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Foto: flickr.com / tamakisono
Der Zahnarzt ist nicht mehr nur jemand, der Zähne reißt, sondern jemand, der sie erhält und auch schön macht.

Tirol nimmt in Österreich eine Vorreiterposition bei Prophylaxe für Kinder ein.

Foto: Privat

Primar DDr. Elmar Favero Chefzahnarzt und ärztlicher Leiter im Ambulatorium für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Tiroler Gebietskrankenkasse in Innsbruck

 
Zahnheilkunde 30. September 2010

„Ohne Mundhygiene ist man nicht gesund“

Für Primar DDr. Elmar Favero, Chefzahnarzt und ärztlicher Leiter in der Tiroler Gebietskrankenkasse, ist Prävention „die Begleitmusik für eine gesunde Gesellschaft“.

Strahlend gesunde Zähne sind heute zu einem neuen Benchmark für Gesundheit und Erfolg geworden. Damit ist Zahnprophylaxe nicht mehr aus den Ordinationen wegzudenken.

 

Elmar Favero hat bereits vor 25 Jahren begonnen, sich gezielt auf dieses wichtige Gebiet zu spezialisieren: Im Interview mit dem Zahn Arzt spricht der Vorsitzende der Kommission „Zahnmedizin-Prophylaxe“ im Obersten Sanitätsrat über den demografischen Stellenwert von Zahngesundheit, das Problem des Bildungsgefälles, Fissurenversiegelung der Molaren und wünschenswerte Vorsorgemaßnahmen in der Schwangerschaft.

 

Auf der Tagung „Standards in der Kinderzahnheilkunde“ Mitte September in Linz referierten Sie zum Thema Gruppenprophylaxe. Direkt gefragt: Was bringt es nun wirklich einem Zahnarzt, wenn die ZahngesundheitserzieherInnen in Kindergärten und Schulen ausschwärmen?

FAVERO: Enorm viel! Kinder und Jugendliche bekommen ein fundiertes Basiswissen zum Thema, oft wird erst in der Gruppe das Interesse für Zahngesundheit wach und man sieht den Zahnarzt mit ganz anderen Augen: Der Zahnarzt ist auf einmal nicht mehr nur jemand, der Zähne reißt, sondern jemand, der sie erhält und auch schön macht. Vor allem bei Jugendlichen ist der Stellenwert der Zähne enorm angestiegen. Das freut uns natürlich ganz besonders!

 

Welchen Herausforderungen müssen sich die Prophylaxefachleute heute stellen, wenn sie in die Kindergärten und Schulen hinausgehen?

Favero: Die Stärke unserer Gruppenprophylaxe liegt sicherlich auch darin, dass wir von Anfang an sehr gute Pädagogen mit ins Boot geholt haben. So sind unsere 40 bis 50 ZahngesundheitserzieherInnen, die in ganz Tirol unterwegs sind, auch pädagogisch sehr gut geschult. Das ist ein wirklich großer Pluspunkt, der uns viel Rückenwind verschafft hat. Wir stülpen niemandem, keinem Kind und keinem Jugendlichen, eine fertiges Konzept über. Das würde aber ohnehin nicht klappen, wie man es am Beispiel anderer Länder schon bestätigt bekommen hat. Denn dann bricht das Interesse an der Zahngesundheit nach Schulaustritt schnell wieder ein. Und das ist dann sehr schade – schade um die Zahngesundheit der Jugendlichen und schade um die Arbeit.

 

Gibt es bei dem Thema Prophylaxe ein Stadt-Landgefälle? Sind Patienten in der Stadt aufgeklärter und leisten sich deshalb eher eine Prophylaxesitzung?

Favero: Soziodemografisch gesehen gibt es nach wie vor massive Unterschiede zwischen der Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Mädchen und Jungen oder zwischen Frauen und Männern, wenn Sie es so wollen. Doch viel schmerzhafter ist die Tatsache, festzustellen, dass das Bildungs- und Gesundheitsdefizit Hand in Hand gehen. Denn auch wenn man einfach mal annimmt, dass die Landbevölkerung sich gesünder ernähren müsste, weil sie mehr Möglichkeiten hat, an frische Lebensmittel zu kommen, ist dies nicht der Fall. Ich würde anstelle eines Stadt-Landgefälles eher von einem Bildungsgefälle sprechen.

 

Mit welchem Alter empfehlen Sie Eltern mit der Einzelprophylaxe zu beginnen?

Favero: Es ist schwer hier eine pauschale Aussage zu tätigen. Eltern sind gut beraten, wenn sie ihre Kinder, sobald diese ihre ersten Zähne haben, in Absprache mit dem Zahnarzt zu einfachen Kontrollterminen mitnehmen. Dann wächst das Kind automatisch hinein, sieht, wie es in einer Zahnarztpraxis zugeht, wie nett es beim Zahnarzt sein kann und fragt dann oftmals von sich aus, ob der Zahnarzt auch in seinen Mund schauen könnte. Ist es so weit, sollte der Arzt auch unbedingt kurz hineinsehen, um das kindliche Vertrauen weiter aufzubauen. Aber sobald das Kind mit allen Milchzähnen bezahnt ist, ist es höchste Zeit, sich die Zähne des Kindes genau anzusehen und auch mal professionell zu reinigen.

 

Wie stehen Sie zur Fissurenversiegelung der Molaren?

Favero: Durchgängig allen Kindern alle Molarenfissuren zu versiegeln, ist nicht indiziert. Bevor ich als Zahnarzt den Eltern irgendeine Empfehlung geben kann, ist unbedingt eine komplette klinische Untersuchung samt Risikoprofil notwendig. Ich muss wissen, ob Beläge vorhanden sind, wie es mit den Putzgewohnheiten und der Anatomie des Fissurensystems steht. Wenn die Fissuren etwa normal flach sind, ist eine gute häusliche Pflege vollkommen ausreichend. Da gibt es keine Indikation für eine solche Versiegelung.

 

Ist es Ihrer Erfahrung nach sinnvoll, Mütter schon während der Schwangerschaft zum Thema ‚häusliche Prophylaxe im Kleinkindalter‘ aufzuklären?

Favero: Ein dreifaches Ja! Wir arbeiten seit Jahren ganz eng mit der Hebammenschule zusammen. Hebammen sind wichtige Mediatoren in Sachen Zahngesundheitsbewusstsein von Müttern – und damit auch ein ganz wichtiger Stein im gesamten Prophylaxemosaik Tirols. Sie erklären den Müttern in der Schwangerschaft nicht nur, dass es beispielsweise sehr wichtig ist, regelmäßig an die frische Luft zu gehen, sich gesund zu ernähren, sondern eben auch, dass sie in der Schwangerschaft unbedingt regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen gehen und generell auch die Zahnpflege sehr ernst nehmen sollten.

 

Wie erkläre ich einem Patienten die Bedeutung von Prophylaxe, der meint, dass man früher auch gut ohne Prophylaxesitzungen ausgekommen ist?

Favero: Am einfachsten ist es natürlich, wenn Patienten schon von sich aus von schlechten Erfahrungen ihrer Eltern oder anderer zu berichten wissen, wie „Als meine Mutter so alt war wie ich jetzt bin, also 40 Jahre, hatte sie bereits eine Totalprothese“. Dann liegt die Antwort auf der Hand. Ein kleiner Hinweis, dass es auch vielen anderen früher so ergangen ist, reicht da vollkommen aus – und auch, dass es heute nachgewiesen ist, dass viele Krankheiten ihren Ursprung in der Mundhöhle haben.

Leider gibt es aber auch noch die anderen 15 bis 20 Prozent der Menschen im Westen, die einfach keine Compliance bei Gesundheitsempfehlungen zeigen, quasi beratungsresistent sind. Doch nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Gesundheit stark gefährdet ist. Spätestens dann beginnen sie, sich Gedanken zu machen, ob sie an ihrem Lebensstil etwas ändern oder weiterhin Zahn um Zahn verlieren wollen. Dann haben sie plötzlich auch ein Ohr für Prophylaxeempfehlungen. Und bis dahin sehe ich es einfach als die Pflicht eines jeden Zahnmediziners, auf jeden Fall jeden Patienten aufzuklären. Im Flugzeug wird man auch bei jedem Abflug aufgeklärt, wie man sich im Fall einer Gefahr oder eines Absturzes zu verhalten hat. Unabhängig davon, wie viele letztendlich hinhören, kommt das Flugpersonal seiner Pflicht immer nach. So ist es auch bei einem Zahnarzt: Er muss aufklären und dokumentieren! Das ist seine Pflicht! Ohne Aufklärung ist es meiner Meinung nach fachlich und ethisch fraglich, jemandem eine aufwändige technische Versorgung anzubieten. Ebenso, wenn er keine Interesse für Prophylaxe zeigt.

 

Wie ist es in Zeiten der Wirtschaftskrise? Wie steht es Ihrer Erfahrung nach mit der Bereitschaft der Patienten, sich Prophylaxesitzungen zu leisten?

Favero: Das Gesundheitsbewusstsein ist ungebrochen – und auch das Interesse an der Prophylaxe ist ungebrochen. Es ist möglich, dass in der Krise weniger hochpreisige technische Behandlungen gemacht werden und Patienten derartige Investitionen hinausschieben oder länger überdenken wollen. Doch im Prophylaxebereich konnte ich bisher keine derartigen Folgen der Krise ausmachen. Natürlich macht es einen Unterschied, ob eine vollkeramische Krone um 1.000 Euro oder eine Prophylaxesitzung für 60 bis 100 Euro zur Entscheidung steht. Aber ich denke, dass es so wie bei einem Friseur ist: In Krisenzeiten verschieben die Leute die teuren Behandlungen, aber zum Haareschneiden gehen sie weiterhin.

 

Eine wertvolle Erfahrung, die Sie in Ihrem jahrelangen Bemühen um die Prophylaxe gemacht haben?

Favero: Ich habe vor ca. 25 Jahren begonnen, mich gezielt auf Prophylaxe zu spezialisieren. Dazu habe ich ganz Europa nach Konzepten abgegrast, die man bei uns umsetzen könnte. Umso mehr ist es eine wunderschöne Erfahrung, dass heute Tirol eine Vorreiterposition in Sachen Prophylaxe einnimmt. Wir haben etwa bei Kindern mit Migrationshintergrund weitaus bessere Werte als andere Bundesländer mit vergleichbarer Population bei Kindern ohne Migrationshintergrund. Prophylaxe ist für mich einfach die Begleitmusik für eine gesunde Gesellschaft.

 

Das Gespräch führte Dr. Veenu Scheiderbauer

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