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Foto: Woman Rudi Froese
Dr. Claudia Luciak-Donsberger Vorsitzende des Vereins der Diplom-DentalhygienikerInnen
 
Zahnheilkunde 6. März 2009

„Die Zahnbürste alleine reicht nicht aus“

Mit dem richtigen Know-how bleiben Kauwerkzeuge bis ins hohe Alter leistungsfähig.

Falsche Putztechnik, sporadisch und zaghaft verwendete Zahnseide, vernachlässigte professionelle Dentalhygiene – wenn es um die Reinigung von Zähnen und Implantaten geht, mangelt es bisweilen nicht nur an der nöti-gen Konsequenz.

 

In Österreichs Zahnarztpraxen besteht laut Dr. Claudia Luciak-Donsberger chronischer Aufklärungsbedarf und ein Ausbildungsmanko für professionelle Mundhygiene. Die Diplom-Dentalhygienikerin erklärt, wa- rum die Rot-Weiß-Technik überholungsbedürftig ist, wie Implantate funktionsfähig bleiben und wobei die häufigsten Fehler passieren.

 

Gründliches Zähneputzen ist eine Voraussetzung für den Erhalt der eigenen Zähne. Was wird hier häufig falsch gemacht?

LUCIAK-DONSBERGER: Im Rahmen einer Studie habe ich gemeinsam mit einigen KollegInnen dokumentiert, dass Patienten gar nicht oder nicht ausreichend über die richtige Putztechnik informiert sind. Einerseits ist zwar das horizontale Schrubben der Zähne, das Rezessionen fördert, mittlerweile seltener anzutreffen. Dafür sind nach wie vor zahlreiche Österreicher von der Rot-Weiß-Technik überzeugt und streichen behutsam über den Sulcus anstelle mit den Borsten unter den Zahnfleischrand zu reinigen. Viele benützen auch zu harte Bürsten und/oder arbeiten mit zuviel Druck oder verwenden die elektrische Zahnbürste nicht nach Anleitung. Dringenden Aufklärungsbedarf sehe ich auch bei der Interdental- und bei der Implantat-Reinigung. Das Reinigen mit der Zahnbürste reicht nicht aus, weil sie nur faziale, orale und okklusale Zahnoberflächen erreicht. Prominente Zahnflächen werden häu- fig überbehandelt, linguale Flächen, Nischen und Interdentalräume vernachlässigt. Eine effiziente Interdentalreinigung verringert nachweislich das Ausmaß und den Schweregrad von Parodontalerkrankungen. Das Problem: Nach wie vor wissen die wenigsten Patienten, wie sie mit Zahnseide korrekt umgehen sollen. Insbesondere bei Zahnfleischentzündungen haben viele aufgrund von Informationsmangel Berührungsängste – aus Angst, dadurch eine Blutung hervorzurufen, da entzündetes Zahnfleisch bei ersten Reinigungsversuchen ja tatsächlich zu bluten beginnt. Hier ist Aufklärung, exakte Anleitung und natürlich auch eine entsprechende Motivation gefragt, um Compliance zu erzielen.

 

Sind Elektrobürsten effizienter?

LUCIAK-DONSBERGER: Nicht immer. Einige Patienten reinigen Ihre Zähne auch mit einer Handzahnbürste ausreichend gründlich. Ich empfehle eine elektrische Zahnbürste auf jeden Fall Personen mit motorischen Einschränkungen oder Engstellungen. Und solchen Patienten, die zu oberflächlichem oder zu kurzem Putzen neigen, weil sie durch einen Timer dazu motiviert werden, länger und auch genauer zu putzen.

 

Welche besonderen Aspekte sollten Implantat-Patienten bei der Reinigung beachten?

LUCIAK-DONSBERGER: Sind Zähne schon verloren gegangen, sollte der Zahnarzt seine Patienten genau über die Vor- und Nachteile von Implantaten, die Bedeutung der aufwändigen häuslichen Pflege und von regelmäßiger professioneller Dentalhygiene aufklären. Er muss deutlich machen, dass Implantate noch pflegeintensiver sind als eigene Zähne. Das Gewebe um das Implantat herum kann sich genauso entzünden wie bei den eigenen Zähnen, nur ist die Entzündung bei Implantaten noch schwerer zu behandeln. Oft muss das Implantat dann entfernt werden. Bei der Reinigung gilt die Devise: schonend, aber gründlich – mit Hilfsmitteln, die in den Zwischenraum von Implantat beziehungsweise Krone eindringen. Für die Implantatpflege ideal sind spezielle Produkte wie dicke Zahnseiden zum Einfädeln, Büschelbürsten und kunstoffbeschichtete Interdentalraumbürsten. Metall kann das Implantat zerkratzen, wodurch sich Bakterien leichter ansiedeln und Entzündungen hervorru-fen können. Diese Vorsichtsmaßnahmen gelten natürlich auch für die professionelle Dentalhygienebhandlung, die alle drei bis vier Monate durchgeführt werden sollte. Dabei ist es wichtig, dass fachgerecht von ausgebildeten Dentalhygienikern gearbeitet wird.

 

Was macht die Dentalhygienebehandlung bei Implantaten so schwierig?

LUCIAK-DONSBERGER: Implantate stellen auch für gut ausgebildete DentalhygienikerInnen eine fachliche Herausforderung dar. Man braucht eine mehrjährige Ausbil-dung, um hier effektiv arbeiten zu können. Die gibt es bei uns leider nicht – die meisten MundhygienikerInnen in Österreich lernen nur unzureichend, wie man Implantate schonend reinigt ohne sie zu beschädigen, oder wie man Implantatentzündungen im Frühstadium erkennt und was man dann tun muss, um das Implantat vielleicht doch noch zu retten. In 22 europäischen Ländern – sogar in allen unseren Grenzlän- dern – hat man erkannt, dass man für die Dentalhygienebehandlung insbesondere für die Parodontitisbehandlung und für die professionelle Implantatreinigung eine fundierte Ausbildung braucht – Österreich ist da leider ein Schlusslicht. Ich werde zu den häufigsten Fehlern, die wir bei der professionellen Mundhygienebehandlung beobachtet haben, bei der Tagung der Österreichische Gesellschaft für Parodontologie im April in Sankt Wolfgang einen Vortrag halten und auch einen Workshop zur korrekten Auswahl und Handhabung von Handinstrumenten, die in den Kursen für Assistentinnen kaum gelehrt werden.

 

Welche Fehler sind am häufigsten?

LUCIAK-DONSBERGER: Zu den häufigsten Fehlern zählen unter anderem die mangelhafte Aufklärung über ätiologische Zusammenhänge, die zur Erkrankung führen. Was ebenfalls häufig vernachlässigt wird, ist die individuell angepasste Anleitung zur Entfernung von Plaque. Patien-ten müssen erfahren, was zum Problem führt und wie sie dieses State of the Art verhindern können.

Von großem Vorteil ist es, effektive Strategien zur Motivation zu beherrschen – Motivieren von Patienten gehört zu unseren vorrangigen Verantwortungsbereichen. Das ist eine Art verhaltenstherapeutische Vorgangsweise, die von Grund auf gelernt werden sollte. Weitere Mankos sind, dass diagnostische Daten oft gar nicht oder unzureichend erhoben werden. Diese sind für ein fachgerechtes Behandlungskonzept unerlässlich – als Behandler sollte man schließlich exakt wissen, wo man wie tief reinigen muss. Und dann gibt es noch eine Reihe von Fehlern bei der Handhabung von Instrumenten, z. B. bekommt man zerkratzte Implantate bei der professionellen Mundhygiene, wenn Metallinstrumente oder Ultraschallgeräte direkt auf die Metallteile des Implantats gelangen. In diese Kratzer, die sich unter dem Mikroskop als richtige Schluchten darstellen, setzt sich dann der bakterielle Biofilm an und begünstigt die Entzündung und in weiterer Folge den Verlust des Implantats.

 

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Kasten
Gesucht: DentalhygienikerIn
Die Fachleute für „schwierige Fälle“ sind in Österreich Mangelware
Diplom-DentalhygienikerInnen (DH) sind u. a. Spezialisten für die Vorbeugung gegen Zahn- und Zahnfleischerkrankungen und für die konservative Parodontaltherapie. Der Beruf wird in 22 europäischen Ländern anerkannt. In den meisten dieser Länder führt das Studium der Dentalhygiene zu einem akademischen Bachelor Abschluss – die Studiendauer beträgt drei bis vier Jahre. In Österreich wird nach wie vor keine gleichwertige Ausbildungsmöglichkeit angeboten. Die rund zehn Diplom-DentalhygienikerInnen, die derzeit in Österreich tätig sind, arbeiten in einer gesetzlich nicht geregelten Grauzone. Der Verein der Diplom-DentalhygienikerInnen (VDHÖ) wurde 1996 von Claudia Luciak-Donsberger in Wien als Forum für international diplomierte DentalhygienikerInnen gegründet. Zu den Zielen des Vereins zählen die Qualitätssicherung in der Vorbeugung gegen Zahnerkrankungen und in der nichtchirurgischen Parodontaltherapie, die Einführung einer DH-Ausbildung nach EU-vergleichbarem Standard sowie die Anerkennung des Berufstitels und der internationalen Ausbildung in Österreich. Der Gesetzesentwurf zum neuen Berufsbild der Prophylaxeassistentin, die in Hinkunft alle therapeutischen Arbeitsgebiete des Dentalhygienikers abdecken soll, stößt bei den Interessensverbänden u. a. aufgrund der knappen Ausbildungszeit auf Ablehnung. In dieser Form wären ihrer Meinung nach weder Qualität noch die Sicherheit der PatientenInnen gewährleistet.
Weitere Informationen: www.dentalhygienists.at, Link zum Gesetzesentwurf: www.parlinkom.gv.at/PG/DE/XXIV/ME/ME_00009/pmh.shtml
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Dr. Claudia Luciak-Donsberger Vorsitzende des Vereins der Diplom-DentalhygienikerInnen

Das Gespräch führte , Zahnarzt

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