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© Peter Solar
Univ.-Prof. DDr. Peter Solar: „Parodontitis ist kein rein zahnmedizinisches Problem.“
 
Zahnheilkunde 15. Dezember 2010

Parodontitis & Diabetes: Ein gefährliches Duo

Parodontalerkrankungen können Typ 2-Diabetes verschlechtern oder sogar auslösen.

Es gibt Menschen, die den herzhaften Biss in den Apfel meiden, weil ihr Zahnfleisch dabei blutet. - Dann heißt’s handeln, und zwar rasch. Zahnfleischbluten, -schwellungen und Mundgeruch sind typische Symptome von Parodontitis.

Vice versa

Parodontitis ist allerdings kein rein zahnmedizinisches Problem: Die primär lokale Erkrankung kann sich zur „Zeitbombe“ für den gesamten Organismus entwickeln. Besonders aufhorchen lässt in jüngster Zeit die wechselseitige Beeinflussung mit Diabetes: „Einerseits ist die Zuckerkrankheit ein bekannter Risikofaktor für die Entstehung und Fortschreitung einer Parodontalerkrankung. Andererseits weisen einige große Studien der letzten Jahre darauf hin, dass Parodontitis wesentlich zur Verschlimmerung von Typ 2-Diabetes beitragen kann“, berichtet der Wiener Zahnspezialist, Univ.-Prof. DDr. Peter Solar. Nach einer professionellen Parodontaltherapie werden, so die Ergebnisse einiger Studien, die Blutzuckerwerte deutlich besser, und die Diabetestherapie bei schwer einzustellenden Zuckerkranken gestaltet sich oft einfacher. “Parodontitis ist Zeichen eines geschwächten Immunsystems, und das wirkt sich negativ auf den Verlauf von Diabetes, Typ 2 aus“, bestätigt der Internist und Spezialist für klinische Immunologie, Prim. Dr. Peter Peichl vom Evangelischen Krankenhaus-Wien. „Ist der Langzeitzucker-Wert beim Diabetiker nicht in den Griff zu bekommen, sollte beim Patienten in jedem Fall auch ein genauer Parodontalstatus erhoben werden“, so Peichl. Neueren Studien zufolge erhöht Parodontitis auch das Risiko, an Diabetes zu erkranken, um das bis zu 11-fache.

Neue internationale Richtlinien

Bereits im Vorjahr nahm die Internationale Diabetes Föderation (IDF) die neuesten Studien zum Anlass, gemeinsam mit der World Dental Federation (WDF) neue Richtlinien zur Mundgesundheit zu erlassen. Diese enthalten die konkrete Empfehlung an Allgemeinmediziner und Internisten, ihre Patienten jährlich nach Symptomen wie geschwollenes Zahnfleisch oder Zahnfleischbluten zu befragen. Parodontitis, so die Richtlinie, müsse unter Kontrolle gehalten werden, um das Diabetes-Risiko zu schmälern, bzw. bei bestehender Krankheit die Blutzuckereinstellung zu erleichtern.

Symptomfrei ist nicht krankheitsfrei!

Parodontitis tritt zumeist in Schüben auf und verursacht zwischendurch oft keinerlei Beschwerden. Leider wiegen sich dann viele Patienten in trügerischer Sicherheit. „Gesundes Zahnfleisch darf aber niemals bluten, auch nicht bei zu heftiger Zahnpflege“, warnt Solar. Lässt man unnötig Zeit verstreichen, kann bereits so viel vom Kieferknochen zerstört sein, dass einzelne Zähne oder ganze Zahnreihen keinen Halt mehr haben und entfernt werden müssen. Die Folgen sind Zahnlücken, unschönes Gebiss und aufwändiger Zahnersatz, um ästhetischen Ansprüchen gerecht zu werden.

Facharzt für Parodontologie

Diesen Leidensweg könnten sich Betroffene ersparen. Bereits beim ersten Auftreten von Zahnfleischbluten muss der Zahnarzt konsultiert werden. Sollten sich bereits tiefere Taschen gebildet haben, die Zähne gelockert oder gewandert sein oder das Zahnfleisch sich zurückgezogen haben, ist es sinnvoll, einen spezialisierten Facharzt für Parodontologie aufsuchen. Denn den hochaggressiven Bakterienkulturen der Parodontitis ist weder mit einer Dentalhygiene-Sitzung, noch mit Antibiotika oder Tinkturen allein Einhalt zu gebieten. Der Grund: die schädlichen Bakterien reichen oft bis weit in die Tiefe des Gewebes und breiten sich zwischen Zahnwurzel und Kieferknochen aus. Dort setzen sie ihre Gewebs- und Knochen-zerstörende Wirkung auch nach der oberflächlichen Zahnsteinentfernung fort. „In unserer täglichen Praxis begegnen uns in der Zahnklinik nach wie vor zahlreiche Patienten, deren Pa- rodontitis gar nicht oder nicht fachgerecht therapiert worden ist“, berichtet Solar.

Moderne Parodontal-Therapie

Stoppen kann man den tückischen Krankheitsverlauf nur durch eine gezielte Parodontaltherapie. Solar: „Da die hochaggressiven Bakterien durch einen so genannten „Biofilm“ geschützt sind, können weder körpereigene Abwehrzellen, noch Antibiotika allein erfolgreich mit ihnen fertig werden“.

Auch der Patient selbst muss dazu beitragen, seinen Zahnhalteapparat gesund zu erhalten. Die Basis dafür ist eine perfekte, tägliche Mundpflege. Vorbeugend sollte drei- bis viermal pro Jahr eine gründliche, professionelle Reinigung durchgeführt werden.

Solar: „Moderne Parodontaltherapie zielt einerseits auf die Eliminierung der Infektion ab, andererseits soll die Entzündungsantwort des Körpers angepasst werden.“ Ein ganzheitsmedizinischer Therapieansatz sieht daher auch Basenpulver zur Verhinderung einer Gewebsübersäuerung, vermehrte Einnahme von ungesättigten Ω3,6,9-Fettsäuren, therapeutische Dosen von Spurenelementen, Antioxidantien wie Coenzym Q10, Vitamin C und E sowie Mundspülungen mit ätherischen Ölen vor.

Quelle: Medieninformation zum Weltdiabetestag am 14. November

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