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Dr. Weiland am Rednerpult (links im Bild) Dr. Bantleon (rechts unten).

 
Zahnheilkunde 1. April 2011

Schönheit betonen und Gesundheit schonen

Was heute im Zusammenspiel von Ästhetik, Funktion und Behandlungskonzept wichtig ist, darüber wurde Anfang März bei der 40. Internationalen kieferorthopädischen Fortbildungstagung diskutiert.

Ein Auszug aus den Schwerpunkten der Tagung, die vom 5. bis 12. März 2011 traditionell in Kitzbühel über die Bühne ging, unterstreicht v. a. den akuten Bedarf nach einer stärkeren Einbindung der Weichteile bzw. des Gesichtes in die Diagnose, nach einer engeren Zusammenarbeit der Disziplinen und den Anspruch an den Kieferorthopäden, am Puls der Wissenschaft zu bleiben.

 

„Der Patient von heute will effektiv und effizient behandelt werden“, betonte Dr. Anoop Sondi aus Indianapolis, USA. Fragen wie: „Wie lange wird es dauern?“, „Wie oft muss ich kommen?“, „Wann bekomme ich die Brackets heraus?“ u. ä. m. sind es wohl, die ein Kieferorthopäde an einem durchschnittlichen Praxistag am häufigsten zu hören bekommt.

Schnellere, effektivere Behandlungen mit weniger Kontrollen sind Sondis Erfahrung nach die dringlichsten Anliegen des Patienten. Damit er diesen Wünschen möglichst entsprechen kann, verwendet der Experte, etwa im Unterschied zu vielen seiner Kollegen, wie er sagt, je nach Fall, vor allem aber im Frontzahnbereich unterschiedlichen Torque. Das führt trotz längerer Kontrollabstände zu schnelleren Erfolgen. „Der Hausarzt gibt ja auch jedem Patienten ein individuelles Antibiotikum“, argumentiert Sondi. Sein Tipp: „Damit man niemals – etwa bei Verlust eines Brackets – den Überblick über die verschiedenen verwendeten Bracketsätze verliert, fotografiert man am besten die Bracketverschreibung.“

Diagnose unbedingt – aber bitte am Gesicht

Für Dr. Renato Cocconi aus Parma, Italien, ist es in erster Linie das Gesicht bzw. das landestypische Profil, das stärker in die Diagnose eingebunden werden sollte. „Das ändert natürlich viele herkömmliche Behandlungsansätze und -richtlinien“, so Dr. Cocconi, „doch eine Änderung des Gesichtsprofils sollte immer eine Besserung im Sinne des Patienten sein, niemals zu seinem Nachteil!“ Besteht etwa die Gefahr, dass man nach der Behandlung und mit dem Erreichen einer schöneren Verzahnung ein konkaves Profil zum Ergebnis hat, sollte nach dem Experten eher osteotomiert und auf eine Camouflage verzichtet werden. Es gilt also Lösungen zu finden, wo der Fokus nicht wie früher nur auf der Verzahnung liegt, sondern auch das Kriterium der Ästhetik in gleichem Maße mit in die Entscheidungsfindung einfließt. Sein Tipp: „Stellen Sie sich gleich zu Behandlungsbeginn die gewünschte Endposition der Oberkiefereinser vor!“ Vor diesem Hintergrund ist zum Beispiel eine Retraktion von 11/21 seiner Ansicht nach nur dann vertretbar, wenn sich dadurch der Nasolabialwinkel verbessert.

Hinsichtlich der Ansicht, dass die Zufriedenheit des Patienten mit dem Behandlungserfolg wichtig ist, unterstützt ihn auch Dr. José M. Llamas aus Sevilla, Spanien. Es geht auch seiner Meinung nach überhaupt nicht darum, dass der Kieferorthopäde mit dem Ergebnis glücklich ist, sondern primär darum, dass der Patient zufriedengestellt wird. Das Bedürfnis eines Menschen, schön zu sein bzw. ein schönes Gesicht zu haben, muss aus einem anthropologischen Blickwinkel betrachtet werden, so der Experte.

Paradontale Erkrankungen: genau hinsehen

Paradontale Erkrankungen sind weit verbreitet, bleiben aber oft unbehandelt. Zum Wohle des Patienten und auch im Interesse des Kieferorthopäden, damit es während der kieferorthopädischen Behandlung zu keinen Schäden am Parodontium kommt und auch eine indizierte parodontale Therapie orthodontisch erfolgreich unterstützt wird, werden künftig die Experten aus der Kieferorthopädie und Parodontologie noch intensiver Hand in Hand arbeiten müssen, sieht Dr. Gernot Wimmer aus Graz die Chancen der interdisziplinären Zusammenarbeit. Weil es dazu auch interessant ist, sich die Forschungsergebnisse aus verwandten Disziplinen anzusehen, zitiert er aus der Conclusio des 1. Europäischen Workshops der Parodontologen wie etwa: „Eine chirurgische Behandlung mit dem alleinigen Zwecke der Verbreiterung der Gingiva oder der Mukosa, um eine parodontale bzw. periimplantäre Gesundheit aufrechtzuerhalten oder Entzündungen zu verhüten, kann als nicht gerechtfertigt betrachtet werden.“ Mukogingivale Chirurgie könne dort empfohlen werden, wo eine Änderung der Morphologie des Gingivarandes eine richtige Plaquekontrolle erleichtert, so Dr. Wimmer.

Dass mehrere Disziplinen gemeinsam, wie zum Beispiel die Kieferorthopädie und Paradontologie, effektiver bzw. nachhaltiger Problemen Herr werden können, das unterstrich auch Dr. Frank Weiland aus Graz. „Zahnbewegung ist kontrollierte Pathologie“, so der Experte. Denn die notwendigen Zahnbewegungen haben – wenn auch minimale – aber doch negative Effekte auf die parondontale und dentale Gesundheit des Patienten. Eine Hylanisierung findet immer statt, selbst wenn die leichtesten Kräfte eingesetzt werden. Und weil es in den letzten Jahren im Vergleich zu früher weniger Extraktionen und mehr Expansionen gegeben hat, ist es in letzter Zeit auch zu mehr gingivalen Rezessionen gekommen. Um eben möglichst innerhalb der Knochengrenzen zu bleiben, strippe er bei dünner Gingiva nur noch, so Weiland. Aber nichtsdestotrotz müssten zur Prävention und Rehabilitation des Paradonts Paradontologe, Kieferorthopäde und gegebenenfalls auch Prothetiker ihre Behandlungspläne interdisziplinär aufeinander abstimmen.

Dem Ästehtikanspruch entsprechen

Unabhängig davon, dass es Entwicklungsmöglichkeiten gibt und sich noch viele ergeben werden, gab Dr. Björn U. Zachrisson aus Norwegen anlässlich des Jubiläums Erkenntnisse aus seiner langjähriger Praxis preis. „Ich persönlich habe meistens goldbeschichtete Retainer verwendet und damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Haftung ist sehr gut, wenn man den Retainer am Klebeende zuvor sandstrahlt“, so der Experte. Auch habe er es immer vorgezogen, approximal den Schmelz zu reduzieren, um so eine Expansion zu umgehen. Ebenso könne man inzwischen, selbst wenn der Zahnhalteapparat über die Hälfte zurückgegangen ist, mit intensiver Betreuung sehr wohl erfolgreich kieferorthopädisch behandeln. Auch habe man inzwischen erkannt, dass man heute vor allem auf die richtige Position der Schneidezähne achten müsse und nicht mehr nur auf die Verzahnung, damit dem Ästhetikanspruch entsprochen wird!

Von DDr. Andreas Scheiderbauer und Dr. Veenu Scheiderbauer, Zahnarzt 4 /2011

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