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Foto: Buenos Dias / photos.com
Die volle Kaufähigkeit des Prothesenträgers muss gewährleistet sein.
 
Zahnheilkunde 3. Februar 2009

„Zahntechniker und Zahnarzt müssen Hand in Hand arbeiten!“

Der beste Weg, um einen auf den Patienten zugeschnittenen Zahnersatz anzufertigen.

Der Zahntechniker Henry Theiling über die Anforderung, die das Erstellen einer unimaxillären Totalprothese mit sich bringt, wie dabei auftretende Probleme gelöst werden können und warum eine gute Kommunikation zwischen Zahntechniker und Zahnarzt unabdingbar ist.

 

Welche Voraussetzungen müssen für die Erstellung einer unimaxillären Totalprothese vorliegen?

THEILING: In der Regel finden wir im Oberkiefer keine Zähne mehr vor, während im Unterkiefer ein Restbestand an Zähnen vorhanden ist. Das schwächste Glied ist also der zahnlose Kiefer, dem wir daher unsere Aufmerksamkeit widmen müssen. Die Oberkiefer-Prothese liegt nur auf der Basis auf und ist durch eine gute Vorarbeit des Zahnarztes vielleicht gut stabilisiert, aber sie ist aufgrund der Schleimhautlagerung nicht mit den Restzähnen im Unterkiefer zu vergleichen. Sollten nun die Prothesenzähne nicht statisch und funktionell korrekt aufgestellt sein, wird die Oberkieferprothese als das „schwächste Glied“ nie fest auf der Basis adaptiert, sondern verschiebbar bleiben.

 

Welche Probleme treten bezüglich der Funktionalität häufig auf?

THEILING: Sollten die Oberkiefer-Prothesenzähne nicht richtig aufgestellt sein, so wird dieser Umstand zwangsläufig zur Instabilität führen. Der Abbau des Knochens, den wir eigentlich verhindern wollen, würde durch diese Nachlässigkeit noch forciert. Der Patient seinerseits hat folglich massive Probleme mit seinem Zahnersatz. In der ersten Zeit wird man ihn daher sehr häufig in der zahnärztlichen Praxis antreffen, da er schmerzhafte Druckstellen hat. Das Beschleifen der Basis führt jedoch ohne Berücksichtigung der statischen und dynamischen Okklusion nur zu einem unbefriedigen- den Ergebnis. Die Ursache der Druckstellen liegt insbesondere bei einer unimaxillären Prothese und nicht im Bereich der Prothesenbasis. Bei gu-ter Abformtechnik und sorgfältiger Basisgestaltung wird die Prothese sicher einen guten Saughalt haben. Allerdings lässt dieser gute Saughalt einer Prothese nach ungefähr sechs Monaten häufig nach und die Prothese beginnt zu schaukeln, sodass schließlich eine Unterfütterung notwendig wird – ein Ablauf, der sich in der Folge wiederholen und letzt- lich durch Materialermüdung zum ersten sagittalen Bruch führen wird.Die beste Lösung in diesem Fall ist die Einarbeitung einer Verstärkung in Form eines Metallgitters oder einer Metallbasis, um die Prothese zu stabilisieren. Allerdings bleiben die Vorgänge hinsichtlich des Knochens dabei unbemerkt. Da sich eine Prothese nicht adaptieren kann, passt sich nur das verbliebene natürliche Gewebe an – in diesem Falle das knöcherne Prothesenlager, das mit Knochenabbau reagiert. Die Symptome werden durch Beschleifen der Prothesenbasis und eine Unterfütterung vordergründig beseitigt, die Ursache, eine weder statisch noch funktionell sinnvolle Okklusion, bleibt jedoch bestehen.

Irgendwann wird der Patient resignieren und versuchen, irgend- wie zurechtzukommen – was ihm in dieser Situation nicht oder nur mangelhaft gelingen wird. Darüber hinaus werden gerade bei unimaxillären Prothesen die zu ersetzenden Zähne in maximalem Vielpunktkontakt – in einer „satten“ Okklusion“ – aufgestellt, um aus ästhetischer Sicht eine optisch ansprechende Verzahnung ohne Lücken zwischen den Zähnen zu erhalten. Das Wichtigste wäre allerdings die Gewährleistung der vollen Kaufähigkeit für den Prothesenträger.

 

Was sollte der Zahntechniker beim Aufstellen der Zähne beachten?

THEILING: In der Totalprothetik stellt man die größte Kaueinheit an die Stelle des tiefsten Punktes des Kieferkammes im Unterkiefer. Dies ist im Regelfall der untere 6er. Ist der aufsteigende Ast des Kieferkamms nach distal zu steil, wird gelegentlich auf den 7er verzichtet, um das Vorschieben der Unterkie-fer-Prothese zu verhindern. Dieses Phänomen wurde von Prof. Dr. Al-bert Gerber als Proglissement bezeichnet. Steht nun im Unterkiefer noch ein eigener 7er oder gar ein 8er und ist dieser womöglich auch noch nach mesial gekippt, ergibt sich das Problem der Vorschubbewegung wie in der Totalprothetik. Nur wird in der beschriebenen Konstellation die Oberkiefer-Prothese durch die Kaukraftwirkung nach oben vorne geschoben. Die Folge ist das Proglissement im Oberkiefer anstelle des Proglissements im Unterkiefer, wie wir es aus der Totalprothetik kennen.

 

Welche Möglichkeiten gibt es, ein Kippeln und Vorschieben der Prothese zu vermeiden?

THEILING: Zuerst ist generell zu empfehlen, eine Modellanalyse zu machen, wobei es besonders wichtig ist, die Kieferkamm-Mitte festzulegen. Denn der Grund für kippelnde Prothesen liegt daran, dass die funktionalen Höcker außerhalb des Kieferkammes liegen und somit die Prothese, hervorgerufen durch den nun entstandenen Hebel, anfängt zu kippeln.

Die wirksamste Maßnahme gegen dieses Kippeln ist die lingualisierte Okklusion, hier liegen alle kaurelevanten Kontakte auf der Kieferkamm-Mitte oder weiter nach innen. Manchmal ist sogar für die Stabilität der Prothese der Kreuzbiss gar nicht die schlechteste Lösung, da hier die Kaukraft nach oben lingual umgelenkt und somit die Prothese an den Gaumen gedrückt wird. Damit ist die Prothese aber immer noch nicht so richtig stabil, da wir ja noch den gekippten 7er oder 8er vorfinden, der Probleme verursachen kann – das Proglissement im Oberkiefer.

 

Wie kann das Vorschieben der Oberkieferprothese verhindert werden und worauf ist hinsicht- lich der Funktionalität zu achten?

THEILING: Wir müssen auch die an jedem Zahn reichlich vorhandenen schiefen Ebenen (Höckerabhänge) berücksichtigen. Diese können sich nachteilig auf die Stabilität der Prothese auswirken. Andererseits können wir diese schiefen Ebenen aber auch gezielt ausnutzen, um eine stabilere Prothese zu erreichen. Nehmen wir also an, der mittige Wirbel unserer Haare am Hinterkopf ist der Punkt, auf den sich die Kräfte, die auf die Prothese wirken, zentrieren sollen. So müssen wir alle schiefen Ebenen, das heißt Höckerabhänge oder Flächen – sogenannte Retropulsionsfacetten – markieren, die in diese Richtung zeigen. Die zu ersetzenden Zähne sind so dagegen zu stellen, dass die Kräfte in Richtung des Haarwirbels wirken. Eine Retralstabilisierung muss erfolgen. Diese Kontakte sollten flächenhaft gestal-tet sein, da dadurch die Kaukräfte viel wirkungsvoller in die gewünschte Richtung geleitet werden. Um es noch deutlicher zu sagen: Alle beim Kauen auftretenden Kräfte sollten nach dorsal oder wenigstens senkrecht auf den Kieferkamm wirken. Nach anterior gerichtete Kräfte müssen neutralisiert werden, da sie das Proglissement hervorrufen. Sind nach der ersten Modellanalyse keine wirksamen Retropulsionsfacetten zu finden, müssen diese vom Zahnarzt in den Restzahnbestand eingeschliffen werden. Mit diesem Mehraufwand verbessern wir die Kaufkraft des Patienten um ein Vielfaches und erhöhen damit seine Zufriedenheit. Zusätzlich werden wir einen Patienten mit einer auf diese Weise eingestellten Okklusion viel seltener für zeitaufwändige Korrekturen im Wartezimmer antreffen.

 

Bedeutet dies, dass der Kommunikation zwischen Zahnarzt und Zahntechniker – gerade in diesem Fall – eine entscheidende Bedeutung zu kommt?

THEILING: Genau. Ohne ein Hand-in-Hand-Arbeiten und eine gute Kommunikation zwischen Zahnarzt und Zahntechniker ist das Erstellen eines effizienten, auf den Patienten zugeschnittenen Zahnersatzes nicht möglich. Stellen wir uns andererseits in diesem Zusammenhang auch einmal vor, der Zahnarzt schleift Retropulsionsfacetten in die vorhandenen Zähne ein und der Zahntechniker erkennt und nutzt sie nicht. Dann ist die gesamte vorausschauende Vorarbeit des Zahnarztes vergebens gewesen.

Noch etwas anderes ist aus dem Blickwinkel des Patienten zu beachten: Wurden die Prothesenzähne im Seitenzahnbereich lückig aufgestellt und aus den genannten statischen Gründen zur Vermeidung des Proglissement manche Zähne nicht aufgestellt, sollte dies dem Patienten auch erläutert werden. Der Patient kennt seine alte Prothese und erwartet 14 Zähne. Er wird wahrschein- lich das Vertrauen in seinen Zahn-arzt infrage stellen, wenn ihm nicht dargelegt wurde, weshalb die neue Prothese nur 12 oder 13 Zähne hat.

 

Wenn auch im Unterkiefer eine prothetische Versorgung auf Restzahnbestand durchgeführt wird, wie sollte dann die Reihenfolge der auszuführenden Arbeiten aussehen?

THEILING: Die zu erstellenden Arbeiten, sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer, sollten gleichzeitig erfolgen. Dabei hat die Gestaltung des festsitzenden Zahnersatzes so zu erfolgen, dass das schwächs- te Glied – zweifellos die Oberkiefer-Prothese – maximale Stabilität erhält. Das heißt, Gerüste oder Modellgüs-se müssen auf die statisch richtig aufgestellten Zähne im Oberkiefer ausgerichtet werden.

 

Abgesehen von Ihrer langjährigen Erfahrung: Auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht Ihre Vorgangsweise?

THEILING: Zunächst einmal möch-te ich mich bei meinem Kollegen Martin Koller bedanken, der mich mit der beschriebenen Technik vertraut gemacht hat. Die skizzierten Erkenntnisse beruhen auf den von Prof. Dr. Gerber aus Zürich gemachten Publikationen aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang danke ich insbesondere Max Bosshart aus Einsiedeln (Schweiz), der mit seinem im Jahr 2007 anlässlich des 100. Geburtstages von Prof. Dr. Gerber erschienenen ausführlichen Artikel¹ einen wesentlichen Impuls für die Auseinandersetzung mit der unimaxillären Versorgung setzte.

 

 

¹Max Bosshart: Unimaxilläre Prothese, in: Das Dental Labor 4 (April 2007), 55. Jahrgang, S. 549–557

 

Korrespondenz:

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Die volle Kaufähigkeit des Prothesenträgers muss gewährleistet sein.

Henry Theiling Fachberater für zahntechnische Produkte der Merz Dental GmbH

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