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Zahnheilkunde 6. Dezember 2010

Schöner, strahlender – und auch erfolgreicher?

Pro & Kontra: Ist das perfekte Lächeln in unserer Gesellschaft notwendige Voraussetzung für beruflichen Erfolg und privates Glück?

Kürzlich wurde die Patientenbroschüre „Das Erfolgslächeln“ der Niederösterreichischen Landeszahnärztekammer präsentiert. Im Folder werden kiefer- und zahnkosmetische Maßnahmen für mehr Glück im Beruf und in der Liebe dargestellt.

Eine Personalberaterin erklärt die Bedeutung eines schönen Lächelns für den beruflichen Erfolg, zusätzlich werden moderne Optionen der Zahnverschönerung präsentiert. Die Kernaussage "Schöne, gesunde und weiße Zähne sind in unserer Gesellschaft ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg" polarisiert. Die Wiener Medizinjournalistin Sabine Fisch kritisiert vorgeschriebene Schönheitsideale, "die vom Idealgewicht über die Faltenlosigkeit bis eben hin zum strahlend schönen Kauwerkzeug reichen." Der Präsident der Landeszahnärztekammer Niederösterreich, MR DDr. Hannes Gruber, kontert: "Für eine Vielfalt der Zahnstellungen und Zahnfarben einzutreten ist somit ein hehres Anliegen, schließt aber bedeutende Lebensrealitäten aus."

 

  

Pro
DDr. Hannes Gruber, Präsident der Zahnärztekammer NÖ

Foto: Zahnärztekammer NÖ / www.foto-hoefinger.at 
Foto: Zahnärztekammer NÖ / www.foto-hoefinger.at

Kontra
Sabine Fisch, Medizinjournalistin 

Foto: Privat 
Foto: Privat

 

 

 

 

Wir leben in einer Wettbewerbsgesellschaft. Berufliche Qualifikationen sind wichtig. Immer wichtiger werden aber auch Fähigkeiten und Eigenschaften, die weit über eine gute Ausbildung in einem Spezialgebiet hinausgehen. Dabei wird in unserer Wissensgesellschaft der Kommunikation und somit jedem Vorteil in der Kommunikationsfähigkeit besondere Bedeutung beigemessen. Viele vor allem wichtige und gut bezahlte Jobs in der Wirtschaft sind so genannten Kommunikatoren vorbehalten. Denn ihr Erfolg ergibt sich aus ihrer Wirkung und nicht nur aus ihrem Fachwissen.

Der erste Eindruck zählt

Neuropsychologie und Kommunikationsforschung zeigen schon seit Jahrzehnten, was erfolgreiche Menschen schon seit Jahrtausenden wissen: Im zwischenmenschlichen Kontakt zählt der erste Eindruck – er entscheidet über Sympathie und den weiteren Verlauf des Gesprächs, des Geschäfts oder auch des privaten Kontakts.

Wer heute – gerade in einer Zeit der Krise, in der jeder Wettbewerbsvorteil zählt – auch entsprechend auf ein gepflegtes Äußeres achtet, um dadurch mehr Chancen bei Vorstellungsgesprächen zu haben, setzt damit sicher einen klugen Schritt. Zum gepflegten Äußeren gehört gerade auch ein sympathisches Lächeln, das man nur ausstrahlen kann, wenn man die eigenen Zähne gerne herzeigt. Für eine Vielfalt der Zahnstellungen und Zahnfarben einzutreten, ist somit ein hehres Anliegen, schließt aber bedeutende Lebensrealitäten aus.

Gepflegte Zähne sind nicht unbedingt eine Frage der dicken Geldbörse. Wer frühzeitig auf seine Zahngesundheit achtet, hat schon die Basis für bestens gepflegte Zähne gelegt. Wer aber darüber hinaus mehr für die perfekte Optik seiner Zähne tun will, dem bietet der Zahnarzt seines Vertrauens eine Vielzahl an Möglichkeiten. Warum soll er sie nicht nutzen?

Gesellschaftliche Realität

Unsere Kinder werden in Kindergarten und Volksschule zwar gut über die Bedeutung der Zahngesundheit aufgeklärt, doch ab der Mittelschule ist dies kein Thema mehr. Wir Zahnärzte bemerken, dass sich im Lauf der Pubertät die Zahnarztbesuche vermindern, dass sie teilweise sogar ganz ausbleiben. Aus diesem Grund haben wir uns überlegt, was gerade junge Menschen regelmäßig zum Zahnarzt und somit zu einer Zahngesundheitsvorsorge bringen kann.

Das Argument der Gesundheit allein – das wissen wir aus allen gesundheitsfördernden Jugendprojekten – holt keinen Jugendlichen hinter dem Ofen hervor. Zuerst müssen die Werte der jungen Generation betrachtet werden, denn über ihre eigenen Werte können wir sie erreichen. Jungen Menschen sind zwei Punkte im Leben besonders wichtig: Erfolg im Beruf und eine erfüllende Beziehung.

Das war der Grund, warum wir als Landeszahnärztekammer Niederösterreich beschlossen haben, eine Broschüre zu entwickeln, die klar den Zusammenhang zwischen schönen, gesunden Zähnen und Erfolg im zwischenmenschlichen Bereich darlegt, der eine Realität in unserer Gesellschaft ist. Denn damit können wir als Zahnärzte den Kontakt zu unserer Jugend halten, ihnen deutlich teurere Behandlungen im Erwachsenenalter ersparen und sie über zahnkosmetische Maßnahmen auch zu zahnmedizinisch wichtigen Behandlungen führen.

Das Schönheitsdiktat unserer Gesellschaft haben wir Zahnärzte nicht erfunden, unsere Idee war es aber, diese Werthaltung für die Zahngesundheit der jungen Generation positiv zu nützen.

Wer heute in der Liebe, im Beruf und ganz allgemein erfolgreich durchs Leben kommen möchte, braucht vor allem eines: strahlende Schönheit. Nun sind aber die allerwenigsten Menschen strahlende, schöne Geschöpfe mit Modelmaßen. Dies nutzen die Industrie, die Medizin, diverseste AnbieterInnen von Diäten, Bewegungsprogrammen und „funktionellen“ Nahrungsmitteln.

Realitätsfremde Schönheitsideale

Denn – zumindest will uns das die Werbung suggerieren: Strahlende Schönheit lauert quasi um die nächste Ecke. Allerdings braucht man dazu wahlweise diverse Kosmetika, Diätlebensmittel, teure Mitgliedschaften in Fitness-Centers und natürlich die freundliche (und häufig ziemlich teure) Hilfe des Schönheitschirurgen und Zahnarztes von nebenan.

Keine Frage: Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Pflege – insbesondere auch der Zähne, die wachsen schließlich nicht nach – sind wichtig und zu unterstützen. Und bei dem Gedanken, dass in Österreich die „Familienzahnbürste“ immer noch kein seltenes Phänomen ist, kommt der regelmäßigen Mundhygiene beim Zahnarzt, der Erläuterung der richtigen Putztechnik und der Vermittlung der wichtigsten Grundlagen für ein gesundes Gebiss große Wichtigkeit zu.

Aber: Es ist nun einmal nicht jeder und jede mit strahlend weißen und perlengleich aufgereihten Zähnen ausgestattet. Auch gesunde Zähne können schief stehen, sie können alle Farbtöne zwischen weiß und elfenbeinfarben aufweisen und sie können – auch bei bester Mundhygiene – das eine oder andere Mal eine Plombierung, Wurzelbehandlung oder einen anderen zahnärztlichen Eingriff benötigen.

Vielfalt statt teure Investition

Wenn dann in einer Pressekonferenz die Rede davon ist, dass „ein strahlendes Lächeln eine gute Eintrittskarte für ein Bewerbungsgespräch wäre“, dass – so ist es in den Presseunterlagen zu lesen – „schöne Zähne mehr Erfolg im Beruf und in der Liebe versprechen“ würden – was sollen jene, die nicht mit einem solchen „strahlenden Lächeln“ gesegnet sind, dann tun? Natürlich: Sie können den Zahnarzt ihres Vertrauens aufsuchen und den Gegenwert eines Kleinwagens für die Erfüllung des Wunsches nach einem „strahlenden Lächeln“ ausgeben. Was aber, wenn das Geld dafür nicht vorhanden ist?

Was dann? Sollen sich jene Menschen in ein Loch verkriechen, dankbar für jedes Almosen sein und den Gedanken an eine glückliche Beziehung und eine erfolgreiche Karriere in den Wind schreiben?

Ein gesundes Gebiss bis ins hohe Alter ist extrem wichtig. Ob dieses Gebiss jetzt aber makellos schön ist oder ein paar kleine Schönheitsfehler aufweist, sollte dagegen von untergeordneter Bedeutung sein. Vorgeschriebene „Schönheitsideale“, die vom „Idealgewicht“ über die „Faltenlosigkeit“ bis eben hin zum „strahlend schönen Kauwerkzeug“ reichen, sind dagegen bedeutungslos. Denn nicht „normierte Schönheit“, sondern gesunde Vielfalt ist schön.

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