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Dipl. Psychologe und Psychotherapeut André Wannemüller

 
Zahnheilkunde 3. Oktober 2011

Keine Angst vor Angstpatienten

In einer Rangliste potenziell bedrohlicher Situationen rangiert die Zahnbehandlung auf Position zwei. Nur vor dem öffentlichen Sprechen „zittern“ noch mehr Menschen. Auch für den Zahnarzt selbst bedeuten ängstliche Patienten Stress.

Wenn es unter Zahnärzten um die Diskussion von Stör- und Stressfaktoren im zahnärztlichen Praxisalltag geht, dauert es meist nicht lange, bis sie auf die Behandlung stark ängstlicher oder vermeidender Patienten zu sprechen kommen. Tatsächlich erwies sich in einer unter Zahnärzten durchgeführten Umfrage die zahnmedizinische Versorgung dieser Patientengruppe mit ihren besonderen situativen Anforderungen und Bedürfnissen als Belastungsfaktor Nummer eins in der Praxisroutine.

Die Angst vor zahnärztlichen Eingriffen ist in der Bevölkerung ein weit verbreitetes Phänomen: Bei in Industrieländern durchgeführten Prävalenzuntersuchungen geben immerhin konsistent zwischen 60 Prozent und 80 Prozent der Befragten an, Angst vor der Zahnbehandlung zu haben. In einer Rangliste potentiell bedrohlicher Situationen rangiert damit die Zahnbehandlung auf Position zwei. Nur beim öffentlichen Sprechen kommen demnach noch mehr Menschen ins Schwitzen.

Feuchte Hände und innere Unruhe

Die meisten Personen, die sich subjektiv für ängstlich halten, empfinden jedoch bei der Konfrontation mit zur Zahnbehandlung gehörigen Stimuli nur milde Furchtsymp- tome wie z. B. ein leichtes Unbehagen bei dem Gedanken an Bohrer oder Sonde, das sich psychophysiologisch unter anderem in verschwitzten Händen und leichter innerer Unruhe ausdrückt. Ungefähr zehn Prozent dieser Personen sind jedoch so stark ängstlich, dass sie den Gang zum Zahnarzt manchmal jahrzehntelang vermeiden. Dies führt in der Regel zu einem massiven Rückgang der Zahngesundheit, der von häufigen Schmerzen und sichtbaren ästhetischen Defiziten begleitet wird.

Kampf- und Fluchtreaktionen

Die häufigste, aber nicht ausschließliche Ursache für heftige Furchtreaktion im Kontext der Zahnbehandlung ist die Zahnbehandlungsphobie. Außer durch das hartnäckige Vermeidungsverhalten zeigt sich diese Störung durch heftige physiologische Reaktionen, z. B. Herzrasen, Hyperventilation oder starkes Muskelzittern. Deren evolutionärer Sinn besteht darin, die Patienten auf schnelle Flucht und – Achtung, liebe behandelnde Zahnärzte! – Kampf vorzubereiten. Viele der Betroffenen rechnen jeden Moment mit einer unausweichlichen Katastrophe z. B. plötzlichen starken Schmerzen oder Luftnot sobald sie mit irgendeinem Behandlungsutensil in Kontakt kommen. Gleichzeitig schämen sie sich meistens sehr für ihre Furcht und/oder ihren Zahnzustand. Manche befürchten sogar, deshalb vom Praxispersonal despektierlich behandelt zu werden.

Wurzeln der Phobie

In der überwiegenden Mehrzahl entsteht die Phobie aus sogenannten primären Konditionierungsereignissen, das sind Situationen wie z. B. starke Schmerz- oder Kontrollverlusterfahrungen, in denen die Patienten starke Angst haben und die Furchtreaktion dann mit der Situation – konkret der Zahnbehandlung – verknüpfen. Weniger häufig wird die Stö-rung vor allem in der Kindheit auch durch sogenanntes Modelllernen, z. B. die Beobachtung des sich vor dem nächsten Zahnarzttermin fürchtenden Vaters, vermittelt oder entsteht durch die Aufnahme angsterzeugender Informationen, z. B. Medienberichte über misslungene Behandlungen sozusagen stellvertretend ohne eine unmittelbare Erfahrung.

Damit Furcht erst gar nicht entsteht

Wenn phobische Patienten sich dann doch einmal trauen, den Gang zum Zahnarzt anzutreten bzw. aufgrund von Schmerzen oder ästhetischen Defiziten dazu gezwungen werden, reagieren die meisten Zahnärzte fast schon intuitiv mit großer Geduld auf dieses Klientel und sind bemüht, es besonders behutsam zu behandeln. Das ist auf jeden Fall schon mal ein sehr guter Anfang und eine wichtige Voraussetzung, um diesen Patienten die zur Überwindung ihrer Furcht so wichtigen Bewältigungserfahrungen zu ermöglichen. Trotz in der Regel bester Absichten (auf beiden Seiten) gestaltet sich die Interaktion, besonders bei noch etwas weniger erfahrenen Behandlungsteams, trotzdem oft noch schwierig und endet zuweilen in beiderseitigem Hilflosigkeits- und Stresserleben. Die folgenden sieben Tipps können dabei helfen, einerseits aufseiten der Behandelnden das Kompetenzerleben im Umgang mit Zahnbehandlungsangst zu steigern und andererseits für die Patienten die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen, sodass Kontrollerleben gefördert wird und Furcht gar nicht erst entstehen kann.

Tipps zur Praxisorganisation:

  1. Vermeiden Sie auf jeden Fall typische Praxisgerüche

Hirnanatomisch spielt der Hippocampus sowohl für die Verarbeitung von Geruchsinformationen als auch Erinnerungen eine wichtige Rolle, sodass Gerüche starke Triggerreize für Erinnerungen darstellen. Wenn es bei Ihnen so riecht wie in der Praxis, in der Ihr Patient seine Phobie erworben hat, werden seine angstbezogenenen Erinnerungen bzw. sein Furchtnetzwerk sofort wieder aktiviert. In einer Untersuchung, in der über 60 verschiedene Reize mit Zahnbehandlungsbezug hinsichtlich ihrer Furchterzeugung von Angstpatienten eingeschätzt wurden, erwies sich tatsächlich der Praxisgeruch als am meisten gefürchteter Stimulus.

  1. Vermeiden Sie lange Wartezeiten

Die antizipatorische Angst in Form furchtsamer Erwartungen und katastrophaler Annahmen über die bevorstehende Behandlung steigert sich bei Phobikern ins Unermessliche, wenn sie lange im Wartezimmer schmoren müssen. Dadurch werden auch körperliche Furchtsymptome intensiviert. Nach einer längeren Wartezeit sehen sich viele Angstpatienten aufgrund ihrer Furchthöhe nicht mehr in der Lage, eine Behandlung durchzustehen oder flüchten zuvor aus der Situation. Sollte es doch einmal länger dauern, informieren Sie Ihre Patienten über den Grund der Verzögerung.

  1. Bieten Sie eine indirekte Kommunikationsplattform

Diese Maßnahme ist für viele Patienten zur Überwindung ihres Vermeidungsverhaltens sehr hilfreich. Die meisten Angstpatienten informieren sich zunächst im Schutze der Anonymität, z. B. auf einer Praxis-Homepage, über das jeweilige Angebot zum Thema Zahnbehandlungsangst, bevor sie sich zum Praxisbesuch entscheiden.

  1. Verwenden Sie kurze Fragebögen zum Furchtscreening

Der Einsatz kurzer Fragebogen (maximal fünf Minuten Anwendungsdauer) wie z. B. die Dental Anxiety Scale (DAS) oder der Hierarchische Angstfragebogen (HAF) bietet zweierlei Vorteile: Einerseits liefert er für das Behandlungsteam wichtige Informationen über die Ausprägung der Zahnbehandlungsangst eines Patienten. Andererseits wird durch die Darbietung wissenschaftlich fundierter Verfahren zur Furchtmessung bei den Patienten der Eindruck verstärkt, dass man sich für ihre Angst interessiert und professionell mit ihr umgeht (ruhig auch schon auf der Homepage darbieten).

Tipps vor der Behandlung

  1. Führen Sie ein Vorgespräch

Führen Sie bei Auffälligkeiten im Screening ein kurzes Vorgespräch in einem separaten Besprechungsraum, in dem Sie sich über die Furcht ihres Patienten und dessen individuelle Erfahrungen informieren. Dadurch normalisieren Sie seinen Zustand (Beispiel: „Wahrscheinlich ist Ihnen Ihre Angst sehr unangenehm und Sie denken, Sie allein wären davon so stark betroffen. Meine tägliche Arbeit zeigt mir da aber etwas ganz anderes…“) und nehmen außerdem Anteil an seiner Situation. Empathie wirkt furchtlindernd. Darüber hinaus vermitteln Sie so Sicherheit und Erfahrung im Umgang mit furchtsamen Patienten.

  1. Fördern Sie Kontrollerleben

Unter den Aspekt der Förderung von Kontrollerleben fallen alle Strategien, die verhindern, dass Ihr Patient sich zu irgendeinem Zeitpunkt während der Behandlung hilflos oder ausgeliefert fühlt. Kündigen Sie z. B. jeden durchzuführenden Schritt an („Ich würde jetzt gerne den Behandlungsstuhl etwas tiefer hinunter lassen“) und holen Sie sich dazu das ausdrückliche Einverständnis ihres Patienten ein. Vereinbaren Sie auf der Basis der individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Patienten Regeln für die Behandlung (wann werden z. B. Unterbrechungen oder Pausen gemacht; wie ausführlich will der Patient über die Inhalte der Behandlung informiert werden etc.). Diskutieren Sie dabei auch das Thema Ablenkung (z. B. Musik hören). Achtung: Nicht immer haben Ablenkungsstrategien angstreduzierende Effekte, da sie mindestens einen Sinneskanal in Anspruch nehmen und deshalb zuweilen die in Furchtsituationen in der Regel hoch attentativen Patienten stören können.

Tipps während der Behandlung

  1. Betreiben Sie gründliche Schmerzverhütung

Bemühen Sie sich um eine schmerzfreie Behandlung, aber versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können. Die negativen Konsequenzen leichtfertig zugesicherter Schmerzfreiheit auf die Furcht Ihres Patienten sind viel stärker als einige schmerzhafte Minuten, auf die sie ihn zuvor vorbereitet haben (Beispiel: „Erfahrungsgemäß kann dieser Eingriff einige Zeit weh tun, wir können aber ein Zeichen vereinbaren, das sie jederzeit geben können, um die Behandlung zu unterbrechen und eine Pause zu machen“). Arbeiten Sie routinemäßig mit Oberflächenanästhetika vor der Injektion des Lokalanästhetikums (v. a. bei spritzenängstlichen Personen). Warten Sie ausreichend lange und überprüfen Sie den Anästhesieeffekt für die Patienten nachvollziehbar.

Übrigens: Zahnärzte, die ihren Weg zum Umgang mit furchtsamen Patienten gefunden haben, schildern die Arbeit mit diesem Klientel keineswegs als frustrierendes Erlebnis. Ein Grund hierfür könnte sein, dass der zu betreibende Mehraufwand für die zahnärztliche Versorgung durch die große Dankbarkeit und Treue dieser Patienten ausgeglichen wird.

 

Dipl. Psychologe und Psychotherapeut André Wannemüller ist in Bochum, Deutschland, tätig.

E-Mail:

 

Der Originalartikel ist erschienen in:

Der junge zahnarzt 1/2011

© Springer-Verlag

www.springerzahnmedizin.de

Checkliste bei Angstpatienten
a) Tipps für die Praxisorganisation:
1. Vermeiden Sie typische Praxisgerüche
2. Lassen Sie Angstpatienten nicht warten
3. Informieren Sie die Patienten schon auf Ihrer Homepage über Ihr Angebot zum Thema Zahnbehandlungsangst
4. Verwenden Sie sog. Angstfragebögen („Dental Anxiety Scale“ oder „Hierarchische Angstfragebogen“) zum Furchtscreening
b) Vor der Behandlung:
5. Führen Sie ein Vorgespräch
6. Fördern Sie alles, was verhindern, dass ihr Patient sich zu irgendeinem Zeitpunkt während der Behandlung hilflos oder ausgeliefert fühlt
c) Während der Behandlung:
7. Sorgen Sie für eine gründliche Schmerzverhütung, aber versprechen Sie nichts, was Sie nicht halten können.

Von A. Wannemüller, springermedizin.at

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