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© Dr. Hans Sellmann
Selbst optimal gefertigte Prothesen sind kein Garant für einen guten Halt.
 
Zahnheilkunde 30. September 2010

Zu Unrecht geschmäht?

Warum es durchaus sinnvoll ist, unseren Patienten Haftcremes zu empfehlen.

Meine Vorbereitungsassistentin rümpfte – wie so viele Kollegen auch – die Nase, sobald nur der Begriff Haftcreme fiel. Auf der Uni hatte sie nämlich nie etwas Positives zu „Hafthilfen“ für Zahnersatz gehört. Als ich sie dann in meiner Praxis mit der harten Realität des Zahnersatzes für Normal- und ärmere Bürger konfrontierte, da staunte sie.

 

Und sie staunte weiterhin, als ich ihr erläuterte, Haftcreme sei durchaus auch bei Trägern von Implantatprothesen angezeigt. „Haftcreme? Das ist doch immer ein Indiz für Insuffizienz!“, sagte sie. „Wessen Insuffizienz? Die des Zahnarztes oder des Zahntechnikers? Haben Sie noch nie eine neue oder frisch unterfütterte Prothese eingesetzt und die saugte einfach nicht?“, fragte ich zurück. Da geben wir häufig sehr (vor-)schnell dem Zahntechniker die Schuld – wir haben uns ja viel Mühe gegeben mit der Funktionsabformung! Wenn die Prothese dann nicht saugt, dann hat eben der Zahntechniker Schuld, er hat sie eventuell „verpresst“ oder sonst was! Dass es auch noch andere Ursachen für einen mangelhaften Halt trotz besten Arbeitens seitens des Zahnarztes und des Zahntechnikers geben könnte, das kommt uns gar nicht in den Sinn.

Die öffentliche Meinung

Auf der Uni haben wir den Begriff des mechanistischen Therapierens vehement vermittelt bekommen. Die richtig und sorgfältig gearbeitete Prothese hält auch! Und weiter: „Nach einer sauber ausgeführten Unterfütterung gibt es keinen Spalt und keine Druckstellen. Und der Unterdruck kommt ja von der perfekten funktionellen Abformung!“ Diese Lehre wurde auch von der Öffentlichkeit so übernommen. Ich zitiere:

„Zahnärzte wie auch Kostenträger der Sozialversicherung gingen jahrzehntelang davon aus, dass auch Patienten mit ungünstigsten Prothesenlagern zufriedenstellend mit herausnehmbarem Zahnersatz zu versorgen wären, wenn nur die dazu notwendigen klinischen und technischen Arbeitsschritte korrekt durchgeführt würden. Diese Fehleinschätzung wurde von den betroffenen Patienten selbstverständlich übernommen. Mussten sie bei neuen Prothesen Haftmittel verwenden, galt ihnen dies als Zeichen einer mangelhaften Ausführung. Dieser Einschätzung folgten in der Regel auch die Kostenträger und oft auch die von ihnen beauftragten zahnärztlichen Gutachter“.

Haftcremes im Test

Gehen wir also nochmals davon aus, dass die Prothese von uns zusammen mit unserem Labor – eigentlich unnötig, das erneut zu sagen – sorgfältig und perfekt abgeformt und ausgearbeitet worden ist. Aus unserer Praxis kommt also sicherlich keine insuffiziente Prothese. Und dennoch kann es sinnvoll sein, unseren Patienten Haftcreme zu empfehlen und diese Empfehlung auch zu erklären, denn das, was wir oben zitiert haben, ist doch gedanklich immer noch weit verbreitet.

Haftmittel wurden von der deutschen Stiftung Warentest, einem unabhängigen Testinstitut, untersucht. Und dieses hat dazu Einiges über die reinen Testergebnisse hinaus – das finde ich besonders wichtig für uns Zahnärzte – gesagt. Sie sollten diese Aussagen kennen und den Patienten gegenüber kommentieren können. Zitat: „Mittlerweile gilt die Auffassung, dass gute Haftmittel generell die Haftung und den Tragekomfort des Zahnersatzes erhöhen, auch bei gut sitzenden Prothesen. Aus zahnärztlicher Sicht ist gegen die Verwendung von Haftmitteln nichts einzuwenden – sofern die Prothese und ihr Sitz regelmäßig vom Zahnarzt kontrolliert werden.“

Der Ausschluss von Speiseresten, Haltverbesserung auch bei gut sitzenden Prothesen und die Vermeidung von Druckspitzen, die zu mechanischen Irritationen der Mundschleimhaut führen können – allesamt Argumente, die tatsächlich für die Haftcreme sprechen. Im Bericht der Stiftung Warentest2 finden sich entsprechende Hinweise:

„Haftcremes füllen den schmalen Spalt zwischen Gebiss und Zahnfleisch. Sie helfen so, den Unterdruck aufrechtzuerhalten, der wesentlich für den Halt der Prothese ist. Da sie flexibel sind, überbrücken sie den Spalt auch dann, wenn er sich zum Beispiel durch mechanische Beanspruchung beim Kauen vergrößert. Sie ermöglichen damit Essen und Sprechen, ohne dass das Gebiss ‚ins Schwimmen‘ gerät ... Haftcremes schützen die empfindliche Mundschleimhaut außerdem vor Druckstellen und Reizungen und helfen zu verhindern, dass Speisereste unter die Prothese gelangen. Und ganz wichtig: Sie können sich positiv auf die Psyche auswirken. Denn eine gut sitzende Prothese steigert die Lebensqualität deutlich.“

Und die Expertenmeinung?

Diese Aussagen wurden für Laien gemacht. Gibt es auch Expertenmeinungen auf dem Gebiet der Prothetik dazu? Auszugsweise möchte ich erneut den Kollegen Dr. Felix Blankenstein zitieren:

„In Deutschland kaum zitierte und entsprechend wenig beachtete Studien zeigten neben der eigentlichen Aufgabe, der Verbesserung der Haftkraft herausnehmbaren Zahnersatzes, noch weitere Vorteile: Nach Applikation von Haftmitteln ist es den Patienten möglich, höhere Kaukräfte zu entwickeln. Psillakis et al. fanden bei Anwendung unter OK-Prothesen bei eigener Gegenbezahnung nahezu eine Verdopplung der erzielbaren Kaukraft, bei einer antagonierenden Totalprothese sogar eine Steigerung um 70 Prozent. Die höhere inzisale Kraft kann bis zu acht Stunden nach Applikation anhalten. Haftmittelgebrauch ist bei sachgerechter Anwendung nicht mit Weichgewebsläsionen assoziiert. Stattdessen gleichen Haftmittel traumatisierende Kräfte sogar aus, was zu einer Reduktion mechanisch induzierter Schleimhautentzündungen führt. Haftmittel verringern das Eindringen von Speisebrei in den Spalt zwischen Prothesenbasis und -lager.“

Mehr Beißkraft

In der Eingewöhnungsphase haben unsere Patienten häufig mit Unsicherheiten in Bezug auf ihre Beißkraft mit der noch ungewohnten Prothese zu kämpfen. Sie gehen immer noch vom „alten“ Zustand aus – von der Kraft der eigenen Zähne. Dabei ist die erwähnte Beißkraft mit einer totalen Prothese normalerweise um etwa zwei Drittel reduziert! Der gezielte Einsatz von Haftmitteln als Hilfsmittel zur Eingewöhnung kann da den Betroffenen das notwendige Maß an Sicherheit während der Umgewöhnungsphase bieten.

In zahnmedizinischen Studien wurde festgestellt, dass die „Beißkraft“ auf den Schneidezähnen bei alten und sogar noch etwas mehr bei neuen Prothesen mit Haftmitteln um 32 Prozent höher ist. Dies ist eine deutliche Steigerung der mechanischen Belastbarkeit, besonders in der kritischen Frontzahnpartie.

Zusätzlich helfen Haftmittel, das Prothesenlager, d. h. die Mundschleimhaut und den darunter liegenden Kieferknochen, zu schonen und die inzisale Beißkraft um bis zu 50 Prozent zu verbessern.

Lösung für Problempatienten

Und da wären dann noch unsere Sorgenkinder – unsere Problempatienten. Mit Problempatienten meine ich hier nicht nur die Patienten mit einem infolge einer Chemotherapie verringerten oder gänzlich versiegten Speichhelfluss. Im Alter (und die meisten der Totalprothesenträger sind ja ältere bzw. alte Patienten) haben verschiedene Medikamente der häufig durch eine Multimorbidität gekennzeichneten Patienten einen massiven Einfluss auf die Speichelproduktion und -zusammensetzung. In meinem Buch „Der ältere multimorbide Patient in der Zahnarztpraxis“ habe ich diese Problematik ausführlich beschrieben. Und da wäre noch eine weitere Patientengruppe: die Raucher. Jeder praktisch tätige Zahnarzt weiß, was ich meine, wenn ich von deren häufig sehr schmerzempfindlichen, „trockenen“ Prothesenlagern und ihrer schlechten, dünnflüssigen und wenig klebrigen Speichelkonsistenz spreche.

Noch mehr Vorteile

Wenn ein Patient eine neue totale Prothese bekommt, oder aber auch wenn ich eine alte Prothese unterfüttert habe, empfehle ich in jedem Fall – so lange, bis sich die Prothese „eingelagert“ hat – die Anwendung einer Haftcreme. Und später dann eine solche Anwendung, wenn ich sie individuell für geboten halte. Ich empfehle daher tatsächlich sehr häufig Haftcreme.

Die vom Zahnarzt ausgesprochene Empfehlung hat übrigens ein paar weitere Vorteile: Prothesenhaftmittel sollten immer nach den Anwendungsempfehlungen auf dem Beipackzettel oder wie vom Zahnarzt/der Fachassistentin erläutert verwendet werden, denn ein dauerhaft übermäßiger Gebrauch von Haftmitteln kann auf einen schlecht sitzenden Zahnersatz hindeuten. Das können wir im klärenden Gespräch nochmals deutlich machen. Und auch, dass alle Zahnersatzträger regelmäßig unsere Zahnarztpraxis aufsuchen sollten, um den Sitz ihrer Prothese überprüfen zu lassen und eine gute Mundgesundheit sicherzustellen.

Die Angst der Patienten vor „so viel Chemie“ im Mund ist unbegründet – in unserem Gespräch können wir sie ihnen nehmen. Sicher sind Totalprothesen heute im Zeitalter der Implantationen immer weniger zu finden. Wenn aber, dann kann Haftcreme aus den oben erwähnten Gründen sehr sinnvoll eingesetzt werden. Genauso übrigens wie bei Prothesen auf Implantaten – auch hier gibt es „Spalten“ zwischen der Prothesenbasis und dem Alveolarkamm. Gut, wenn diese mit Haftcreme vor dem Eindringen von Speiseresten geschützt und mechanischer Druck minimiert wird. Haftcreme sollte wieder eine Renaissance erleben!

 

Dr. Hans Sellmann ist Zahnarzt und Journalist in Nortrup, Deutschland.

 

Informationen zu Literaturquellen können beim Autor angefordert werden unter: E-Mail:

Fazit für die Praxis
Warum ich Haftcreme empfehle und dennoch meine zahnärztliche prothetische Arbeit dadurch nicht im Geringsten geschmälert sehe?
1. Weil ich mit meinen Patienten spreche, ihnen die Hintergründe meiner Empfehlung erkläre und damit zeige, dass es mir nicht nur um den Halt der Prothese, sondern auch um ihre weiteren Bedürfnisse geht.
2. Weil mir bis jetzt noch jeder Patient, dem ich sie empfohlen hatte, dankbar war für zusätzliche Sicherheit und Lebensqualität.
3. Weil die Wissenschaft mittlerweile klar gezeigt hat, dass die Anwendung von Haftcremes – immer vorausgesetzt, die Prothesen sind optimal gearbeitet – sinnvoll ist. Insbesondere hinsichtlich Haftverbesserung bei gut sitzenden Prothesen, Ausschluss von Speiseresten und der Vermeidung von mechanischen Druckspitzen ist die Datenlage sehr deutlich.

Von Dr. Hans Sellmann, Zahnarzt 10 /2010

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