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Foto: Dr. Robert Schoderböck
Im Regelfall werden Kinder bis zirka acht Jahre auf dem Schoß der Mutter behandelt“, erklärt Dr. Robert Schoderböck. Seine Praxis ist häufig Anlaufstelle für verzweifelte Eltern – und traumatisierte Kinder.
Foto: photos.com

Eltern sollten sich nur positiv über den Zahnarztbesuch äußern.

 
Zahnheilkunde 30. September 2010

Die Angst einfach wegzaubern

Dr. Robert Schoderböck ist Spezialist für „schwierige“ Kinder in der zahnärztlichen Praxis. Beim Österreichischen Zahnärztekongress referiert er über den Einsatz von Hypnose auf dem Behandlungsstuhl.

Der besondere Geruch, das Geräusch von Instrumenten und verängstigte Gesichter im Warteraum: Selten ist ein Zahnarztbesuch mit angenehmen Gefühlen assoziiert. Wenn Kinder die „Angst vor dem Bohrer“ von der Umwelt übernehmen, reagieren sie angesichts des Zahndoktors bisweilen mit Weinen, Schreien und sogar Beißen. Häufig der letzte Ausweg für entnervte Eltern: ein auf „unbehandelbare“ Kinder spezialisierter Zahnarzt.

 

„Jeder Patient, der zum Zahnarzt kommt, hat mehr oder weniger Angst und ist daher schon in einem gewissen Trancezustand“, meint Dr. Robert Schoderböck, Zahnarzt in Kremsmünster und Vizepräsident der Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (ÖGK). Die Ausnahme stellen Kinder dar: Sie „erlernen“ die Zahnarztangst erst ab einem Alter von ca. fünf Jahren von ihren Eltern, zumeist von der Mutter.

 

Im Interview mit dem Zahn Arzt erklärt der Hypnosespezialist, wie er bei „schwierigen“ Kindern vorgeht, und gibt Tipps für den Umgang mit kleinen Patienten und nicht zuletzt deren Eltern. Zu diesem Thema referierte Schoderböck auch auf dem Österreichischen Zahnärztekongress in Wien.

Sie sind häufig Anlaufstelle für Kinder, die durch ihre Zahnarztangst als unbehandelbar gelten. Wie gehen Sie mit diesen schwierigen Patienten um?

SCHODERBÖCK: Zuerst einmal bezeichne ich diese Kinder nicht als unbehandelbar, sondern als interessant. In Umgang mit Kindern muss man mit der Wortwahl sehr vorsichtig sein, weil Kinder nicht nur Wörter verstehen, sondern auch Gedanken lesen. Ein vierjähriges Kind, das zu mir in die Ordination kommt, hat gelernt, Emotionen zu erkennen. Das bedeutet, dass sich mein ganzes Team – ich arbeite gemeinsam mit meiner Frau und sieben Assistentinnen – von Anfang an entprechend verhalten muss. Daher sind alle meine Mitarbeiter in Hypnose geschult. Im Umgang mit Kindern wenden wir zumeist die sogenannte Verwirrungstechnik an, wobei eher die Mutter bzw. die Begleitperson als das Kind „verwirrt“ wird. Damit hindern wir die Mutter daran, negativ zu denken.

 

Aus welchen Gründen entwickeln Kinder Angst vor dem Zahnarzt?

SCHODERBÖCK: Da gibt es zwei Gruppen. Die einen haben schon schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt hinter sich. Die anderen bekommen durch Erzählungen im Kindergarten oder in der Familie mit, wie „schrecklich“ der Zahnarzt ist. Den Rest besorgen Mütter, die ihr Kind beschwichtigen: „Du brauchst keine Angst zu haben, der tut dir nichts, der schaut nur rein etc.“

Welche Vorabinformationen holen Sie über das „schwierige Kind“ ein?

SCHODERBÖCK: Über das Kind möchte ich nur wissen, ob es ein Autist ist. Dass es beim letzten Zahnarztbesuch gespuckt, geschrien oder gekratzt hat, interessiert mich nicht.

 

Wird jedes Kind gleich behandelt?

SCHODERBÖCK: Im Regelfall werden Kinder bis ca. sieben, acht Jahre auf dem Schoß der Mutter behandelt. Wir legen beide mit der Lehne zurück, und wenn das Kind mitgeht, ist schon ein großer Schritt getan. Das Kind wird dann schräg hochgezogen, was vermutlich auch tranceauslösend wirkt. Danach nimmt das Kind die Arme hoch, was ein typisches Zeichen für einen Trancezustand ist und unbedingt beibehalten werden sollte. Anschließend erfrage ich die Anamnese von der Mutter und beginne dann beim Kind spielerisch mit ungewöhnlichen Befehlen wie „Mach den Mund zu!“ und schleiche mich sozusagen in die Behandlung ein. Ich erkläre dem Kind die Instrumente und lasse sie an seinem Finger testen. Wenn es das toleriert, komme ich zumeist auch in den Mund hinein. Dazwischen schütte ich das Kind sozusagen mit Informationen zu. Den Bohrer bezeichne ich dann z. B. als Diamantputzer mit 14.000 Diamanten, von denen drei in Südarfrika gefunden wurden etc. Wichtig ist, dass niemand das Kind während der Behandlung streichelt, weder die Mutter noch die Assistentin. Denn Streicheln ist für das Kind ein Alarmsignal, dass etwas nicht stimmt.

 

Wie funktioniert die Verwirrtechnik, die Sie vorher angesprochen haben?

SCHODERBÖCK: Aus einem Zwiegespräch mit der Assistentin heraus beginne ich eine Gruppentrance-Sitzung. Ich frage die Mitarbeiterin z. B.: „Haben wir ihn schon gefüttert?“ und sie antwortet: „Nein, wieso? Sollen wir?“ Die Mutter und das Kind wissen nicht, worum es geht und beginnen sich zu fragen, wer gemeint ist. So wird das Unbewusste beider abgelenkt. Oder ich sage zum Kind: „So, wir erzählen dir nun eine Geschichte“ und fordere meine Assistentin auf, eine Geschichte zu erzählen. Sie sagt dann: „Es war einmal.“ Und ich antworte: „Das war eine schöne Geschichte, kurz und prägnant.“ Das Unbewusste des Kindes erzählt nun die Geschichte selber fertig und ist daher abgelenkt. Diese Techniken orientieren sich an der Huna-Philosophie des hawaiianischen Psychologen und Schamanen Dr. Serge Kahili King.

 

Was machen Zahnärzte im Umgang mit Kindern aus Ihrer Sicht sehr oft falsch?

SCHODERBÖCK: Die meisten Kollegen sind oft viel zu zögerlich, warten zu lange, bis sie mit der Behandlung beginnen. Respekt vor dem Kind ist o. k., er darf aber nicht in Angst ausarten. Wir arbeiten so schnell, dass wir dem Kind nicht die Möglichkeit lassen, Angst aufzubauen. Entweder es geht flott oder es geht gar nicht. Eine halbe Stunde herumzuprobieren hat keinen Sinn.

 

Gibt es auch Situationen, bei denen Sie an Ihre Grenzen gehen?

SCHODERBÖCK: Schreiende Kinder sind für unser Team natürlich sehr belastend. Wenn ich drei davon hintereinander behandle, bin ich nervlich am Limit, dann muss ich aufhören. Das sind absolute Notfallsituationen, in denen man sehr leicht etwas falsch machen und dem Kind Schaden zufügen kann.

 

Wie gehen Sie in diesen besonderen Situationen vor?

SCHODERBÖCK: Meistens hat das Kind schon ein paar Tage nicht gut geschlafen, hat Zahnschmerzen, der Zahn muss wahrscheinlich raus und die Mutter sagt: „Bitte, tun Sie etwas!“ Wenn ich dann den Verdacht habe, dass es laut werden könnte, sage ich zur Mutter: „Das Kind bekommt eine Anästhesie, es spürt nichts. Aber es kann sein, dass es bei der Behandlung laut wird. Sie müssen ruhig bleiben, das Kind darf laut sein. Ist das für Sie o. k.?“ Die meisten Mütter willigen ein. Vorher zeige ich dem Kind noch, dass es aus einer Spielzeugkiste eine Belohnung bekommt. Dann wird der „Zahn schlafen geschickt“. Wird das Kind dabei laut, loben wir es: „Super laut bist du! Kannst du noch lauter?“ Meist hört das Kind spätestens dann auf, laut zu sein, sobald es den Mund zumacht. Anschließend bekommt es roten zuckerfreien Fruchtsaft zum Spülen und wir suchen eine Belohnung aus der Spielzeugkiste aus. Mit dem Ergebnis, dass die Kinder zumeist hoch zufrieden und ruhig mit zwei Geschenken die Ordination wieder verlassen.

 

Gibt es Kinder, bei denen Ihre Methode trotzdem nicht funktioniert?

SCHODERBÖCK: Im Prinzip erkenne ich relativ rasch, ob ich bei diesem Kind eine Chance habe, in den Mund zu kommen oder nicht. Viele kommen von sehr weit her und sind dann natürlich enttäuscht, wenn es einmal nicht klappt und sie nach wenigen Minuten unverrichtetet Dinge wieder gehen. Das sind zwar wenige, aber es gibt sie.

 

Das Gespräch führte Mag. Andrea Fallent

 

Vortrag beim Österreichischen Zahnärztekongress, Freitag, 1. Oktober 2010

Dr. Robert Schoderböck: Hypnose in der zahnärztlichen Praxis. Wie Sie sich den Umgang mit Ihren Patienten erleichtern können.

www.zaek-wien2010.at

Tipps für Eltern rund um den Zahnarztbesuch
Eltern können ihrem Kind den Zahnarztbesuch wesentlich erleichtern, wenn sie folgende „Regeln für Eltern“ beachten, die z. B. auf einem Infoblatt zusammengefasst sind, das vorab den Eltern überreicht wird oder auf der Homepage abzurufen sind:

Vor der Behandlung:
1. Streichen Sie Belohnungsgeschenke: Der Stress beim Zahnarzt ist schon groß genug. Wenn sich das Kind noch etwas verdienen muss oder soll, gerät es nur zusätzlich unter Druck.
2. Vermeiden Sie Verneinungen.Denn: Das Unbewusste kennt keine Verneinung. Wenn Sie dem Kind sagen: „Das tut nicht weh!“, „Du wirst gar nichts spüren!“, versteht Ihr Kind aber „Es tut weh“, „Ich werde etwas spüren“! „Fürchte dich nicht!“ bedeutet dann „Fürchte dich!“
3. Negativerzählungen über Zahnarztbesuche von anderen sollten zu Hause mit dem Kind besprochen werden.
4. Eltern sollten sich selbst nur positiv über ihre Zahnarzterfahrungen äußern! Fehlen positive Erfahrungen, sollten sie lieber nichts sagen.
5. Sprechen Sie nicht zu viel über Behandlungsvorgänge, da Sie Ihrem Kind damit unnötige Angst einflößen. Der Zahnarzt sollte Ihrem Kind alles erklären.
6. Wenn Sie als Eltern bereits eigene Hypnoseerfahrungen haben, sollten Sie über das angenehme Hypnoseerlebnis erzählen.
7. Bestärken Sie die Kinder darin, alleine ins Behandlungszimmer zu gehen. Sollte dies anfänglich nicht möglich sein, kann auch eine Begleitperson bei der Behandlung anwesend sein.
8. Eltern sollten dem Zahnarzt die Führung des Kindes überlassen und dessen Anweisungen befolgen – auch wenn es ihnen zu diesem Moment schwer fällt oder es unverständlich ist. Nur durch eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Zahnarzt ist eine erfolgversprechende und angenehme Behandlung möglich.
Quelle: Dr. Robert Schoderböck, www.zahn1.at

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