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Zahnheilkunde 3. Februar 2009

Familienzahnbürsten gibt es noch

Zahngesundheit hat sich generell verbessert, dennoch bleibt in der Prävention noch viel zu tun.

Unglaublich, aber wahr: In Österreich gibt es noch immer Familien, die mit einer einzigen Zahnbürste auskommen. Insgesamt hat sich jedoch das Zahngesundheitsbewusstsein deutlich erhöht. Ein vielfach unterschätzter Risikofaktor ist die Ernährung – auch die gesunde.

 

Dr. Ronald Palman ist seit 1991 als Kassen-Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde im niederösterreichischen Ort Rückersdorf tä- tig. Im Gespräch mit dem Zahn Arzt erörtert er standespolitische Probleme ebenso wie Erfahrungen aus dem Praxisalltag. Weiters stellt er das Projekt „Apollonia 2020“ vor, dessen Ziel es ist, das Zahnbewusstsein von Kindern zu verbessern.

 

Was waren Ihre Beweggründe, Zahnarzt zu werden?

PALMAN: Im Laufe meines Medi-zinstudiums stellte ich fest, dass für mich nur ein kleineres, überschaubares Fach in Frage kommt. Entscheidend war, dass ich an der Wiener Zahnklinik am schnellsten einen Ausbildungsplatz bekam. Ich erkannte rasch, dass mir das Fach sehr liegt, nicht zuletzt, weil bereits im ersten Semester manuelle Tätigkeiten wie Zähneschnitzen aus Wachs etc. auf dem Lehrplan stehen. Damals dauerte die Ausbildung nur zwei Jahre, heute sind es drei Jahre (insgesamt mit der allgemeinen medizinischen Ausbildung sind es sechs Jahre). Heute muss man sich bereits zu Studienbeginn für Medizin oder Zahnmedizin entscheiden.

 

Ist diese Trennung sinnvoll?

PALMAN: Teilweise. Früher dauerte die Ausbildung extrem lange. Dadurch konnte man sie erst in einem Alter abschließen, in dem der Zenit des handwerklichen Geschicks vielleicht schon überschritten ist. Heute ist man früher fertig, allerdings wartet man nach der Vorklinik immer noch sehr lange auf einen Ausbildungsplatz. Nachteilig ist heute, dass man über die Medizin nicht mehr den großen Überblick hat.

 

Wie kann ein Zahnarzt dann überhaupt erkennen, ob hinter einer Zahnerkrankung ein tieferes Gesundheitsproblem steckt?

PALMAN: Das Problem ist eher, dass die Minutenmedizin der Kassenpraxis zu wenig Zeit lässt, umfassendere Informationen aus einem Patienten herauszuholen. Kommt man doch einmal ins Reden, hört man manchmal Dinge, die auf dem Anamneseblatt gar nicht ausgefüllt worden sind. In unserem Gesundheitssystem wird eine Untersuchung – genau heißt die Position „Beratung“ – nicht bezahlt, sobald eine andere Leistung erbracht wird. Uns bleibt daher nicht viel Zeit. Leider, denn das ist ja auch für uns selbst sehr stressig, die Patienten im Eiltempo durchzuschleusen.

 

Hat sich während der Zeit Ihrer Praxistätigkeit viel verändert?

PALMAN: Der Stress ist gestiegen. Aber ich glaube, die Belastungssteigerung war vor 1990 noch stärker. Ursprünglich war es gar nicht notwendig, mehr als einen Behandlungsstuhl zu haben, um gut zu leben. Jetzt haben manche Kollegen schon vier bis sechs Sessel und rennen nur mehr von einem Patienten zum anderen.

 

Ein Zahnarzt mit mehreren Behandlungsstühlen braucht doch sicher mehr Personal, oder?

PALMAN: Ja, ich werde nie verstehen, warum in der Wirtschaft im- mer auf den Umsatz geschaut wird anstatt auf den Gewinn. Wenn jemand zwei Stühle hat, macht er zwar weniger Umsatz, aber vielleicht trotzdem mehr Gewinn, weil die Fixkosten geringer sind. Man lebt heute mit der Effizienzsteigerung – dieser Begriff ist so allgegenwärtig, dass man leicht zu glauben beginnt, das sei das Credo.

 

Wäre die Eröffnung einer Privatpraxis eine Option für Sie gewesen?

PALMAN: In manchen Regionen ist dies möglich, in einer Landgemeinde jedoch kaum. Denn wenn ich hier den Kassenvertrag zurücklege und eine Privatpraxis eröffne, wird ja diese Kassenstelle nachbesetzt. Dann sitzt hier in kürzester Zeit ein ande-rer Kassenarzt und wir konkurrenzieren uns gegenseitig.

 

Ein seltsamer Umstand ist doch auch, dass große Teile der zahnmedizinischen Kosten nicht von den Kassen übernommen werden …

PALMAN: Das ist kein Spezifikum der Zahnmedizin. Wenn jemand mit einem Augenfehler wie extremer Kurzsichtigkeit zur Welt kommt, dann zahlt die Krankenkasse. Aber wenn jemand beispielsweise – natürlich völlig unverschuldet – zwei Diopt-rien hat, muss er sich die Brille im Wesentlichen selbst bezahlen. Wenn jemand beim Sport selbstverschul-det eine Verletzung erleidet, werden hingegen mehr Kosten übernommen. Hier stimmen die Wertigkeiten nicht. Ein Beispiel: Wenn von einem Zahn nurmehr Rudimente da sind, kann eine Höckerdeckung gemacht werden. Egal welches Material dabei verwendet wird, kann die Haltbar-keit nicht hoch sein. Trotzdem wird diese Behandlung alle zwei Jahre von der Krankenkasse bezahlt. Wenn ich demselben Zahn eine Krone anfertige, bekommt der Patient gar nichts ersetzt. Die Gebietskrankenkasse ersetzt nicht einmal das, was sie mir für die Höckerdeckung zah-len würde, sondern gar nichts. Auch wenn sie die hochwertige Versor-gung für zu teuer erachtet, könnte sie wenigstens den Gegenwert für die billigere Behandlung übernehmen. Anderes Beispiel: Wenn sich jemand einen Schneidezahn ausschlägt und eine klassische Versorgung mit zwei Kronen und einer Brücke oder ein Implantat bekommt, zahlt die Krankenkasse nicht einmal einen Zuschuss. Aber sie würde eine Prothese bewilligen und abzüglich des Selbstbehaltes insgesamt die Hälfte bezahlen. Eine Ausnahme sind sozial Bedürftige, die beim Unterstützungsfonds ansuchen können.

 

Was sind den Krankenkassen präventive Maßnahmen im Bereich der Mundhygiene wert?

PALMAN: Im Prinzip wird nur Zahnsteinentfernung bezahlt, der aktuelle Tarif dafür beträgt ganze 9,40 Euro. Seit Längerem wird um den Leistungskatalog verhandelt, weil dieser völlig veraltet ist. Außerdem sind die Tarife von 2008 auf 2009 um ganze 1,43 Prozent angehoben worden. Das deckt nicht einmal die Inflationsrate ab, und das passiert jährlich. Das bedeutet einen stetigen Reallohnverlust, der sich mit Effizienzsteigerung nicht wettmachen lässt. Wenn ich meine Umsätze und Gewinne von 1992 bis heute vergleiche, sehe ich eine annähernd waagrechte Linie, während die Lebenserhaltungskosten drastisch gestiegen sind – außer man kauft nur Flachbildschir- me, die werden ständig billiger. Das kann langfristig dazu führen, dass bei den Investitionen gespart werden muss und damit die Behandlungsqualität sinkt.

 

Wie viele Mitarbeiter und wie viele „E-Cards“ haben Sie?

PALMAN: Derzeit beschäftige ich insgesamt sechs Mitarbeiter, wobei auch Teilzeitkräfte dabei sind. Im Quartal haben wir etwa 350 E-Cards.

 

Inwieweit spüren Sie die Konkurrenz im benachbarten Ausland?

PALMAN: Spürbar ist vor allem die Konkurrenz in Ungarn. Dabei kommt es immer wieder zu Problemen nach einer Behandlung im Ausland. Das merke ich, seit ich verstärkt Mundhygiene und Prophylaxe anbiete, weil deshalb Patienten wieder zurückkommen. Es stört mich nicht wirklich. Außerdem werden die Preisunterschiede vermutlich nicht ewig bestehen bleiben, weil die Löhne auch in Ungarn steigen werden.

 

Wie gehen Sie mit berufsbedingten Leiden wie Rückenschmerzen und Haltungsschäden um?

PALMAN: Kreuzschmerzen hatte ich schon vor meiner Berufstätigkeit. Allerdings merke ich vor allem in den letzten zwei Jahren, dass ab Mittag Verspannungen deutlich zunehmen. Das hängt allerdings leider auch damit zusammen, dass ich mittlerwei-le Brillenträger bin. Da man trotz Brille nur in einem bestimmten Abstand scharf sieht, nimmt man Haltungen ein, die den Rücken belasten. Hingegen ist der früher häufige Schiefhals kaum mehr zu sehen. Früher saß der Patient während der Behandlung, der Arzt stand meist und schaute schräg von oben in den Mund. Nach 30 Jahren Berufstätigkeit hatten daher viele Zahnärzte einen Schiefhals. Deshalb positioniert man heute den Patienten in Kopfabwärtsstellung, wie es dem Zahnarzt angenehm ist und nicht, wie es dem Patienten am liebsten wäre. Dadurch kann der Zahnarzt von oben gerade in den Mund hineinschauen.

 

Wieso tragen so viele Menschen – selbst Erwachsene – Zahnspangen?

PALMAN: Prinzipiell können Zahnfehlstellungen dazu führen, dass man nicht physiologisch zusammenbeißt, sondern verschoben, was langfristig die Kiefergelenke belastet. Außerdem kann es zu verstärkter Kariesbildung kommen, wenn etwa zwei Zähne übereinander stehen und schlecht zu reinigen sind. Häufig steht jedoch die Kosmetik im Vordergrund.

 

Welche Ansicht vertreten Sie bezüglich Amalgam?

PALMAN: Amalgam ist nach wie vor nicht nur in aller Munde, wie man so schön sagt, sondern ein gängiger Werkstoff, weil er bezüglich Verarbeitbarkeit, Haltbarkeit und Kosten ein unübertroffener Werkstoff ist. Andere Materialien halten meist viel kürzer, sind viel teurer und auch nicht immer unbedenklich.

Gesichert ist eine erhöhte Quecksilberbelastung bei Anfertigung und Entfernung einer Amalgamplombe, daneben kommt es laufend zu einer Freisetzung durch Abrieb. Bis eine Füllung ausgehärtet ist, dauert es ein bis zwei Tage – in dieser Zeit wird vermehrt Quecksilber frei. In dieser kurzen Zeit kann man auch erhöhte Quecksilberspiegel im Blut messen. Danach werden alle Schwermetalle aus dem Blut befördert und im Fettgewebe eingelagert. Blutspiegel sind daher in der Regel nicht auffällig. Ein Humbug ist allerdings, dass manche Kollegen Stoffe verabreichen, die die Schwermetalle aus den Depots herauslösen, und dann die Blutspiegel messen – natürlich sind die Werte dann erhöht! Aber wo kommt das Quecksilber her: aus der Fischkonserve, von der Plombe oder woher sonst? Ich empfehle niemandem eine Amalgamfüllung – aber ich kann nicht keine machen oder einem Patienten sagen, du musst dir eine teure Füllung machen lassen, auch wenn du es dir nicht leisten kannst.

 

Was antworten Sie einem betuchten Patienten, der fragt: „Empfehlen Sie mir, dass ich mir alle Amalgamplomben entfernen lasse soll?“

PALMAN: Wenn jemand keine Krankheitssymptome hat, empfehle ich das in der Regel nicht. Denn bei jeder Tätigkeit geht auch Zahnsubstanz verloren – nicht nur beim Rausbohren einer Plombe, sondern manche Werkstoffe erfordern auch eine andere Form der Zahnhöhle. Hier ist zu hinterfragen, ob das bei einer guten Plombe gerechtfertigt ist. Wenn allerdings ein Patient psychische Probleme mit dem Amalgam hat, ist das entsprechend zu respektieren.

 

Sind die Zähne heute generell besser oder schlechter als früher?

PALMAN: Eher besser, weil der jahrzehntelange Appell, Zähne zu putzen, doch Wirkung zeigt. Und weil auch immer mehr Leute eine eigene Zahnbürste haben. Das klingt unglaublich, aber es gibt in Österreich immer noch Familien, die eine gemeinsame Zahnbürste haben. Das fällt beispielsweise auf, wenn Kinder Probleme haben, auf den Schulschikurs zu fahren, weil sie die Familienzahnbürste nicht mitnehmen können und keine eigene besitzen. Auch die Fluorsubstitution hat einen entscheidenden Anteil an der Verbesserung der Zahngesundheit. Hingegen stellt die gesündere Ernährung sogar eher ein Problem für die Zäh-ne dar. Bananen beispielsweise sind sehr süß und klebrig und verweilen dann lange in der Mundhöhle. Wenn jemand exzessiv Orangen isst, hat er zwar keine Karies, bekommt aber eher Schmelzdefekte durch die Säureeinwirkung. Auch der Konsum von säurehaltigen Säften ist schlecht. Diese Aspekte sind vielen Menschen leider nicht so bewusst.

 

Das Gespräch führte

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

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Von Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer, Zahnarzt

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