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Foto: MSW
Dr. Thomas Francan FA für ZMK in Wien und gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger
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Dr. Thomas Francan FA für ZMK in Wien und gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger

 
Zahnheilkunde 7. April 2009

Ist Österreich ein Land der Vogelfreien?

Heute ist es fast unmöglich geworden ohne forensische Probleme durch den zahnärztlichen Alltag zu kommen. Und mit Verlaub – ich weiß, wovon ich rede.

Was, Sie wurden noch nie von einem Ihrer Patienten vor Gericht oder vor die Schlichtung zitiert? Da stellt sich dem Wissenden die Frage: Arbeiten Sie noch oder sind Sie schon scheintot?

 

Ich darf mich vorstellen: Mein Name ist Thomas Francan, und seit zwei Jahren habe ich das zweifelhafte Vergnügen, in der Wiener Landeszahnärztekammer das Referat für Arzt-Patienten-Schlichtungen zu leiten. Seit einigen Jahren beobachten wir dort eine zunehmende Amerikanisierung der Arzt-Patienten-Beziehung in Österreich. Immer öfter entsteht der Eindruck, dass sich viele Patienten ihre eigenen Versäumnis-se in puncto Hygiene und Vorsorge und die daraus entstandenen Schäden und Kosten vom Arzt „ihrer Wahl“ holen möchten. Wir stellen fest, dass die Zahl der Schlichtungsfälle bei festsitzenden Versorgun- gen, Chirurgie etc. stagniert, während die „Wald-und-Wiesen-Fälle“ in der Schlichtung und vor Gericht buchstäblich explodieren: Beschäftigten uns im Jahr 2006 noch bescheidene 17 Fälle in der konservierenden Behandlung, so hielten uns im Jahr 2008 bereits mehr als 45 Fälle in Atem.

Skurriles Fallbeispiel aus dem Alltag

Da hat ein Kollege für das Honorar von 15,90 Euro (inklusive Anästhesie) einen Zahn gezogen, den Patienten vorher beraten und aufge-klärt und insgesamt eine Stunde mit ihm verbracht, um dann einige Monate später den Brief eines Anwalts zu bekommen, in dem der Patient – unter anderem unter dem Vorwand, über alternative Behandlungsformen (für die verfaulten Ruinen) nicht genügend aufgeklärt worden zu sein –, den „Freundschaftspreis“ von 4.000,– Euro fordert.

Die gesetzeskonforme Behandlung eines Patienten hat – man muss es offen feststellen – derzeit etwas von einer ausweglosen Situation. Gefangen zwischen sich rasant weiterentwickelnden, medizinischen Fachwissen, Aufklärung und Überaufklärung, Dokumentation und wirtschaftlichen Zwängen bleiben so-wohl Arzt als auch Patient auf der Strecke: der Arzt, weil unter diesen Bedingungen eine bestmögliche, sozial orientierte Versorgung der Patienten unmöglich wird, und der Patient, weil der sich der bereits abzeichnende Rückgang niedergelassener Fachärzte sowohl die Nahversorgung als auch die freie Arztwahl auf den Stand der Sechziger-Jahre zurückstufen wird.

Doch was ist zu tun?

Die Situation ist weitaus erdrückender als in den USA. Während dort der Patient sein Recht auf eigenes Risiko sucht, ist in Österreich fast jedes berechtigte oder unberechtigte Ansinnen durch eine Rechtsschutzversicherung abgesichert. Bei dieser Herr-Karl-Mentalität der Österrei-cher – frei nach dem Motto: „Man wird’s ja wohl mal versuchen dürfen“ – ist so eine Klage schnell formuliert. Aber es ist nicht nur der Fehler der Patienten, vielmehr ist es die Hilflosigkeit und auch Ignoranz, mit der ein Teil der Kollegenschaft auf das für sie vollkommen unverständliche Paralleluniversum aus juridischen Forderungen, Vorschriften und Ausdrücken reagiert.

Unser Ziel wird es sein, Ihnen in dieser Artikelserie Hilfestellung und Informationen zu geben, wie Sie einfach, präzise und doch effizient ihren Verpflichtungen in puncto Forensik nachkommen können. Von der Aufklärung bis zur Dokumentation werden wir versuchen, Sie durch all die Gefahren zu begleiten, die im alltäglichen Praxisleben auf Sie lauern. Damit nichts passiert, wenn was passiert!

Von Dr. Thomas Francan, Zahnarzt

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