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Zahnheilkunde 6. März 2009

Interdisziplinär und mit dem Patienten gemeinsam

Nur mit einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit wird aus einem optimalen Behandlungsergebnis ein perfektes.

Wer heute ein gutes Behandlungsergebnis erzielen will und dem Patienten ein maximales Sicherheitsgefühl vermitteln möchte, kommt um eine umfangreiche interdisziplinäre Beratung nicht herum. „Eine engere Zusammenarbeit ist unumgänglich“, insistieren Experten anlässlich des 13. Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, die Ende Jänner 2009 in Bad Hofgastein, Salzburg, stattgefunden hat.

 

„Die nächsthöhere Stufe der Perfektion in der Behandlung von Kieferfehlstellungen ist nur mehr durch eine engere interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich“, meint Doz. DDr. Friedrich M. Chiari, Tagungspräsident des Kongresses. Auch wenn je-de Disziplin für sich ausgezeichnete Arbeit leistet und in den letzten Jahren einige Durchbrüche geschafft hat, können bei getrennten Behandlungen nicht alle Aspekte berücksichtigt werden – und damit nicht das beste Ergebnis für den Patienten erreicht werden.

Vom schweren Fehlbiss zum Wunschgesicht

In der Vergangenheit haben einige Patienten mit schwerem skelettalen Fehlbiss in eine kieferortho- pädische Behandlungsoption eingewilligt, um so eine mögliche späte- re Operation zu umgehen. Doch selbst sehr gute kieferorthopädische Behandlungsergebnisse haben sich nichtsdestotrotz entweder aufgrund der Unterschätzung der skelettalen Kieferfehllagen oder durch nachträgliche pubertäre Wachstumsschübe bei Kindern u. Ä. m. verschlechtert, so Prof. DDr. Konrad Wangerin aus Stuttgart. Damit derartige mögliche Behandlungsfehleinschätzungen künftig reduziert werden können, ist laut Wangerin eine interdisziplinäre Beratung des Patienten unentbehrlich. Von Beginn der Behandlung an sollte gemeinsam mit allen Beteiligten ein Konzept erarbeitet, schrift-lich festgehalten, allen Betroffenen zugesandt und sollten sich daraus ergebende Veränderungen in der Behandlung bei erneuter Patientenvorstellung diskutiert und beschlossen werden: „Sicher ist der interdisziplinäre Beratungsaufwand groß“, weiß Wangerin aus Erfahrung, „doch ein sehr gutes Behandlungsergebnis und die Behandlungssicherheit für den Patienten ebenso!“

Dr. Albino Triaca unterstreicht die Notwendigkeit solcher Synergien gleichermaßen. Das Planungsprocedere in kombiniert kieferorthopädisch-chirurgischen Fällen ist seiner Meinung nach entscheidend für ein ästhetisch ansprechendes Ergebnis: „Das Zentrum bildet die profil-/wunschgesichtsbezogene Dekompensation. Die dentoalveolobasale Harmonie ist eine wesentliche Vorausaussetzung für das Erreichen eines ästhetischen Gesichtes. Und das ist nur durch enge Zusammenarbeit möglich!“

Es hat auch Sinn, bei ästhetischen Fragen auf neue computerunterstützte Möglichkeiten zurückzugreifen: Wenn es etwa um die Frage geht, wie das Endergebnis aussehen wird, raten die Experten Prof. DDr. Hans-Florian Zeilhofer aus Basel und Prof. Dr. Christian Krenkel aus Salzburg, bereits in der Planungsphase gemeinsam mit Patienten und Kollegen die Visualisierungsmöglichkeiten zu nützen: Heute könne man das Gesicht des Patienten am PC so variieren, dass man mithilfe entsprechender Software bereits in der Vorbereitungsphase dem Betroffenen zeigen kann, wie die Knochen verlagert werden und wie sich dabei in der Folge die Weichteile verändern – und das auf 0,1 mm genau.

Optimales ästhetisches Ergebnis nur noch mit Computer möglich

Ohne Computer wäre sicher auch vieles andere gar nicht erst mög- lich: In manchen Fällen kann laut Martin Rücker aus Hannover ein maximales ästhetisches Behandlungsergebnis überhaupt nur mithilfe von computerassistierter Chirurgie erreicht werden; so etwa nach ablativer Tumorchirurgie. Dazu stellte er einen neuen, computerassistierten Ansatz zur individuellen Rekonstruktion des knöchernen Mittelgesichts mit grazil geformten Titan-Mesh-Platten vor: Ihre Positionierung wird entsprechend der präoperativen virtuellen Planung mittels intraoperativer Navigation sichergestellt. „Erst durch diese Individualisierung der Endoprothetik des Mittelgesichtes durch computerassistierte Chirurgie wird die Rekonstruktion selbst graziler anatomischer Strukturen wie die der knöchernen Orbita überhaupt möglich“, so der Experte.

Dauerbrenner Knochenregeneration

Knochenrekonstruktionen sind auch bei anderen Arten von Knochendefekten ein Thema: „Zum Beispiel bei paradontalen Knochendefekten, Zahnlücken oder verkürzten Zahnreihen ist es eine Aufgabe der chirurgischen Therapie, Knochen aufbauen oder nachwachsen zu lassen, bevor mit kieferorthopädischen Maßnahmen begonnen werden kann“, so Karl-Heinz Schuckert aus Hannover. In der von ihm vorgestellten „Bone Tissue Engineering-Methode“ zur Kreation neuer Knochen sieht er einige Vorteile im Vergleich zu herkömmlichen autologen Knochentransplantationen: „Insbesondere weisen die neuen Techni-ken eine deutliche Reduzierung der Infektionsgefahr und des operativen Eingriffs für den Patienten auf. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil sie im Allgemeinen mikrochirurgisch und endoskopisch assistiert durchgeführt werden“, so Schuckert zusammenfassend.

Neuigkeiten gab es aber auch in vielen anderen Bereichen: etwa, dass Methoden der evidenzbasierten Medizin zu einer Revolution der Leitlinien der Endokarditis-Prophylaxe geführt haben: „Nun werden Umstände, die ein erhöhtes Lebenszeitrisiko für Endokarditis bedingen, von solchen unterschieden, bei denen im Falle eines Auftretens einer Endokarditis ein besonders fataler Verlauf befürchtet werden muss. Nurmehr dann kann eine klassische Prophylaxe indiziert sein, wenn nämlich an der Gingiva oder der Periapikalre-gion manipuliert wird“, berichtete Yorck Zebuhr aus Wels.

Ebenso progressiv sind Erkenntnisse in der pränatalen Diagnostik von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, wie Dr. Mariella Mailath-Pokorny, Wien, vorstellte: „Mit Ultraschallscreening können wir bereits pränatal eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte diagnostizieren. Ergänzend dazu ist uns durch eine fetale MR-Untersuchung eine exakte Darstellung des weichen Gaumens und isolierter Spaltbildung sowie eine Seitenzuordnung der Malformation möglich.“ Dies ermögliche eine adäquate Aufklärung und frühzeitige Konfrontation der werdenden Eltern mit der kindlichen Fehlbildung sowie eine pränatale Beratung über Therapieoptionen.

Forensik

Aufklärung ist heute generell ein großgeschriebenes Thema: Gerade bei Kombinationstherapien stellt sich in Klagsfällen häufig die Frage, wer für den Fehler verantwortlich ist. „Komplexer wird das Problem noch durch die Tatsache, dass in der kieferorthopädischen Chirurgie neben den üblichen Klagen wie Operationsschmerzen, unzureichendes Ergebnis u. ä. m. in jüngerer Zeit auch Kiefergelenksbeschwerden, ästhetische Mängel, Desinformation über neue konservative Verfahren und posttraumatische Depression abseits der psychischen Beeinträchtigung durch ästhetische Mängel beklagt werden“, so die Erfahrung von Dr. Alois Lugstein und seinem Team aus Straßwalchen. Damit sind Anhaltspunkte für den Zeitpunkt der gemeinsamen Behandlung mit dem Kieferorthopäden sowie ihre notwendige ausführliche Dokumentation zu einem zentralen Teil der gesamten Behandlung geworden.

Von Dr. Veenu Scheiderbauer, Zahnarzt

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