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Foto: IDS

Abb. 1: Die Primärkrone hatte eine gut gefräste Schulter, davon sind bei der Sekundärkrone nur mehr Fragmente erhalten.

Abb. 2: 3. Quadrant, lingual massive Überkonturierung der Prothese und Druckstelle im Bereich 37 (mit Silber pulver markiert).

Abb. 3: Die Prothesenzähne wurden basal unnötig beschliffen.

Abb. 4: Speesche Kurve?

Abb. 5: Randspalt Prothesenkunststoff zur Teleskop-Sekundärkrone, schon erkennbare Ablagerungen: Wie gut passt eine Teleskopkrone bei diesen Kunststoffresten am Kronenrand?

Abb. 6: Kein schöner Anblick: unnatürliche Gesichtszüge, durch falsche Zahnaufstellung verschobene Lippenlinie, unstimmige Bipupillarlinie.

Abb. 7: Das sollte keinem Profi passieren: fehlende Okklusalkontakte ab 14/44 .

Abb. 8: Nach Zementierung der Primärkronen und Übergabe der Prothesen.

ZTM Albert Plachel Zahntechnikermeister und Sachverständiger in Telfs

Fotos (10): Albert PLachel

Heidrun Lehmann Diplomzahntechnikerin in Telfs

 
Zahnheilkunde 31. August 2010

„Die Zähne klappern beim Gehen“

Ein Fallbericht aus der Forensik: Wenn Zahnersatz im wahrsten Sinn des Wortes schief geht.

Billig kann bisweilen teuer zu stehen kommen: Eine 43-jährige Patientin mit Nickelallergie wandte sich verzweifelt an einen heimischen Zahnarzt, nachdem sie sich in Ungarn ungenügende und unbrauchbare Prothesen anfertigen hatte lassen.

 

Die Vorgeschichte: Die Tirolerin Anna K. sucht im November 2009 aufgrund einer Empfehlung einer Arbeitskollegin eine ungarische Zahn- und Beautyklinik auf, wo ein Kostenvoranschlag für die Versorgung ihres Gebisses (zahnloser Unterkiefer, OK nur noch 23 und 27 vorhanden) erstellt wurde.

Im März des darauffolgenden Jahres fährt die Patientin wieder nach Ungarn – in der Hoffnung, dort schnell und preiswert zu einem Zahnersatz zu kommen. Die Patientin teilt mit dem Behandlungsauftrag auch ihre Nickelallergie mit.

Der Aufenthalt mit Unterbringung in einem sehr einfachen Zimmer dauert insgesamt zehn Tage, währenddessen unternimmt die Patientin einmal einen Ausflug mit dem Bus nach Wien zum Sightseeing und Einkaufen.

Zahntourismus mit Folgen

Die Freude über die neuen Prothesen hält nicht lange an. Bereits zehn Tage nach ihrer Rückkehr aus der gut frequentierten Schönheitsklinik ist Frau K. derart missmutig, dass sie einen Zahnarzt aus ihrer Heimatgemeinde um Hilfe bittet. Der Zahnarzt seinerseits schaltet den Telfser Zahntechnikermeister und Sachverständigen Albert Plachel ein, der den Fall begleitet und dokumentiert.

Die Liste der Beschwerden durch die neuen dritten Zähne ist lang: Die Patientin äußert Kiefergelenksschmerzen, Probleme beim Sprechen, Verschiebungen beim Schließen des Mundes, metallischen Geschmack, dadurch fehlendes Geschmacksempfinden für Speisen und die UK-Prothese hält auch nicht mit Haftcreme. Weiters klagt die Patientin: „Ich habe das Gefühl, es ist alles zu groß und es ist kein Platz für feste Speisen. Zudem habe ich Hemmungen, den Mund zu öffnen, weil die Zähne zu weit nach vorne stehen und ich auch zu viel Speichel produziere. Der Mundgeruch und das Klappern der Zähne beim Gehen machen mich ganz unsicher.“

Die Befundung der ungarischen Arbeit von zahnärztlicher und zahntechnischer Seite ergibt u.  a. folgende Mängel (siehe Abb. 1–8):

a) entstellende Physiognomie b) Probleme mit der Lautbildung c) Kiefergelenksbeschwerden d) keine klar definierbare Findung der Bissposition

 

Konstruktionsmängel:

 

e) Teleskopkrone von 23 hat die Dimension eines 24 f) fehlendes Metallgerüst im OK g) Sekundärkronen haben je eine Retentionsschleife, 23 mesial und distal, 27 mesial, die so angelegt sind, dass sie zu Sollbruchstellen führen müssen h) Auswahl der Prothesenzähne entspricht nicht dem Typus der Patientin i) keine Entlastung der S. palatina j) willkürliche Radierung der A-Linie, diese ist verschliffen k) Kunststoffkante am Kieferkamm Regio 37 nicht entfernt l) fehlende Okklusionskontakte im Seitenzahnbereich

Aus- und Bearbeitungsmängel:

 

m) die Prothesenzähne sind an den Kauflächen und ohne auf die Funktionen zu achten beschliffen und verpoliert n) ebenso die Prothesenränder, diese wurden nicht nachpoliert o) keine anatomische Zahnfleischgestaltung, z.  B. Papillenmodellation ist eine „Speisekammer“ p) Prothesenzähne sind, von lingual sichtbar, unnötigerweise basal beschliffen etc. ...

Schadensbegrenzung lege artis

Der Patientin beschließt, Zahnarzt und Zahntechniker ihres Vertrauens mit der Schadensbegrenzung zu beauftragen. Albert Plachel wird zudem gebeten, ein Kurzgutachten zu verfassen, mit dem Frau K. nun versucht, zumindest einen Teil des im Ausland investierten Geldes zurückzubekommen. Aufgrund des positiven Nickelallergietests wird mit der Patientin vereinbart, die Metallkonstruktion in Reintitan ausführen zu lassen. Die NEM-Kronen, neuerdings als EMF (Edelmetallfrei) bezeichnet, werden entfernt. Die Aufstellung wird lege artis (Gesichtsbogen usw.) angefertigt. Zur Wachsprobe sind der Ehepartner der Patientin und die Diplomzahntechnikerin Heidi Lehmann anwesend.

Danach erfolgte die Fertigstellung. Bei der Kontrolle nach acht Tagen wird ein Okklusionskontakt auf 44 korrigiert.

Fazit und Kosten

Der Preisunterschied des Kostenvoranschlages und der Abrechnung der ungarischen Zahnklinik zur Honorarnote des österreichischen Zahnarztes beträgt 33 Prozent in vergleichbarer Ausführung. Hier stellt sich nun die Frage, ob sich der Aufwand an Zeit, Reisekosten, Hotelkosten und der geleisteten prothetischen Arbeit für die Patientin in einem akzeptablen Preis-Leistungs-Verhältnis darstellt.

Doch sind Fälle wie diese überhaupt zu verhindern? Gibt es Möglichkeiten, um dem Phänomen Zahntourismus ins benachbarte Ausland entgegenzuwirken? Nach unserer Meinung ja – in erster Linie mit einer ausführlichen Patientenaufklärung über die Möglichkeiten der zu erbringenden Leistungen und dem Ernstnehmen von Patientenwünschen und Problemen.

 

Korrespondenz: ZTM Albert Plachel und DZT Heidi Lehmann, Laningerweg 1, 6410 Telfs, Tel.: 05262/678900
E-Mail: albert.plachel@ zahntechnik-plachel.at,
heidrun.lehmann@ zahntechnik-plachel.at

Von ZTM Albert Plachel, Zahnarzt 8 /2010

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