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Foto: Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern
 
Zahnheilkunde 6. März 2009

Sauer macht nicht immer lustig

Entstehung und Prophylaxe von dentalen Erosionen.

Erosionen sind Zahnschäden, die nicht durch bakteriellen Zahnbelag, sondern durch die häufige Einwirkung von Säuren entstehen. Die Zahl der Betroffenen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Eine mögliche Ursache für diese Zunahme von Zahnschäden ist der deutliche Anstieg des Verbrauchs von säurehaltigen Getränken.

 

Erosive Zahnschäden werden besonders häufig bei Kindern und Jugendlichen beobachtet (siehe Abb. 1 a und 1 b). Hier spielen der steigende Konsum saurer Lebensmittel wie Frucht- und Softgetränke, aber auch Medikamente und Reflux (Erbrechen) sowie die empfindlichere Milchzahnstruktur (dünner Schmelz) eine besondere Rolle (siehe Abb. 2). Deshalb ist hier eine sorgfältige und regelmäßige zahnmedizinische Kontrolle von besonderer Bedeutung, um langfristig Schäden gerade bei Kindern vorzubeugen.

In den vergangenen 30 Jahren ist der Jahres-Pro-Kopf-Verbrauch von Limonaden und Erfrischungsgetränken von 19 auf 40 Liter, der Konsum von Fruchtsäften von 70 auf fast 100 Liter und der von Cola-Getränken von 18 auf 40 Liter angestiegen. Etwa 42 Prozent aller verbrauchten Fruchtsäfte werden von Kindern im Alter zwischen zwei und neun Jahren getrunken. Außer dem häufigen Verbrauch von sauren Getränken und Nahrungsmitteln ist die Art der Einnahme bei der Entstehung von Erosionen von Bedeutung. Kinder, die saure Getränke oder Lebensmittel län-ger im Munde behalten, zeigen häufiger Zahnoberflächen-Schäden als solche, die sie sofort hinunterschlucken. Zudem kann das Trinken eines Glases klaren, frischen Wassers nach dem Genuss von Fruchtsaft oder saurem Obst die Säurebelastung der Zähne verringern (natürlich auch bei Erwachsenen).

Grundsätzlich gilt: Kindern und Jugendlichen sollten neben Fruchtsäften in mindestens dem gleichen Umfang auch ungesüßte Tees angeboten werden. Das Angebot von Fertigtee-Mischungen ist reichhaltig und bietet für fast jede Geschmacksrichtung genügend Auswahl.

Wie gelangen die Säuren in die Mundhöhle?

  • Von innen kommende (endogene, intrinsische) Säurequellen: Vom Inneren des Körpers her wirkt die Magensäure. Sie kann bei Magen-Darm-Erkrankungen mit Aufsto-ßen (z. B. Sodbrennen) oder Essstörungen, die von regelmäßigem Erbrechen begleitet sind, in die Mundhöhle gelangen.
  • Von außen kommende (exogene, extrinsische) Säurequellen: Saure Bestandteile in Medikamenten (Aspirin, Vitamin-C-Präparate usw.), Säuren bei der Ausübung bestimmter Berufe (z. B. bei Weinverkostern), vor allem aber Säuren in Nahrungsmitteln und Getränken.

Nach Lussi* beeinflussen neben diesen allgemeingültigen Ursachen individuelle, ganz spezifische Faktoren auf der Ernährungs- und Patientenseite das lokale Milieu an der Zahnoberfläche (siehe Abb. 2).

Wie werden Erosionen erkannt?

Bei leichten Erosionen ist der Zahnschmelz flächenhaft demineralisiert. Da es noch nicht zu einer Erweichung oder Schmerzen kommt und kaum optische Veränderungen auftreten, bleibt das Anfangsstadi-um meist unbemerkt. Fortgeschrittene Erosionen können bis ins Den-tin reichen. Sobald die Erosion das Zahnbein erreicht hat, kann es zu Heißkalt-Empfindlichkeiten und Verfärbungen kommen (siehe Abb. 3 a). Dieser Substanzverlust wird beschleunigt, wenn zusätzlich mechanisch abrasive Prozesse (z. B. fal- sche Putztechnik und/oder abrasive Zahnpasten) auf die Zahnoberfläche einwirken (siehe Abb. 4).

Das Aussehen und die Lokalisation der erosiven Schäden können Hinweise für die Ursachen geben (siehe Kasten Mögliche Ursachen einer Zahnerosion). Labiale und buccale Erosionen treten meist bei exogenen Gründen und palatinale Erosionen eher bei endogenen Problemen auf. Die Bulimie zeigt ein typisches Verteilungsmuster im Zahnbogen (Permiolysis): im Oberkiefer sind die palatinalen und occlusalen, im Unterkiefer die occlusalen und zum Teil die buccalen Zahnflächen erodiert.

Flächenhafte Entkalkungen der Zahnhartsubstanz sind typisch für buccale (siehe Abb. 3 a und 3 b) und palatinale Läsionen (siehe Abb. 5). Erosionen auf occlusalen Flächen führen zu eingedellten Höckern und zerklüfteten Defekten, die bis ins Dentin reichen können. Füllungsränder überragen die restliche Zahnsubstanz (siehe Abb. 6).

Diagnostische Möglichkeiten

Es ist wichtig, zu unterscheiden, ob eine Läsion auf einen chemischen (Erosion), mechanischen (Abrasion) Ursprung oder auf eine Kombina-tion beider Ursachen zurückzuführen ist. Eine grobe Beurteilung des Verlustes von Zahnhartsubstanz kann mit Kiefermodellen, die im Abstand von Monaten bis Jahren angefertigt werden, oder auch mit Fotos erfolgen. Die Universität Gießen hat daher einen sogenannten „Profilometer“ entwickelt, mit dem Verlaufskontrollen sehr viel genauer möglich sind (www.uniklinikum-giessen.de/erhaltung/Monitoring.html).

Anamnese, Befund und richtige Diagnostik sind Voraussetzung für eine individuelle Therapie und Prophylaxe. Die Auswertung eines Ernährungsprotokolls benötigt genaue Kenntnisse des erosiven Potenzials der konsumierten Getränke und Nahrungsmittel. Für die Erfassung des Erosionsrisikos ist auch die Untersuchung des Speichels bezüglich Fließrate, pH und Pufferkapazität empfehlenswert.

Therapie und Prävention

Der Patient muss eingehend über die Ursachen der Entstehung der Zahnhartsubstanzdefekte aufgeklärt werden, damit er selbst in der Lage ist, die Einflüsse zu erkennen und zu minimieren. Im Detail sollten folgende Aufklärungspunkte mit dem Patienten besprochen werden:

  1. Nach Möglichkeit Säuren meiden. Erosionen kommen zum Stillstand, wenn die Säureeinwirkung aufhört.
  • säurehältige Nahrungsmittel und Getränke nur zu Hauptmahlzeiten konsumieren;
  • nach Säuregenuss den Mund mit Wasser oder Milch ausspülen;
  • säurehältige Getränke nicht nippen, sondern schnell oder mit Trinkhalm konsumieren, um die Kontaktzeit mit den Zähnen zu reduzieren;
  • Umsteigen auf kalziumreiche saure Produkte wie Joghurt, Buttermilch, Topfen und Salate mit Joghurtdressing.
  1. Förderung der Verteidigungsmechanismen.
  • Speichelsekretion anregen, z. B. mit zuckerfreiem Kaugummi nach und zwischen den Mahlzeiten;
  • tägliches Spülen mit niedrig konzentrierter Fluoridlösung;
  • wöchentliche Anwendung eines Fluoridgels, wenn kein Dentin freiliegt;
  • Versorgung mit Komposit im Sinne einer prophylaktischen, mechanischen Schutzbarriere.
  1. Vermeidung von mechanischen Schädigungen. Instruktion für eine adäquate, sanfte Mundhygiene.
  • Schonende Zahnputztechnik – mit geringer Kraftanwendung;
  • weiche Zahnbürste oder elektrische Schallzahnbürste und gering abrasive Zahnpaste, d. h. RDA unter 40;
  • Zähne nicht direkt nach Säureexposition putzen (mindestens eine Stunde warten);
  • Zahnpflege vor dem Essen.

Individuelle und interdisziplinäre Betreuung

Da Erosionen unterschiedliche Ursachen haben können, ist zum einen eine individuelle Ernährungslenkung und zum anderen eine zahnärztliche und medizinische Betreuung notwendig. Bei endogenen Ursachen müssen Magen-Darm-Erkrankungen von einem Arzt für Allgemeinmedizin oder einem Internisten abgeklärt werden.

Essstörungen und insbesondere die Bulimie haben einen komplexen Hintergrund und werden oft aufgrund der typischen Erosionen vom Zahnarzt als Erstem „erkannt“. Eine adäquate und erfolgreiche Behandlung ist in diesem Fall nur in Zusammenarbeit mit einem Psychotherapeuten, einem Internisten und ei-nem Zahnarzt möglich.

 

Prim. DDr. Elmar Favero ist als ärztlicher Leiter im Ambulatorium für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und als Chefzahnarzt der Tiroler Gebietskrankenkasse in Innsbruck tätig.

 

Literatur:

* Lussi A et al: Erosionen. Befund-Diagnose-Risikofaktoren-Präventions-Therapie. Schweiz Monatsschr Zahnmed Vol 115 : 917–928(2005)

* Lussi A, Schffer M, Jaeggi T: Dental erosion: diagnosis and prevention in children and adults. International Dental Journal, 57(2007) pp. 385–398.

Imfeld C, Imfeld Th., Essstörungen Teil 1 und 2. Schweiz Monatsschr Zahnmed Vol 115:1157–1171 (2005)

Favero E: Vortrag bei der Frühjahrs-Akademie in Palma de Mallorca (2008)

www.uniklinikum-giessen.de/erhaltung

www.sodbrennen-welt.de

Kasten:
Mögliche Ursachen einer Zahnerosion
  • Häufiger Konsum von sauren Nahrungsmitteln und Getränken
  • Bulimie und andere Essstörungen
  • Rein vegetarische Ernährung
  • Saures Aufstoßen und Sodbrennen
  • Alkoholabusus
Foto: Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern Foto: Foto: Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern

Abb. 2: Saure Lebensmittel wie auch Medikamente und ein Reflux spielen bei der Entstehung von erodierten Zähnen eine bedeutende Rolle.

Abb. 1 a und 1 b: Erosive Zahnschäden werden immer häufiger bei Kindern beobachtet.

Foto: DDr. Elmar Favero Foto: Dr. Anton Mayr, Parodontologe, Imst

Abb. 3 a und 3 b: Buccale Erosionen

Foto: Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern

Abb. 4: Substanzverlust durch zusätzlich mechanische, abrasive Prozesse.

Foto: Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern

Abb. 5: Palatinale Erosionen an den Frontzähnen bei Bulimie.

Foto: Prof. Dr. Adrian Lussi, Universität Bern

Abb. 6: Occlusale Erosionen – Füllungsränder überragen die Zahnsubstanz.

Foto: Privat

Prim. DDr. Elmar Favero Ärztlicher Leiter der Ambulatorien für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Chefzahnarzt der Tiroler Gebietskrankenkasse

Von Prim. DDr. Elmar Favero, Zahnarzt

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