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Prim. Doz. DDr. Friedrich Chiari, LKH Klagenfurt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für MKG
 
Zahnheilkunde 3. Februar 2009

Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie – ein Fach stellt sich vor

Das Sonderfach der Zahnheilkunde ist nicht nur in seinen Subdisziplinen vielfältig, sondern erfordert auch eine hohe Fachkompetenz

Im Jänner 2009 fand die 13. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie statt. Nachfolgend lesen Sie einige Veranstaltungshighlights, in deren Rahmen vier Experten ihre Fachbereiche präsentierten.

 

Prim. Doz. DDr. Friedrich Chiari, LKH Klagenfurt und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, referierte zum Thema: „Was leistet die MKG-Chirurgie?“ Definitionsgemäß handelt es sich bei der MKG-Chirurgie um ein Sonderfach: Es ist Teil der Humanmedizin und umfasst die Erkennung, Prävention, Behandlung, Rekonstruktion und Rehabilitation von angeborenen und erworbenen Formveränderungen und Funktionsstörungen sowie Erkrankungen und Verletzungen der Hart- und Weichgewebe der Mund-, Kiefer- und Gesichtsregionen.

Die Zahl der entsprechenden Spezialzentren ist auf wenige Schwerpunkte begrenzt: Neben den Universitätskliniken in Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien gibt es Zentren in Feldkirch, Klagenfurt, Linz, St. Pölten und Wels.

Verwachsene Schädelknochen

Prim. Prof. Dr. Bernd Gattinger, Abteilung für Kieferchirurgie, AKH Linz, berichtete über „Verwachsene Schädelknochen“. Hinter diesem Titel steckt eine Disziplin der MKG-Chirurgie, die als „craniofaciale Chirurgie“ bezeichnet wird. Zugrunde liegen vielfach verschiedene Wachstumsstörungen, die allesamt mit einer verfrühten Synostose der kindlichen Schädelnähte zusammen- hängen.

Am kindlichen Schädel liegen zwischen den Schädelknochen in der Regel weiche Wachstumszonen. Sie ermöglichen es, dem raschen Wachstum des Gehirns entspre-chend Raum zu geben, sie dehnen sich, verschieben sich und bewahren so eine regelmäßige Schädelform. Unregelmäßige, frühzeitige Synostosen führen daher zu charakteristischen Fehlbildungen. Die Häufigkeit beträgt 1:1200. Abhängig von der betroffenen Schädelnaht beziehungsweise den betroffenen Schädelnähten ergeben sich typische Deformitäten des Schädels: Brachy-, Plagio-, Oxy- und Trigonocephalus. In Operationen mit einer Dauer von bis zu 18 Stunden werden die einzelnen Schädelplatten voneinander getrennt und unter der Schädelhaut gleichsam „schwebend“ (floating) – nur mit lockeren Nähten verbunden – neu angeordnet. Es ist in der Praxis verblüffend, wie rasch die Natur diese „chirurgische Neuordnung“ annimmt.

Betrifft eine solche Wachstumsstörung den Hirnschädel, so muss – das ist wegen des sehr raschen Wachstums im Kleinkindalter (steigender Hirndruck – mentale Retardierung) naheliegend – rasch interveniert werden: Die Operation soll idealerweise zwischen dem sechs-ten und achten Lebensmonat, spätestens bis zum ersten Geburtstag, durchgeführt werden. Ist hingegen nur der Gesichtsschädel betroffen, muss vor einem operativen Eingriff das Ende des Wachstums abgewartet werden, unter Berücksichtigung allfällig eintretender funktioneller Störungen. Um die Situation der Epi-physenfugen zu erfassen, kann ori- entierend ein Handröntgen hin- zugezogen werden.

Bei „Mischformen“ ist man häufig gezwungen, auch am Gesichtsschädel frühzeitig zu operieren, was zu vorhersehbaren Misserfolgen führt, insbesondere weil die Zahnkeime im kindlichen Gesichtsschä-del bei Korrekturen des Mittelgesichtes nicht geschont werden kön- nen. Hier handelt es sich um sehr komplexe Eingriffe, die einer entsprechenden Erfahrung, Expertise und auch Vorplanung bedürfen. In besonders komplizierten Fällen werden deshalb dreidimensionale Modelle angefertigt, um das beste Vorgehen zu definieren. „Eine genaue OP-Planung ist wichtig, und wir haben erfreulicherweise häufig Erfolgserlebnisse. Das planerisch entworfene Resultat und das klinische Outcome sind meist sehr ähnlich“, so Gattinger.

Orthognathe Chirurgie

Prim. Prof. Dr. Ingeborg Watzke, Leiterin des Instituts für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Zahnheilkunde im Donauspital in Wien präsentierte „Neue Gesichter“ – den Bereich der orthognathen Chirurgie. Eine Vielzahl von Formen des Kieferfehlwachstums führt aufgrund einer Fehlpositionierung des Oberkiefers zum Unterkiefer zu ei-ner umfassenden Dysfunktion des Kauapparates sowie zu erheblichen chronischen Beschwerden. Diese Fehlbildungen können aufgrund der lebenslangen Beschwerden auch zum Großteil auf Kosten der Sozialversicherung korrigiert werden.

Rund fünf Prozent der Bevölkerung, das sind in Österreich immerhin 40.000 Menschen, leiden an einem behandlungswürdigen Fehlbiss. Die orthognathe Chirurgie trachtet danach, die richtige Kieferposition durch einen operativen Eingriff wieder herzustellen. Die Erfolge sind oft unglaublich, da sich bei der richtigen Positionierung der Kiefer oft auch die Nase aufrichtet und somit das gesamte Gesicht verändert erscheint. In der Regel wird der Unterkiefer schräg durchgeschnitten, der Oberkiefer abgetrennt und in die korrekte Position geschoben. Die Neuverbindung der Knochenteile erfolgt in der Regel mit kleinen Titanplättchen und Schrauben.

Die Eingriffe lassen sich üblicherweise in nur einer Sitzung durchführen. Davor wird eine radiologisch gestützte Modelloperation an die-sem Gipsmodell durchgeführt, die Daten werden dann auf den Patienten übertragen. Die Eingriffe sind in der geübten Hand unkompliziert und haben sehr selten Komplikationen. In der Regel ist eine kieferorthopädische Vorbereitung und auch Nachjustierung erforderlich, wodurch die Dauer der kompletten Behandlung etwa zwei Jahre beträgt.

Schweißen statt Schrauben

Über das Thema „Schweißen statt Schrauben“ referierte Prof. Dr. Arnulf Baumann, Univ.-Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Medizinischen Universität Wien. „Schweißen“ in der MKG-Chirurgie? – Es handelt sich um ein neues Verfahren zur Osteosynthese, bei dem diese Terminologie durchaus ihre Berechtigung hat.

„State of the Art“ in der MKG-Chirurgie war bisher die Fixierung des Knochens durch Platten und Schrauben aus Titan. Fortschritte in der Materialtechnologie haben die-se Methode zu einem effizienten und sicheren Verfahren werden lassen. Ein wesentlicher Nachteil ist jedoch, dass Titanplatten und -schrauben nach erfolgter Knochenheilung wieder entfernt werden müssen. Deshalb wurden immer wieder Studien mit selbst auflösenden Materialien für die Knochenfixation durchgeführt, welche bis vor kurzem allerdings nicht den gewünschten Erfolg zeigten, insbesondere, was die Resorbierbarkeit der Materialien betraf.

Das „Sonic-Weld“®-System stellt nun ein völlig neues Konzept dar. Die Platten aus Kunststoff werden vor-her im Wasserbad erwärmt, damit sie der Knochenform angepasst werden können. Zur Befestigung der Platten im Knochen dienen nicht mehr konventionelle Titanschrauben, sondern sogenannte Kunststoffpins – Steckverbindungen ohne Gewinde. Es wird wie bisher ein Loch in den Knochen gebohrt und anschließend der Pin mittels einer „Sonotrode“ eingebracht. Während des Einbringens kommt es durch Ultraschall zu einer Verflüssigung der äußersten Schicht des Pins. Das Material dringt in feinste Poren und Kanälchen des Knochens ein, und es entsteht eine haltbare und elastische Verbindung zwischen Platte, Pin und Knochen, die im Verlauf der Knochenheilung resorbiert wird.

Das Verfahren wird derzeit an den Universitätskliniken Wien und Innsbruck eingesetzt. Es kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn die Operationsregion keinen extremen Zugkräften ausgesetzt ist, wie im Stirn- und Mittelgesichtsbereich.

Grundsätzlich gibt es zwei Anwendungsmöglichkeiten für das neue System. Zunächst die konventionelle Verbindung von Knochenfragmenten durch resorbierbare Osteosyntheseplatten oder die soge- nannte Mesh-Technik, bei der wei- ter auseinander liegende Knochen- fragmente unter einer Art „Netz“ fixiert werden, damit sie besser verheilen können. Dieses Verfahren kommt vor allem in der Rekonstruktion der Schädelkalotte zum Einsatz, wo Knochenteile bisher nur durch mehrere Osteosynthesenplatten verbunden wurden konnten.

Insgesamt stellt das neue System eine wichtige Innovation dar. Implantate aus dem neuen Material, PDLLA (Poly D-L-Laktid Acid), sind am AKH in Wien seit Juni 2005 in Verwendung. Die Operationen werden dadurch vereinfacht und die Eingriffsdauer verkürzt. Der wesentliche Vorteil für den Patienten ist der Wegfall des zweiten Eingriffs zur Entfernung des Titanmaterials. Resorptionsprobleme in dem Ausmaß, wie sie bei früheren Systemen auftraten, konnten bisher nicht beobachtet werden. Die Stabilität der operierten Bereiche ist, wie die Ergebnisse der Univ.-Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie zeigen, gut. Einziger Nachteil der neuen Methode: Die Materialkosten liegen im Vergleich zum herkömmlichen Verfahren höher.

 

Quelle: Pressekonferenz vom 15. Jänner 2009, Wien, zur Jahrestagung der Öster. Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, 28. bis 31. Jänner 2009, Bad Hofgastein

Foto: MedCommunications

Prim. Doz. DDr. Friedrich Chiari,
LKH Klagenfurt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für MKG

Foto: Wilke / www.wilke.at

Prof. Dr. Ingeborg Watzke,
Leiterin des Instituts für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Zahnheilkunde, Donauspital Wien

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Prof. Dr. Arnulf Baumann,
Univ.-Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Medizinischen Universität Wien

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Prof. Dr. Bernd Gattinger,
Abteilung für Kieferchirurgie, AKH Linz

Dr. Renate Höhl, Zahnarzt

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