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Univ.-Prof. Dr. Jürgen Willer, neuer Rektor der Donau-Universität Krems
 
Zahnheilkunde 3. Februar 2009

Das Grundstudium ist erst der Anfang

Ein Arzt ohne Weiterbildung ist schnell „weg vom Fenster“.

Mitte Dezember 2008 wurde der Leiter des Departments für Interdisziplinäre Zahnmedizin und Technologie zum neuen Rektor der Donau-Universität Krems gewählt. Der „Zahn Arzt“ gratulierte und sprach mit Prof. Dr. Jürgen Willer über die Fortbildungsangebote der Donau-Universität, den Stellenwert der österreichischen Zahnärzte und die Zukunft der Zahnmedizin.

 

Werden Sie als neuer Rektor der Donau-Universität das Department für Interdisziplinäre Zahnmedizin und Technologie weiterhin leiten können?

WILLER: Ich war ein Jahr lang Vizerektor für Forschung und Wissenschaft und habe in Personalunion sowohl das Department geleitet als auch das Vizerektorat wahrgenommen. Weil es aber bisher an der Donau-Universität noch nicht vorgekommen ist, dass der Leiter eines Departments zum Rektor berufen wurde, muss die weitere Aufgabenverteilung jetzt noch intern geklärt werden. Neben mir gibt es drei weitere Professoren für Zahnmedizin, von denen nun einer als stellvertretender Departmentleiter fungieren könnte.

Seit wann besteht das Department für Interdisziplinäre Zahnmedizin?

WILLER: Von 1999 bis Ende 2005 gab es an der Donau-Universität bereits ein Zentrum für Interdisziplinäre Zahnheilkunde. Die Donau-Universität war damals anders strukturiert und dieses Zentrum war noch Teil der Abteilung für Umwelt- und Medizinische Wissenschaften. Mit dem neuen Universitätsgesetz wurde eine Department-Struktur an der Donau-Universität eingeführt. Das frühere Zahnheilkunde-Zentrum wurde mit dem 1. Jänner 2006 zum eigenständigen Department für Interdisziplinäre Zahnmedizin und Technologie. Der Zusatz „Technologie“ kam in die Bezeichnung, weil sich die Zahnmedizin mit vielen werkstoffkundli-chen, material- und verfahrenstechnischen Dingen befasst. Zur selben Zeit wurden auch Professuren ausgeschrieben, unter anderem eine für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Auf diesen Lehrstuhl wurde ich berufen und war dadurch auch der erste Leiter des Departments.

 

Sie konnten das Department mit aufbauen – welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?

WILLER: Unsere Schwerpunkte sind die CAD/CAM-Technologie und die Implantologie. Damit habe ich mich auch während meiner früheren wissenschaftlichen Forschungstätigkeit beschäftigt. Daneben haben wir unseren Fokus auf die Werkstoffkunde in Verbindung mit neuen Verfahrenstechniken zur Herstellung eines Zahnersatzes gelegt. Weitere wissenschaftliche Schwerpunkte sind: Kiefergelenkserkrankungen, funktionsgestörtes Kauorgan und Kieferor- thopädie, Bruxismus und Stamm- zellenforschung in Verbindung mit der zahnärztlichen Implantologie.

 

Was verstehen Sie unter interdisziplinärer Zahnmedizin?

WILLER: Die Zahnmedizin beschäftigt sich längst nicht mehr nur mit der Behandlung und der Pflege der 32 Zähne eines Menschen. Jede Zahnbehandlung ist eingebettet in die Allgemeinmedizin. So haben beispielsweise Parodontitis-Patienten ein erhöhtes Infarktrisiko, Patienten mit Kiefergelenkserkrankungen neigen zu Kopf-, Gesichts- und Nackenschmerzen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Mundhöhle hat durch die Nahrungsaufnahme und die Atemfunktion den häufigsten Kontakt zur Umwelt. Deswegen beginnt die Gesundheit des gesamten Körpers genau da – mit einem gesunden Gebiss und einem gesunden Zahnfleisch. Wer Erkrankungen in der Mundhöhle verhütet oder erkennt und behandelt, arbeitet für die Gesunderhaltung des ganzen Körpers.

 

Worin unterscheidet sich das Department von anderen universitären Einrichtungen?

WILLER: Der gesetzliche Auftrag der Donau-Universität Krems sieht vor, dass wir ausschließlich postgradu-ale Universitätslehrgänge anbieten. Ein zahnärztliches Grundstudium kann hier nicht absolviert werden. Alle unsere Studenten haben bereits ein Medizin- oder Zahnmedizinstudium abgeschlossen. Sie stehen in der Regel seit mindestens zehn Jahren im Berufsleben und sind im Durchschnitt 39 Jahre alt.

 

Können auch Zahntechniker das Ausbildungsangebot nutzen?

WILLER: Unsere Studenten sind fast ausschließlich Zahnärzte. In Einzelfällen bringen sie aber auch einen Zahntechnikmeister, mit dem sie zusammenarbeiten, zur Ausbildung mit. Daneben haben wir noch einen Lehrgang im Programm, der sich speziell mit der Dentaltechnik befasst. Die Teilnehmer dieses Lehrgangs haben vorher ein Ingenieurstudium abgeschlossen.

 

Welche Abteilungen hat das Department und wie viele Mitarbeiter? Wie viele Kurse und Ausbildungsplätze werden angeboten?

WILLER: Wir haben vier Fachbereiche: Zahnersatz, Werkstoffwissenschaft und dentale Biotechnologie; Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Implantologie; Parodontologie und Zahnerhaltung sowie Kieferorthopädie und Kinderzahnheil- kunde. Das Department beschäftigt – inklusive der Büroleitung und Organisation – 18 Mitarbeiter. Momentan laufen 18 Kurse. Insgesamt gibt es rund 663 Teilnehmer und bereits über 1.500 Absolventinnen und Absolventen.

 

Wo herrscht der größte Studentenandrang?

WILLER: In der Implantologie und der Kieferorthopädie: Die hohe Teilnehmerzahl in der Implantologie ergibt sich aus der großen Nachfrage seitens der Patienten. Ein Zahnarzt, der heute keine Implantologie anbieten kann, tut sich – wenn er nicht gerade mit einem Kieferchirurgen zusammenarbeitet – mit Sicherheit schwer. Und bei der Ausbildung zum Fachzahnarzt für Kieferorthopädie herrscht an den deutschsprachigen Universitäten schon seit Jahrzehnten ein Engpass.

 

Woher kommen die meisten Ihrer Studenten?

WILLER: Die meisten kommen aus Deutschland, gefolgt von Österreich, der Schweiz, Portugal und zunehmend auch aus den osteuropäischen und asiatischen Ländern.

 

Verläuft der Fortschritt in der Zahnmedizin ähnlich rasant wie in der übrigen Humanmedizin? Brauchen Zahnärzte eine postgraduale Weiterbildung?

WILLER: Gerade in der Zahnmedizin werden neue Therapieformen und Materialien geradezu rasant entwickelt. Das Grundstudium bietet nur die Basisausbildung, um als Zahn-arzt tätig zu werden. Jede Spezialisierung, wie zum Beispiel die Implantologie, die besondere chirurgi- sche Fachkenntnisse erfordert, muss in Eigenregie in der persönlichen Fort- und Weiterbildung erarbeitet werden, und zwar in Kursen, Symposien oder in einem weiterführenden Studium. In der Medizin ist Fortbildung zwingend notwendig, schon wegen der Verantwortung dem Patienten gegenüber. Ein Arzt ohne Weiterbildung ist nach wenigen Jahren – salopp ausgedrückt – weg vom Fenster. Das gilt auch in verstärktem Maße für die Zahnmedizin mit ihren vielen technischen und werkstoffkundlichen Neuerungen.

 

Welchen Stellenwert hat der österreichische Zahnarzt in der zahnmedizinischen Versorgung? Und welche Maßnahmen kann er dem Patiententourismus nach Ungarn, Tschechien oder in die Slowakei entgegensetzen?

WILLER: Den ambulanten Bereich kann der Zahnarzt natürlich in sei-ner Ordination abdecken – Zahnerhaltung, Zahnersatz, aber auch Implantologie, Kieferorthopädie und Prophylaxe. Je umfangreicher ein chirurgischer Eingriff wird, desto eher wird es erforderlich sein, auf ein dementsprechend ausgestattetes Krankenhaus zu verweisen. Früher war Qualität ein Argument gegen den Patiententourismus. Ob das heute noch zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Der Zahnarzt in der Nähe kann aber immer noch mit einem Standortvorteil argumentieren, mit schnellerer Erreichbarkeit, Präsenz bei regelmäßiger Kontrolle und Prophylaxe. Persönlicher Kontakt und sprachlich leichtere Verständigung sprechen weiterhin für den einheimischen Zahnarzt, auch wenn Ausbildung und Qualität keine alleini-gen Argumente mehr sein sollten.

 

Abschließend ein Ausblick in die Zukunft: Welche Veränderungen erwarten Sie im zahnmedizinischen Bereich bis 2020?

WILLER: Die Implantologie wird immer mehr zu einem nicht mehr wegzudenkenden Therapiebestandteil. Der Anteil an abnehmbaren Zahnersatzkonstruktionen wird weiter zurückgehen. Die Kinder- und Jugendzahnheilkunde mit der dazugehörigen Prophylaxe wird noch mehr Raum einnehmen. Auf dem Gebiet der lange haltbaren, ästhetischen und biokompatiblen Materialien wird es weiter laufend Fortschritte geben.

 

Was wünschen Sie sich – zum Wohle der Patienten – für die Zahnmedizin?

WILLER: Viele medizinischen Leistungen sind durch den technischen Fortschritt teurer geworden. Ein wesentlicher Wunsch wäre, eine flächendeckende, optimale Versorgung der Bevölkerung trotzdem zu gewährleisten – Fortschritt soll allen zu Gute kommen. Bei entsprechender Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Strukturen sehe ich dafür durchaus Möglichkeiten, sowohl versicherungstechnisch als auch gesundheitspolitisch. Außerdem hoffe ich, dass vonseiten der großen Dentalfirmen weiterhin viel in Entwicklung, Wissenschaft und Forschung investiert wird. Drittens sollte das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung weiter gestärkt und sollten Eltern vermehrt über Vorsorgemaßnahmen bei ihren Kindern informiert werden. Und schließlich sollten auch die Zahnärzte selbst ein starkes Bewusstsein für sich und ihre Leistungsfähigkeit entwickeln und sich permanent weiterbilden – zum Wohle ihrer Patienten.

Kasten
Zahnmedizinische Forschungsprojekte an der Donau-Universität Krems
Geforscht wird am Department für Interdisziplinäre Zahnmedizin und Technologie unter anderem in folgenden Bereichen:
• CAD/CAM (Computer Aided Design/Computer Aided Manufacturing): Die computergestützte Konstruktion und Fertigung von kleinen Füllungen bis zu großen Brückenverbänden hilft, handwerklich bedingte Fehler auszuschließen. Das Team des Departments arbeitet dabei hauptsächlich an der Verbesserung der computergestützten Steuerung, der Herstellung von Zahnersatz und der optimalen Positionierung von Implantaten.

• Stammzellenforschung und Tissue Engineering: Zusammen mit dem Zentrum für Regenerative Medizin sollen alternative Therapien der kieferchirurgischen Behandlung weiterentwickelt werden. Ein Ziel ist, aus Stammzellen gewonnene Knochen als Basis für Implantate zu nutzen.

• Bruxismus: Ein Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Department für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie soll die Persönlichkeitsstrukturen von Bruxismuspatienten und -patientinnen beleuchten und die Wirksamkeit verschiedener Therapiemethoden untersuchen. „Aufbiss-Schiene“, Psychotherapie, Bio-Feedback und medikamentöse Therapie des Knirsch- und Pressverhaltens werden getestet.
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Univ.-Prof. Dr. Jürgen Willer, neuer Rektor der Donau-Universität Krems

Mag. Tanja Fabsits, Zahnarzt

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