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Dr. Allan Krupka Zahnarzt in Wien und Präsident der Österr. Gesellschaft für ärztliche und zahnärztliche Hypnose (ÖGZH)

 
Zahnheilkunde 17. Juli 2011

Entspannt mit Hypnose

Wie Trance die Schmerzen bei Zahnbehandlungen „bedeutungslos“ macht.

Eine Reihe von Versuchen hat gezeigt, dass Menschen in Hypnose Schmerzen nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Diese Behandlungsform hilft z.B. bei Rückenleiden, Rheuma und Migräne, bei Operationen und nicht zuletzt auch beim Zahnarzt.

 

Warum die meisten Ärzte die Hypnose nach wie vor ignorieren, ist rätselhaft. Gerade bei – sowohl akuten wie auch chronischen – Schmerzen ist die Wirksamkeit von Hypnose eindrucksvoll dokumentiert.

Verlorenes Wissen

Schon vor 150 Jahren operierte der Engländer James Esdaile in Indien über tausend Mal Patienten, welchen er mittels Hypnose half, schmerzarm bis schmerzfrei zu werden. Die Bandbreite der Eingriffe reichte von Star-Operationen bis hin zu Amputationen von Gliedmaßen. Doch auch Esdaile konnte nicht verhindern, dass dieses Wissen um die Wirkung der Hypnose verloren ging, als um 1850 chemische Betäubungsmittel wie Äther, Chloroform und Lachgas eingeführt wurden.

Experimente mit Hirnstrommessungen und modernen bildgebenden Verfahren haben gezeigt, dass es unter „hypnotischer Anästhesie“ zu typischen Veränderungen in Gehirnarealen kommt, in denen Schmerzreize verarbeitet werden. Es entsteht eine erhöhte Durchblutung speziell in vorderen Hirnregionen. Das hypnotisierte Gehirn erklärt Schmerzreize einfach für „irrelevant“. Der Schmerz wird registriert, aber nicht gefühlt.

Der beispielsweise durch eine Verletzung in der Peripherie ausgelöste elektrochemische Vorgang der Reizleitung läuft also weiterhin wie gewohnt in Richtung Schmerzzentrum im Gehirn ab, die psychologische und gefühlsmäßige Besetzung der ankommenden Information und damit das, was wir unter Schmerzwahrnehmung verstehen, unterbleibt aber oder wird entsprechend modifiziert.

Immer wieder berichten mir Patienten nach einem chirurgischen Eingriff unter hypnotischer Anästhesie, dass sie zwar die Schmerzen wahrgenommen haben, diese für sie jedoch bedeutungslos waren, weil sie sich bei der Schmerzempfindung als unbeteiligter Beobachter von außen erlebten und der Schmerz sie daher auch nicht direkt betroffen hat.

Andere wiederum können sich, im Sinne einer retrograden Amnesie, an einen Schmerz während des Eingriffes überhaupt nicht erinnern.

Posthypnotische Wirkung

Im täglichen Praxisalltag bedarf es oftmals aber gar keiner „eigentlichen“ hypnotischen Intervention, um eine posthypnotische Wirkung zu erzielen. Wenn ich unter Zuhilfenahme einer Anästhesie einen zahnchirurgischen Eingriff tätige, dann genügt in vielen Fällen die scheinbar beiläufig eingestreute Suggestion „... und die Anästhesie wird in dem Maße abnehmen, wie die Heilung voranschreitet, um dann, wenn die Heilung vollzogen ist, auch vollständig verschwunden zu sein ...“, um die anästhetische Wirkung im gewünschten Ausmaß und in der gewünschten Dauer auch ohne die während der Operation für die Wirkung verantwortliche chemische Substanz anhalten zu lassen.

Diese „hypnotisch suggestive Kommunikation“ kann von jedem Arzt neben der „eigentlichen“ Hypnose im Rahmen der ZÄK-Diplomfortbildung „Curriculum Hypnose und Kommunikation“ der Österreichischen Gesellschaft für ärztliche und zahnärztliche Hypnose (ÖGZH) auf höchstem Niveau erlernt und trainiert werden.

Schmerzerwartungshaltung

Herausragende Bedeutung bezüglich der Wirkung von Hypnose auf den Schmerz hat schließlich eine Beobachtung, die Prof. Brian D. Kiernan 1995 an der Universität von Virginia machte. Er hatte einen bestimmten Reflex im Rückenmark untersucht, der normalerweise durch Schmerzreize ausgelöst wird. Das Ergebnis war eindeutig: Bei Menschen in Trance ist dieser Schmerzreflex wesentlich weniger ausgeprägt als bei Kontrollpersonen. Je schwächer der Reflex war, desto geringer war auch der subjektiv empfundene Schmerz!

Eine besondere Variante im Wechselspiel von Hypnose und Schmerz ist die durch eine in manchen Fällen bis hin zur echten Phobie gesteigerte Schmerzerwartungshaltung, welche bewirkt, dass selbst harmlose Berührungen vom betroffenen Individuum als außerordentlich starker Schmerz (fehl-)interpretiert werden. Der auslösende Mechanismus ist dabei eine in die falsche Richtung laufende Selbsthypnose des Patienten, welche in einer dramatischen Dystrance mündet.

Der Wirkmechanismus ist in diesem Fall der gleiche wie bei der vom Hypnosearzt als therapeutisches Hilfsinstrument erwünschten Eutrance. Je intensiver der Patient in der Lage ist, seine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes inneres Bild zu fokussieren, sich also auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren, desto tiefer wird der Trancezustand des Patienten und damit die Fähigkeit, sich von äußeren Reizen abzukoppeln. Dies kann auf der einen Seite völlige Schmerzunempfindlichkeit, auf der anderen Seite aber auch die komplette Unbehandelbarkeit bedeuten.

Zuwendungs- versus Konsumentenmedizin

Erwiesen und von jedem Praktiker ganz leicht nachvollziehbar ist auch das Phänomen, dass ein während der Behandlung völlig entspannter und ruhiger Patient nur einen Bruchteil der Dosis des Anästhetikums braucht, die normalerweise für die Schmerzfreiheit während eines Eingriffes notwendig ist.

Voraussetzung für eine solche Entspanntheit ist ein Arzt-PatientenVerhältnis, welches sich durch Vertrauen und Sicherheit und damit durch eine hohe Compliance des Patienten auszeichnet. Dies heißt aber auch, dass beide, der Arzt und der Patient, verinnerlicht haben, dass ärztliche Heilkunst sehr wohl als „Zuwendungsmedizin“ zu verstehen ist, bei der sich der Arzt mit einem hohen Maß an Aufmerksamkeit und Empathie einbringt, sicher nicht aber als „Konsumentenmedizin“, bei der die Eigenverantwortung und die nötige Mitarbeit des Patienten fehlt.

In diesem Zusammenhang und als Abschluss ein Zitat von Albert Schweitzer: „Patienten tragen ihren eigenen Arzt in sich. Sie kommen zu uns und wissen nichts von dieser Wahrheit. Das Beste, was wir tun können, ist, dem inneren Heiler und damit dem Unbewussten unserer Patienten die Chance zu geben, seine Arbeit zu tun.“ Das Wunder ist und bleibt letztlich immer der Patient.

 

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Tel.: 01-3176320

Von Dr. Allan Krupka, Zahnarzt 7-8 /2011

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