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Fotos (4): GABA
Abb. 2: DDr. Ulrike Stephanie Beier, MSc, aus Innsbruck fasste Epidemiologie und Ätiologie der DHS zusammen.

Abb. 3: Privatdozent Dr. Christian Gernhardt aus Halle referierte über die Problematik und gängige, vor allem non-invasive Therapiemöglichkeiten und deren Wirkungsmechanismen.

Abb 4: Prof. Dr. Joachim Klimek aus Gießen: „Erosionen entstehen durch eine ständige (chronische) Einwirkung von Säuren nichtbakterieller Genese auf plaquefreien Zahnoberflächen.“

 
Zahnheilkunde 3. November 2010

Schmerzempfindliche Zähne: Lösung in Sicht?

Ein Innovationssymposium auf dem Österreichischen Zahnärztekongresses in Wien beleuchtete die Dentine Hypersensibilität (DHS).

Dentinhypersensibilität ist ein weitverbreitetes Problem. Aufgrund der steigenden Zahl an älteren Patienten, die aufgrund verbesserter Prophylaxe und Versorgung möglicherweise einen Großteil ihrer Zähne erhalten konnten, können wir davon ausgehen, dass die Problematik der Dentinhypersensibilität eher zunehmen als abnehmen wird. Entsprechend der Ätiologie der Dentinhypersensibilität stehen zahlreiche noninvasive und auch invasive Behandlungsoptionen zur Verfügung.

 

Auf einem Innovationssymposium am 1. Oktober 2010 anlässlich des Zahnärztekongresses in Wien befassten sich hochkarätige Wissenschaftler mit dem Thema „rund um die DHS“, die dentine Hypersensibilität. DDr. Ulrike Stephanie Beier, MSc, aus Innsbruck fasste Epidemiologie und Ätiologie des Problems zusammen.

Repetitorium DHS

Die Dentinüberempfindlichkeit (DHS) ist definiert als ein kurzer, stechender Zahnschmerz ausgehend von freiliegendem Dentin als Antwort auf verschiedene Reize.

Ursache für freiliegende Zahnflächen (-hälse) können sein:

  • Anatomische Abweichungen mit Verlust von attached Gingiva
  • Abrasion durch zu harte Zahnbürsten (manuell und elektrisch)
  • Taschenreduktion durch parodontale Chirurgie
  • Parafunktionen (orale Gewohnheiten, die zur Retraktion der Gingiva führen)
  • Exzessiver Gebrauch von Zahnseide
  • Dentale Prophylaxe, Füllungstherapie oder Chirurgie

 

Jeder siebente Erwachsene leidet an DHS, zirka 8 bis 30 Prozent der Patienten im Alter von 20 bis 40 Jahren. Bei Parodontopathien sind sogar bis zu 80 Prozent der Menschen betroffen. Ab einem Alter von 40 Jahren nimmt die DHS durch physiologische Veränderungen wieder ab.

Frauen häufiger betroffen

Frauen leiden häufiger an DHS als Männer. Warum? Ein Hinweis auf mögliche Ursachen könnte das intensivere und häufigere Mundhygiene-/Pflegeverhalten von Frauen sein. Dabei sind mechanische Traumatisierungen (Abrasionen) unter Umständen ursächlich für diese Missempfindungen.

Bei der Prävalenz dominieren die vestibulären Flächen mit zirka 90 Prozent. Die linke Kieferseite ist häufiger betroffen als die rechte, bei Eckzähnen und ersten Prämolaren findet sich eine hohe Prävalenz, und im Oberkiefer tritt die DHS häufiger auf als im Unterkiefer. Interessanterweise ist die DHS auch extrem kulturabhängig, so ist in Nigeria nur etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen, in China sind es schon mehr als 25 Prozent.

Placeboeffekt?

Nicht ganz einfach ist die Therapie der DHS: Klinische Studien zeigen einen hochprozentigen (zirka 20 bis 60 %) Placeboeffekt. Dabei findet eine psychologische Interaktion von Zahnarzt und Patient statt. Die Behandlung der DHS ist ein „Sich kümmern“ – eine Therapie, die auf Wünsche des Patienten eingeht. Hier hilft augenscheinlich oft schon der Glaube, dass geholfen wird. Nicht zu unterschätzen ist nämlich die psychische Situation der DHS-Patienten – sie sind häufig gestresst und lebensunsicher. Daher kommt auch der Hinweis auf eine der möglichen Ursachen der DHS: traumatische Parafunktionen. Weitere Ursachen werden gesehen in:

  • Ineffektiver Mundhygiene (Säureangriff der Plaquebakterien)
  • Übereffektiver Mundhygiene mit Schmelz-Dentin-Verlusten
  • Parodontale Erkrankungen und deren Behandlung
  • Ineffiziente Remineralisation aus dem Speichel
  • Dekomposition (Zersetzung) des Smear Layer
  • Offene Dentintubuli

Hydrodynamische Theorie

Drei Hypothesen zur Übertragung der Stimuli von der Dentinoberfläche zu den sensorischen Nervenfasern der Pulpa werden diskutiert. Die bekannteste ist die „Hydrodynamische Theorie“ nach Brännström, die sich auf eine Nervstimulation durch Flüssigkeitsbewegungen innerhalb der Dentintubuli bezieht. Sie geht davon aus, dass schmerzhafte Reaktionen durch sensorische Reize ausgelöst werden und die Empfindlichkeit des Dentins über Aktivitäten von feinfaserigen Nerven ausgelöst werden. Diese Nervenaktivität entsteht durch Flüssigkeitsbewegungen in den Dentinkanälchen, hydrodynamische Stimuli. Dabei üben verschiedene Reize einen Einfluss in unterschiedliche Richtungen aus.

Flüssigkeitsverschiebungen nach außen werden bewirkt durch:

  • Kälte und Dehydrierung
  • Hyperosmotische und dehydrierende Lösungen

 

Flüssigkeitsverschiebungen nach innen werden bewirkt durch:

  • Hitze (50–70° C)
  • Druck (2–3 Kg / cm2)

 

Auch Bleaching kann bei einigen Patienten eine (zumeist reversible) DHS auslösen. Dabei wirken die Bleaching-Vorgänge direkt auf spezifische chemosensitive Ionen-Kanälchen (TRPA1) durch Oxidation (oxidative Produkte wie Peroxidverbindungen).

Therapie – Bewährtes und Neues

Privatdozent Dr. Christian Gernhardt aus Halle referierte im ersten Teil seines Vortrags „Behandlungsmethoden der Hypersensibilität – Bewährtes und Neues“ in einem Überblick über die Problematik und gängige, vor allem noninvasive, Therapiemöglichkeiten und deren Wirkungsmechanismus. Diese beleuchtete und bewertete er kritisch an- hand der aktuellen Literatur. Darin werden Vorteile und Nachteile der verschiedenen zur Verfügung stehenden Methoden und deren klinischer Erfolg erörtert: Desensitizer, Versiegler, strontiumchloridhaltige Präparate sowie der Laser und, falls das alles nicht hilft, letztendlich restaurative (Füllungen, Kronen) sowie im Extremfall sogar endodontische Therapien. Wenn man sich dies alles ansieht, die vielen „Irrungen und Wirrungen“, dann wünscht man sich schon ein Produkt, das endlich die Lösung bringen könnte.

Im zweiten Teil des Vortrages wurde ein gänzlich neuer Therapieansatz vorgestellt (s. Artikel auf Seite 6).

Prophylaxe von Erosionen

Prof. Dr. Joachim Klimek aus Gießen ging im Detail auf die Problematik von Erosionen ein. Sie entstehen durch eine ständige (chronische) Einwirkung von Säuren nichtbakterieller Genese auf plaquefreien Zahnoberflächen. Dabei können die Säuren entweder exogen, beispielsweise durch Verzehr saurer Nahrungsmittel und Getränke, oder endogen durch Magensäure (Regurgitation, cave Essstörungen!) auf die Zahnhartsubstanzen einwirken. Abhängig von der jeweiligen individuellen Prädisposition werden säurebedingte Zahnhartsubstanzverluste leider erst bei häufiger chronischer Einwirkung über einen längeren Zeitraum klinisch manifest. Unsere Patienten nehmen Erosionen zumeist erst dann wahr, wenn Dentin freiliegt und Empfindlichkeiten auftreten. Die Prävalenz von Erosionen habe in den vergangenen Jahren besonders durch veränderte Ernährungsgewohnheiten zugenommen.

Als Primärprävention wurde eine angemessene Information über Ursachen und Vermeidung erosiver Zahnschäden im Rahmen der bekannten und etablierten Präventionsstrategien mit individueller Beratung vorgeschlagen.

Eine Sekundärprävention hingegen muss vor allem in einer frühzeitigen und differenzialdiagnostisch richtigen Erkennung der Frühstadien von Erosionen im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen und individuell abgestimmten kausalen Maßnahmen bestehen. Im Falle von exogenen Säureeinwirkungen besteht die kausale Therapie in der Veränderung der Verzehrgewohnheiten wie einer Verringerung der Verzehrhäufigkeit und einer Umstellung auf wenig erosive Getränke und Speisen.

Zum Beispiel kann das erosive Potenzial von Obst durch eine Kombination mit Milchprodukten erheblich reduziert werden. Die individuelle Mundhygiene hingegen sollte nur bei einer extrem traumatischen Putztechnik oder extremer Säureexposition verändert werden.

Im Falle von endogenen Säureeinwirkungen kann eine ärztliche Behandlung angezeigt sein (z. B. bei Refluxerkrankungen), oftmals ist eine ursächliche Therapie jedoch schwierig. So können beispielsweise Essstörungen mit chronischem Erbrechen trotz therapeutischer Bemühungen jahrelang bestehen. In diesen Fällen sind ebenso wie bei ungeklärter Säureexposition symptomatische Maßnahmen notwendig.

 

Quelle: Firmensymposium GABA, Österreichischer Zahnärztekongress in der Wiener Hofburg, Oktober 2010

Von Dr. Hans Sellmann, Zahnarzt 11 /2010

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