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Foto: pixelio.de / Michael Jurek
Bei guter Pflege sollten in 20 Jahren mehr als 90 Prozent der heute inserierten Implantate nach wie vor in Funktion sein.
Foto: Privat

DDr. Georg Christoph Scheiderbauer Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Dornbirn

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„Es ist einfach schön, zuzusehen, wie sehr die Patienten die zurückgewonnene Lebensqualität genießen.“

 
Zahnheilkunde 4. November 2010

Ohne Ablaufdatum

Präzisionsarbeit im Team für ein langes Leben und so perfekt, dass es niemand merkt – das sind Implantate von heute.

„Der Wunsch nach guter Kaufunktion bis ins hohe Alter spielt eine immer wichtigere Rolle in der Implantologie“, so DDr. Georg Christoph Scheiderbauer, Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Dornbirn. Schöne Ergebnisse erzielt man laut dem Experten am besten, wenn es gelingt, Patienten zur Mitarbeit zu motivieren und vor allem, wenn man von Beginn an eng mit Zahnarzt und -techniker zusammenarbeitet.

 

Im Gespräch mit dem Zahn Arzt spricht der Vorarlberger über neue Errungenschaften wie Herausforderungen der modernen Implantologie.

„Juhu, es gibt Implantate! Jetzt ist alles machbar!“ Patienten mit dieser Erwartung kommen doch sicher auch zu Ihnen in die Praxis. Gibt es welche, die sie dennoch enttäuscht nach Hause schicken müssen?

SCHEIDERBAUER: Ja, gerade wenn Indikationen wie nicht kontrollierter Diabetes, vor Kurzem abgelaufene Strahlenbehandlungen im Kieferbereich oder Ähnliches dagegen sprechen. Dann kann nicht implantiert werden. Darüber hinaus sollten gute Mundhygiene und Mundgesundheit sowie ausreichend Knochen für ein Implantat vorhanden sein. Deshalb wird grundsätzlich vor jedem Behandlungsbeginn eine ausführliche Anamnese erhoben. Im Zweifelsfall kann ein CT oder eine Volumentomografie als weitere Diagnosemöglichkeit herangezogen werden. Bei Bedarf kann der Behandler im Team mit Radiologen, Internisten, Hausärzten, HNO-Ärzten Weiteres abklären.

 

In der Implantologie hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viel getan. Woran denken Sie da vor allem?

SCHEIDERBAUER: Die Planung und der Lösungsansatz sind heute viel mehr auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt als etwa noch vor 15 Jahren: Früher hat man sich als behandelnder Arzt vor allem darauf konzentrieren müssen, dass ein oder mehrere Anker im Kieferknochen gut einwachsen. Dabei wurde und konnte oft nicht viel Rücksicht auf die Prothetik genommen werden, weil einfach andere Rahmenbedingungen, im Sinne von technischen Möglichkeiten, herrschten. Heute dagegen plant man im Team mit dem Zahnarzt und Zahntechniker akribisch genau, wie das prothetische Endergebnis aussehen soll. Im Idealfall wird gemeinsam von der optimalen Situation der späteren Zahnkrone ausgehend die Implantatachse festgelegt und ihr auch die Knochensituation angepasst. Mithilfe des neuen 3-D-Röntgens und der 3-D-Navigation kann man heute bereits in der Planung alle Eventualitäten mitberücksichtigen und so auch die OP-Zeit für den Patienten spürbar reduzieren. Die Zeit des Einheilens lässt sich sehr gut mit Provisorien überbrücken. Bei Sofortimplantationen, sofern diese möglich sind, kann das Implantat unmittelbar im Anschluss an die Extraktion gesetzt werden.

 

Warum hat es Ihrer Meinung nach gerade in diesem Bereich derart rasante Entwicklungen gegeben?

SCHEIDERBAUER: Kauen ist Lebensqualität! Der Wunsch unserer Patienten nach festen Zähnen bis ins hohe Alter und das Streben nach einem möglichst natürlichen, schonenden Zahnersatz sind sicherlich die zwei am stärksten treibenden Faktoren – und dann auch die neuen technischen prothetischen Möglichkeiten, die sich vonseiten der Industrie ergeben.

 

Können Sie Beispiele nennen?

SCHEIDERBAUER: Früher hatten wir etwa nur einen einzigen Adapter für einen Zahn zur Verfügung. Heute gibt es eine variable Zahl von Adaptern, von geraden über leicht bis stark abgewinkelte. Des Weiteren ist diese Vielzahl an Adapterformen für alle gängigen prothetischen Materialien wie Keramik, Titan und Gold verfügbar. Damit ist der Weg für eine natürliche Rekonstruktion des Gebisses frei.

 

Besteht die Hoffnung, dass ein Implantat, eine Verankerung, ein Leben lang hält? Wie viele Jahre sind realistisch?

SCHEIDERBAUER: Implantate haben grundsätzlich kein Ablaufdatum. Die Laufzeit hängt nach erfolgreicher Einheilung und Versorgung im Wesentlichen von der Mundhygiene und der regelmäßigen Prophylaxe ab. Auch die Nachsorge ist als Teil der Implantologie zu sehen – durch organisierten Recall etwa. Dadurch werden Infektionen früh erkannt und können behandelt werden. Entscheidend ist neben der gründlichen Reinigung die tägliche Zahnpflege samt Zwischenraumpflege. Nach 20 Jahren sollten so noch über 90 Prozent der heute inserierten Implantate in Funktion sein.

Häufig brauchen gerade Patienten Implantate, deren Mundhygiene nicht perfekt ist bzw. war. Wie geht man mit diesen um, damit sie nicht wieder das gleiche Problem haben?

SCHEIDERBAUER: Ein gesunder Mund ist Grundvoraussetzung für jede chirurgische Intervention. Es liegt an uns, gemeinsam mit der Prophylaxeassistentin Patienten zur Mundgesundheit zu bewegen. Meiner Meinung nach sollten Patienten individuell zur Mundhygiene eingeteilt werden, im Zweifelsfall alle zwei Monate. Implantate und Implantatversorgungen sind erst bei angepasster Mitarbeit des Patienten sinnvoll, sonst droht vorzeitiger Implantatverlust.

Wieviel Knochen muss vorhanden sein, damit noch ein Implantat eingesetzt werden kann?

SCHEIDERBAUER: Das Knochenangebot nimmt mit der Dauer des Zahnverlustes ab. Das wissen die meisten Patienten nicht, wenn es ihnen der Zahnarzt nicht sagt. Die Implantation ist deshalb meist einfacher, wenn sechs bis zwölf Wochen nach der Extraktion behandelt wird. Je länger ein Zahn oder mehrere Zähne fehlen, umso wahrscheinlicher ist das Knochenangebot so reduziert, dass ein Knochenaufbau erforderlich ist. Die Rekonstruktion des Knochens ist in vielen Fällen gut möglich, bedeutet aber einen Mehraufwand an Zeit und Kosten.

 

Wie viel hält ein Implantat im Vergleich zu einem natürlichen Zahn aus, nachdem die natürliche Beweglichkeit des Paradonts fehlt?

SCHEIDERBAUER: Natürliche Zähne können ein Leben überdauern und sind besser als jeder Zahnersatz. Eingeheilte Implantate sind im Knochen starr verankert und im Vergleich zu natürlichen Zähnen stärker belastbar. Es hat sich gezeigt, dass Patienten mit komplett versorgten Kiefern mit mehr Kraft zusammenbeißen als Menschen mit natürlichen Zähnen. Das stellt den Patienten ebenso wie den Prothetiker vor neue Aufgaben: der Implantataufbau soll im Idealfall die Kaukraft abfedern.

 

Mit welcher Geschwindigkeit fin-det der paradontale Abbau im Vergleich zu den gesunden Nachbarzähnen statt?

SCHEIDERBAUER: Nach dem ersten Jahr der prothetischen Versorgung bleibt der Alveolarknochen um ein Implantat vergleichbar dem um einen Zahn herum stabil. Der paradontale Abbau hängt dann von der konsequenten täglichen Pflege und der regelmäßigen Prophylaxe ab. Radiologische Kontrollen alle zwei Jahre zur Sicherstellung der Knochensituation sind sinnvoll. Bei klinischen oder radiologischen Infektionszeichen ist eine Behandlung angezeigt.

 

Wie stellt man Ihrer Erfahrung nach sicher, dass der Patient möglichst lange Freude mit seinen Implantaten hat – und der behandelnde Arzt keine Komplikationen?

SCHEIDERBAUER: Die richtige tägliche Pflege der Implantataufbau-teile zu Hause stellt nach erfolgter Implantateinheilung die gute Langzeitprognose sicher. Dazu bedarf es auch eines gut organisierten Recalls, der etwa sicherstellt, dass gerade bei älteren Patienten pflegende Angehörige, Altenpflegepersonal oder das Krankenpflegepersonal in die tägliche Zahnpflege miteingebunden werden und so auch Verantwortung übernehmen. Das ist unsere Herausforderung heute. Aus Erfahrung kann ich aber sagen, dass Patienten, die mitarbeiten und ihre Implantate pflegen, große Freude mit ihren Implantaten haben.

 

Welche Aspekte in der Implantologie machen Ihnen persönlich die größte Freude?

SCHEIDERBAUER: Dass man heute dem ganz natürlichen Wunsch eines Patienten nach einer guten Kaufunktion bis ins hohe Alter so gut nachkommen kann.

 

Das Gespräch führte Verena Daco

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