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Wer sich im Ungleichgewicht fühlt, muss bei sich selbst anfangen, etwas zu ändern. Und das ist oft gar nicht so einfach.
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Dr. Doris Regele Coach und Organisationsberaterin in Wien

 
Zahnheilkunde 1. April 2011

Endstation Hamsterrad?

Wenn die Life-Balance nicht mehr passt, ist es höchste Zeit, die eigene Lebenssituation zu hinterfragen und neu zu planen.

Das Wort „Work-Life-Balance“ hört Dr. Doris Regele gar nicht gerne. Arbeit ist ihrer Meinung nach ein Teil des Lebens und steht nicht außerhalb.

 

Im Gespräch mit dem Zahn Arzt zeigt Organisationsberaterin und Coach Regele, wie Arbeit und Leben sinnvoll miteinander verbunden werden können, warum Fernsehen keine aktive Entspannung ist und wann im Leben eines Zahnarztes die Alarmglocken schrillen sollten.

 

Was ist Work-Life-Balance?

REGELE: Ich mag die Wort-Konstruktion „Work-Life-Balance“ eigentlich nicht. Ich nenne es lieber „Life-Balance“. Die Arbeit ist ein Teil des Lebens und nicht getrennt davon zu sehen. Wenn ich das trenne, bekommt „die Arbeit“ einen unangenehmen Beigeschmack. Zu einer gelungenen Life-Balance gehören vier Bereiche, ich nenne sie Zeiten: die Arbeitszeit, die Ich-Zeit, da finden Hobbys Platz, lernen, Sport und Freizeit. Dann gibt es die Beziehungszeit, in der man sich um Partnerschaft, Familie, Freunde kümmert, und schlussendlich die Ruhezeit. Das ist die Zeit, in der wir uns bewusst ausruhen, schlafen und uns erholen. Im Vergleich zu den aktiven Zeiten, die sich auch vermischen können, ist die Ruhezeit besonders wichtig. Wenn ich mir keine Ruhezeiten gönne, dann habe ich früher oder später das Gefühl, ein Hamster in einem Laufrad zu sein, ein Automat, der fremdbestimmt durchs Leben geht.

 

Wie schwierig ist eine gelungene Life-Balance für ZahnärztInnen?

Regele: Wenn ich mir so einen Ordinationstag vorstelle, der vollgepflastert ist mit den Terminen von morgens acht Uhr bis abends 19 Uhr, dann stellt das schon einen erheblichen Stressfaktor dar. Ich kenne ZahnärztInnen aus meiner Coachingpraxis, die täglich 40 bis 50 oder sogar mehr Patienten behandeln. Viele Zahnärzte stellen sehr hohe Anforderungen an sich: Sie wollen gut auf ihre Patienten eingehen, eine finanziell erfolgreiche Praxis führen und dazu noch ein funktionierendes Familienleben haben. Da kommt man kaum noch zum Verschnaufen, ist jeden Abend komplett ausgepowert. Wenn das anhält, kommt es irgendwann auch zu Beschwerden wie Schlafstörungen, Ruhe- und Kraftlosigkeit. Der Beruf wird zur Pflicht und macht keine Freude mehr.

 

Wie individuell ist die Life-Balance?

Regele: Jeder Mensch hat einen anderen Stresspegel. Was dem einen zu viel ist, bewältigt der andere ohne Probleme. Die Life-Balance ist also ein sehr individueller Faktor. Ob und wie diese Balance tatsächlich im Gleichgewicht ist, kann man ermitteln. Dazu gehören etwa Fragen wie: Welche Prioritäten setze ich in meinem Leben? Wie selbstbestimmt kann ich agieren? Wie ist mein Gesundheitszustand? oder Wie offen bin ich Neuem gegenüber? Wer sich im Ungleichgewicht fühlt, muss bei sich selbst anfangen, etwas zu ändern. Und das ist oft gar nicht so einfach. Ein Mensch, der einer chronischen Stressbelastung ausgesetzt ist, wird große Schwierigkeiten damit haben, sich zurückzulehnen und darüber nachzudenken, was sie oder er in seinem Leben ändern kann. Hier kann Coaching oder Supervision eine Hilfestellung bieten. Oft kann der Blick von außen auf die Lebenssituation des Betroffenen einen ersten Anstoß zu einer Veränderung liefern.

 

Wie sehr greifen äußere Faktoren in die individuelle Life-Balance ein?

Regele: Natürlich gibt es Rahmenbedingungen, denen Zahnärzte unterliegen. Die Praxis muss finanziell erfolgreich sein, es müssen Miete und Löhne gezahlt werden. Aber innerhalb dieses Rahmens bestehen sehr wohl Gestaltungsmöglichkeiten. Wenn ein Zahnarzt stark überlastet ist, ist es möglicherweise sinnvoll, sich einen Partner ins Boot zu holen. Wenn die Kommunikation mit dem Praxispersonal problematisch ist, wäre vielleicht eine Gruppensupervision sinnvoll. Ich sage meinen Klienten immer: Ihr könnt euer Leben selbst steuern. Und das kann auch bedeuten, sich in einer verfahren scheinenden Situation Hilfe von außen zu holen.

 

Wenn die Life-Balance „schief hängt“ – was können Zahnärzte tun?

Regele: Jeder Mensch ist der Spezialist für seine eigene Situation. Als Coach kann ich unterstützend wirken. Ich kann Fragen stellen wie: Welche kleinen Schritte können Sie tun, um Ihr Stressgefühl zu verringern? Ich kann Anregungen für bewusste Entspannung liefern und versuchen, den Druck, der auf der Person lastet, zu vermindern. Meine wichtigste Aufgabe ist die Stärkung der Selbststeuerungsmechanismen, die jeder Mensch hat. Und oft sind es Kleinigkeiten, die schon eine deutliche Entlastung bringen können: Es gibt zum Beispiel Atemtechniken, die fünf Minuten in Anspruch nehmen – und die dabei helfen, kurz zu entspannen. Es geht schon auch darum, immer wieder stehen zu bleiben, die eigenen Lebensziele und Prioritäten zu hinterfragen und gegebenenfalls neue Ziele zu erarbeiten. Ein junger Zahnarzt, der sich gerade seine eigene Praxis aufbaut, wird intensive Stressbelastung wahrscheinlich nicht so sehr wahrnehmen wie ein 50-Jähriger mit gut eingeführter Praxis, der dennoch das Gefühl hat, sich ewig im Hamsterrad zu drehen.

 

Welche Faktoren sind für eine ausgeglichene Life-Balance wichtig?

Regele: Sie müssen sich ihre Reflexionsfähigkeit erhalten. Das heißt, sich immer wieder Zeit zu nehmen und das eigene Leben zu betrachten und zu hinterfragen. Wo will ich hin? Was sind meine Ziele? Dies ändert sich im Laufe des Berufslebens, wird aber oft nicht genügend gewürdigt. Wichtig ist auch, sich immer wieder Zeit für sich zu schaffen. Das kann man, das ist möglich, da stehe ich dazu. Es gibt dieses schöne Sprichwort: Man kann dem Leben nicht mehr Tage, aber den Tagen mehr Leben geben. Das drückt eine gelungene Life-Balance sehr gut aus. Es ist nicht sinnvoll, zu sagen: Aber in der Pension tue ich dann alles, wofür ich jetzt keine Zeit habe.

 

Für eine gelungene Life-Balance ist aktive Entspannung wichtig – was ist das?

Regele: Wenn Sie abends ausgepowert aus der Ordination kommen und sich bloß noch vor den Fernseher setzen wollen, weil sie zu nichts anderem mehr fähig sind, dann ist das passive Entspannung. Nichts gegen einen Fernsehabend, aber auf die Dauer bringt das nichts. Passive Entspannung hilft nicht bei der Erholung. Aktive Entspannung kann Sport sein, Yoga oder Meditation, Atemtechniken oder autogenes Training. Alles, was möglichst den ganzen Körper in die Entspannung einbezieht, hilft bei der Erholung.

 

Wie kann man Menschen zu aktiver Entspannung motivieren?

Regele: Auf gar keinen Fall mit „du musst“ oder „du sollst“. Denn dann begreift der Betroffene, der sich ohnehin schon fremdbestimmt fühlt, auch die aktive Entspannung nur noch als zusätzlichen Stress. Ich sage meinen Klienten: Probiert das aus, schaut, was das mit euch macht, ob es gut tut. Das funktioniert in der Praxis eigentlich sehr gut, weil sich dann oft sehr schnell erste Erfolge einstellen, die zum Weitermachen animieren.

 

Das Gespräch führte Sabine Fisch.

 

Dr. Doris Regele ist geschäftsführende Gesellschafterin der Redmont GmbH & Co OG in Wien (www.regele.biz). Sie coacht Führungskräfte und bietet Supervision an.

Am 13. April 2011 veranstaltet Regele den Workshop: „Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten – Work-Life-Balance für ZahnärztInnen (siehe Kasten 1).

Kasten 1
Workshop: Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten?
Das Lebenstempo und der Leistungsdruck nehmen laufend zu. Besonders bei Zahnärzten mit eigener Praxis steigen Arbeitsintensität, Selbstanspruch und damit auch Stresspotenziale. Viele fühlen sich zunehmend fremdbestimmt und wünschen sich eine bessere „Work-Life-Balace“. Doch wo beginnen und woher die Zeit nehmen?
Der Workshop für Zahnärzte mit eigener Praxis von Dr. Doris Regele gibt einen kurzen Einblick in die Theorie, aber vor allem die Möglichkeit, sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen: Worauf kann ich schauen, um eine ausgewogenen Lebensführung zu erreichen bzw. was kann ich tun, um Stress abzubauen?
Inhalt:
• Modelle und Übersicht zum Thema Work-Life-Balance
• Identifizieren und Erkennen von Einflussfaktoren
• Möglichkeiten zur persönlichen Standortbestimmung
• Erforschen neuer Denk- und Verhaltensmöglichkeiten
• Tipps für den Alltag

Termin: Mittwoch, 13. April 2011, 19.00–22.00 Uhr
Kursort: Zahnärztlicher Interessenverband Österreichs, 1010 Wien, Gartenbaupromenade 2/8/15.
Teilnahmegebühr/Person (inkl. 20% MWSt.):
Allgemein: € 130,00
ZIV-Mitglieder: € 100,00
Anmeldung per E-Mail:
oder: ZIV, Tel: 01/513-37-31, Fax: 01/512-20-39
www.ziv.at
Kasten 2
Zehn Tipps für eine ausgewogene Life-Balance
1. Gehen Sie bewusst mit Ihrer Lebenssituation um – was freut Sie daran, was bräuchte Verbesserung?
2. Tun Sie täglich etwas, das Ihnen wirklich Freude bereitet.
3. Sagen Sie Nein zu Dingen, die Sie nicht wollen oder die Energieräuber sind.
4. Bauen Sie Entspannungszeit bzw. -techniken in Ihren Alltag ein.
5. Machen Sie auch in Stress-Situationen bewusst Pausen – und sei es nur für drei Minuten.
6. Erkennen Sie „Zeitdiebe“ und setzen Sie sich gegen sie zur Wehr.
7. Schaffen Sie sich Freiräume bzw. Auszeiten, die Ihnen ganz persönlich gehören.
8. Gönnen Sie sich eine Belohnung, wenn Sie eine schwere oder unangenehme Aufgabe erledigt haben.
9. Machen Sie Bewegung – Sport kurbelt die Produktion des Glückshormons Serotonin an.
10. Holen Sie sich für oben genannte Punkte Unterstützung – durch Familie, Freunde oder einen professionellen Coach.

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