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Foto: peter_gor / shutterstock.com
Wie kam der Inka-Schädel auf den Müll?

Abb. 1: Kinderschädel und -unter kiefer nach der Bergung.

Abb. 2a: Röntgenaufnahme des Schädels mit Unterkiefer b: Panoramaaufnahme des Ober- und Unterkiefers

 
Zahnheilkunde 31. August 2010

Souvenir der besonderen Art

Ein Fall aus der Rechtsmedizin: Ein Mann entsorgt nachts einen Schädel – handelt es sich um ein Tötungsdelikt?

Bewohner beobachteten, wie ein Mann zu nächtlicher Stunde etwas auf einem Abfallplatz einer Firma versteckte. Sie informierten die Polizei, die bei der Nachschau einen menschlichen Schädel (Hirn- und oberer Gesichtsschädelanteil, einschließlich Augen-, Nasenhöhlen und Oberkiefer) sowie einen Unterkiefer vorfand.

 

Der befragte Grundstücksbesitzer räumte ein, dass er Schädel und Unterkiefer eigentlich ohne Aufsehen hatte entsorgen wollen, da ihm die Umstände ihrer Inbesitznahme peinlich waren und er jetzt (ohne Schädel und Unterkiefer) umziehen wollte. Er habe diese bereits vor Jahrzehnten anlässlich einer Reise in Südamerika aus einem Inkagrab ausgegraben und als Souvenir mitgebracht. Das Besondere an diesem „Inkaschädel“ seien die typischen Deformierungen infolge kunstvoller (artifizieller) Wickelung. Schädel und Unterkiefer habe er 48 Jahre lang auf seinem Schreibtisch im Büro aufbewahrt.

Rechtsmediziner klären auf

Für die Polizei stellte sich naturgemäß die Frage, ob diese Asservate im Zusammenhang mit einem Tötungsdelikt stehen könnten. Es wurden Anthropologen aus dem Institut für Rechtsmedizin für die weiteren Untersuchungen hinzugezogen. Die odontologische Befundung ergab, dass es sich nicht, wie zunächst angenommen, um den Schädel eines Individuums, sondern um den Schädel eines etwa vier Jahre alten Kindes und um einen Unterkiefer eines etwa acht Jahre alten Kindes handelt (s. Abb. 1). Dies konnte auch röntgenologisch bestätigt werden (s. Abb. 2). Bezüg-lich der ungewöhnlichen Form des Schädels war festzustellen, dass es sich keineswegs um eine künstlich herbeigeführte Deformierung handelte, sondern dass hier vielmehr ein kindlicher Hydrozephalus vorlag.

Die Liegezeitbestimmung mittels Radiocarbondatierung ergab eine Datierung des Hirnschädels auf zirka 1213–1259 n. Chr. und eine Datierung des Unterkiefers auf zirka 1068–1116 n. Chr. Die gemessenen δ13-C-Werte (Verhältnis der stabilen Isotopen 13C:12C) waren hoch für Menschenknochen und gaben Hinweise auf eine Ernährung mit C4-Pflanzen (wie z. B. Mais). Alle gemessenen Werte bestätigen die Aussage, dass der Schädel aus einem „Inka-Grab“ in Peru stamme.

Die Inka, die heute als indigene urbane Kultur in Südamerika bezeichnet werden, herrschten zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert über zirka 200 ethnische Gruppen. Zur Zeit der größten Ausdehnung (zirka 950.00 km2) erstreckte sich das Einflussgebiet vom heutigen Ecuador bis nach Chile und Argentinien.

Künstliche Schädeldeformierungen sind in vielen Kulturkreisen bekannt. Die Änderung der Schädelf-orm wurde mithilfe von zirkulären Bandagen (z. B. im Südseeraum) oder Brettern mit Scharnieren (z. B. in Südamerika) in anterior-posteriorer Richtung am kindlichen Schädel (Neugeborenenschädel) vorgenommen. Die Schädeldefomierung wurde dann über mehrere Jahre (bis zum 3. oder 4. Lebensjahr) fortgeführt. Durch die Bindung wölbt sich der Schädel turmartig (wie der Leib einer Wespe) ab der Stirn nach oben. Häufig hat der Hinterkopf das dreifache Volumen eines normalen Schädels. In Gräbern der Inka, Maya oder anderer Andenvölker fanden sich besonders viele artifiziell deformierte Schädel. In Peru waren 87 Prozent und in Chile 89 Prozent der gefundenen Schädel deformiert.

Die für eine artifizielle Deformierung angegebenen Gründe sind vielfältig, allerdings meist hypothetisch. Sie werden zum Beispiel als Schönheitsideal alter Kulturen beschrieben, welches die besondere soziale Stellung der Person bzw. eine Gruppenzugehörigkeit widerspiegeln soll und häufig einen rituellen Hintergrund hat.

Ein Relikt vom Schwarzmarkt?

Über die genauen Hintergründe der Inbesitznahme des Schädels durch den Zeugen/Täter kann nur spekuliert werden. Ausgesagt wurde, dass er den Schädel mit einem Freund zusammen aus einem Inka-Grab in Peru ausgegraben habe. Anzunehmen ist allerdings auch, dass der Schädel auf dem Schwarzmarkt gekauft wurde – hierfür würde der nicht zu dem Schädel passende Unterkiefer sprechen. Letztlich war der ehemalige Besitzer des Schädels durch die anthropologischen Untersuchungsergebnisse unter kriminalpolizeilichen Gesichtspunkten entlastet. Viele ethische Fragen blieben allerdings offen.

 

Der Originalartikel ist erschienen in: Rechtsmedizin (2009) 19:235–8, © Springer-Verlag Heidelberg

Von Dr. Eilin Jopp, Zahnarzt 8 /2010

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