylaxekonzept: Zahngesundheits-Management mit individueller Beratung und abgestimmten Prophylaxemaßnahmen .
Foto: Privat

Dr. Carsten Stockleben Zahnarzt in Hannover, Deutschland www.stockleben.com

 
Zahnheilkunde 3. Oktober 2011

„Mehr Appetit auf Prophylaxe machen“

Das nachhaltige Praxiskonzept bringt durchschlagenden Erfolg.

„Sieger handeln, Verlierer reden davon, zu handeln“: Mit diesem Slogan wurde der Vortrag der Dres. Stockleben beim „Praxistag 2011“ in St. Pölten am 16. September 2011 angekündigt. Und genau in diesem Sinne brechen die beiden in Hannover niedergelassenen Zahnärzte eine Lanze für die mit Nachdruck betriebene professionelle Prophylaxe und die sorgfältig durchgeführte häusliche Mundhygiene.

 

Mehr als 14.000 Zahnärztinnen, Zahnärzte und AssistentInnen haben sich bisher in Kursen und Vorträgen der Dres. Carsten und Dirk Stockleben fortgebildet. Dennoch: Für die Praxen sind die zahnmedizinischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft, schaut man sich die steigende Verbreitung von Parodontitis und nur langsam zurückgehende Karies an. Im Interview mit dem Zahn Arzt ruft Dr. Carsten Stockleben seine Zahnarztkollegen zu verstärkter Aktivität auf.

 

Sie haben Ihrem Vortrag die Überschrift: „Warum Prophylaxe?“ gegeben – das klingt provokant. Muss das etablierte Prophylaxeangebot der Praxis aus Ihrer Sicht neu überdacht werden?

STOCKLEBEN: Ja, unbedingt! Ich nenne Ihnen Zahlen aus Deutschland, die sich auf Österreich umrechnen lassen: Jedes Jahr werden für ein Prozent der Bevölkerung Kassen-Neuanträge zur Behandlung einer moderaten oder sogar schweren Parodontitis gestellt. In all diesen erstmals zahnärztlich erfassten Fällen ist eine beginnende und leichte Erkrankung vorausgegangen, die offensichtlich nicht behandelt wurde. Für Österreich mit seinen gut 8,4 Millionen Einwohnern – nach Stand im Jänner dieses Jahres –bedeutet dies jährlich 84.000 neu hinzukommende Betroffene, die leichten Fälle noch gar nicht mitgezählt. Hier liegt ein weites Betätigungsfeld für jede Praxis brach, vonseiten der Zahnheilkunde wie auch der Praxisökonomie her betrachtet! Dreh- und Angelpunkt unseres beruflichen Denkens muss die Vorsorge sein, nicht die Reparaturzahnmedizin. Wir müssen der Prophylaxe ein erhebliches Gewicht geben und das gesamte Praxiskonzept von dort her aufrollen.

Ein bisschen Zahnstein entfernen genügt nicht. Mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen geht es heute um das umfassende und systematische Biofilm-Management, damit eine effektive Parodontitisprophylaxe betrieben werden kann und gleichzeitig natürlich auch der Karies vorgebeugt wird.

 

Wie sollte sich die Prophylaxe heute in der Praxis gestalten?

STOCKLEBEN: Kognitiv gesehen ist Prophylaxe bereits hipp. 99 Prozent der Zahnärzte wie auch 90 Prozent der Patienten halten Prophylaxe für wichtig – nur: Es hapert an der Umsetzung, an dem Herzblut, das in die Sache fließt. Für die Zahnarztpraxis heißt das: An erster Stelle müssen die Selbstmotivation und Motivation des Teams stehen. Nur wer selbst handelt, kann auch etwas bewegen. Im nächsten Schritt muss der Praxisinhaber feste Strukturen schaffen und sicherstellen, dass die Maßnahmen auch stringent durchgesetzt werden.

Wie sehen diese Strukturen in Ihrer Praxis aus?

STOCKLEBEN: In unserer Praxis, die ich zusammen mit meinem Bruder Dirk führe, gestaltet sich das konkret so: Die Prophylaxe steht auf dem Praxisschild und der Homepage. Jeder neue Patient, der unsere Praxis betritt, darf in einem sehr ausführlichen Einführungsgespräch seine Bedürfnisse und Wünsche, seine Nöte und Ängste äußern. Er kommt in den Genuss einer umfassenden Diagnostik, der sich ein möglichst jahrelanges „Zahngesundheits-Management“ mit individueller Beratung und abgestimmten Prophylaxemaßnahmen inklusive Trainings anschließt. Wir nehmen die Patienten in ein Quartals-Recall auf. Die professionelle Zahnreinigung (PZR) wird bei uns nicht halbjährlich oder gar nur jährlich durchgeführt, sondern im dreimonatlichen Rhythmus. Denn während sich nach einer PZR der Biofilm neu bildet, steigt mit der Zeit die Pathogenität in der Keimsumme. Wer zu lange mit der neuerlichen Reduktion des Biofilms wartet, nimmt die sich verstärkende Entzündungsreaktion des Körpers mit ihren Folgen für das Parodont in Kauf.

 

Welche konkreten Bausteine soll das moderne Prophylaxekonzept Ihrer Erfahrung nach enthalten?

STOCKLEBEN: Im Bereich der Parodontaldiagnostik hat sich viel getan. Zum Beispiel gibt es elektronische Parodontalsonden mit digitaler Dokumentationsmöglichkeit von Veränderungen. Außerdem hilft die mikrobiologische Diagnostik nach Zungenabstrich und Speicheltest weiter. Auf dieselbe Weise lässt sich auch das Kariesrisiko objektiv abschätzen. Mithilfe der Fluoreszenzkamera, des Laserfluoreszenz-Stiftes oder der elektrischen Widerstandsmessung wird eine beginnende Karies sicherer erkannt als allein durch Einsatz des Spiegels. Die Laserfluoreszenzdiagnostik überzeugt auch im subgingivalen Bereich – zur noninvasiven Diagnose von Zahnstein. Dieses Gerät erzielt eine höhere Spezifität als der taktile Befund mit der Sonde. Bei der klinischen Untersuchung sollte eine Lupenbrille selbstverständlich sein. Um Befunde besser zum Patienten kommunizieren zu können, empfiehlt sich die Intraoralkamera. Die aufgenommenen Bilder gehen denselben Weg wie die anderen Erhebungen – in die digitale Patientendatei. Die Vernetzung und papierlose Speicherung aller Daten erlebe ich als großen Fortschritt für die Effizienz in der Praxis!

 

Welche Möglichkeiten nutzen Sie für die PZR?

STOCKLEBEN: Das ist der nächste Baustein: Bei der professionellen Zahnreinigung haben sich aus meiner Sicht neben Ultraschallgeräten Pulverstrahlgeräte der neuen Generation bewährt. Das Pulver – ein Salz der Aminosäure Glycin – erreicht auch den subgingivalen Bereich, Biofilme lassen sich bis zu Taschentiefen von fünf Millimetern schonend entfernen. Den meisten Patienten ist zwar Zähneputzen geläufig, oft vernachlässigen sie aber schwer zugängliche Bereiche oder – je nach Rechts- oder Linkshändigkeit – die Quadranten einer Seite. Deshalb kommt der individuellen Instruktion größte Bedeutung zu – dies ist der dritte Baustein einer Praxis mit umfassendem Prophylaxe-Schwerpunkt. Die Assistentin sollte sich die Zeit nehmen, verschiedene Zahnbürsten, Aufsteckbürsten, dickere und dünnere Zahnseiden, Interdentalbürsten, Zungenreiniger, Mundspüllösungen und eine Auswahl an Zahnpasten zu besprechen, immer verknüpft mit der Anwendung.

 

Wie kann man Patienten „bei der Stange halten“?

STOCKLEBEN: Ich lege Ihren Lesern und allen Besuchern meiner Kurse nahe, für den Praxisschwerpunkt Prophylaxe einen eigenen Raum mit Wohlfühlambiente einzurichten – die Investition rechnet sich. Ein wesentlicher Punkt dabei: Geschulte und einfühlsame ProphylaxeassistentInnen sind ein Muss. Im Umgang mit den Patienten geht es darum, dass der Funke der eigenen Begeisterung für Prophylaxe und Zahngesundheit überspringt. Das in der Praxis Besprochene und Vorgeführte muss den Patienten Appetit auf Prophylaxe machen, es soll ja bis in ihren Alltag zu Hause hineinreichen und zu einer dauerhaften Verhaltensänderung führen. Das geht eigentlich nur mit Lust, guter Laune, Lob – und dann der Genugtuung, dass es klappt und sich die Mühe lohnt.

Wir selbst betreiben die so umrissene Prophylaxe in unserer Praxis seit vielen Jahren. Wir haben für unsere Patienten, unser Team und uns selbst nur gute Erfahrungen gemacht. Unsere Praxis liegt in einem Gewerbegebiet am Stadtrand Hannovers, auf „Laufkundschaft“ können wir nicht zählen. Aber unser Konzept hat sich herumgesprochen – wir werden gezielt von Patienten aufgesucht, die ihre Zähne gesund erhalten wollen und von uns alle Anstrengungen in dieser Richtung erwarten. Sie nehmen dafür auch eine lange Anfahrt in Kauf. In unserem Betriebsergebnis hat die Prophylaxe die Reparaturmedizin längst überholt. Die Zeit ist reif für einen Paradigmenwechsel in jeder Zahnarztpraxis.

 

Das Gespräch führte Dr. Gisela Peters

Auswahl an Prophylaxe-Fortbildungen
www.oegzmk.at/termine
z. B.: 12.11.2011: Zahnmedizinischer Prophylaxekurs für Zahnärzte und die Assistenz – Teil 1. Veranstaltungsort: Linz. (Teil 2: 16.04.2012).

www.oegp.at
Österreichische Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP): mit Fortbildung auf dem Gebiet der Parodontalbehandlung von Zahnärzten sowie einem Angebot an Aus- und Fortbildung für ProphylaxeassistentInnen einschließlich der Umsetzung von parodontalprophylaktischen Maßnahmen.

www.prophylaxeakademie.at
Fortbildung für die ZMA.

www.pznoe.at
Prophylaxezentrum Niederösterreich: Informationsplattform zu Zahn- und Mundpflegeprodukten.

www.stockleben.com
Prophylaxeseminare. Veranstaltungsort: Hannover/Deutschland

Dr. Gisela Peters, springermedizin.at

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