zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Fotos (4): Dr. Markus Jungo

Abb. 1: Bukkal der VMK-Krone 24 ist eine Farbveränderung der Gingiva zu sehen. Der Patient äußert keine Beschwerden. Klinisch und röntgenologisch sind keine weiteren Veränderungen feststellbar. Differenzialdiagnostisch könnte es sich um die folgenden Symptome handeln: Amalgamtätowierung, Pigmentflecken, Hämangiom, Materialunverträglichkeit.

Abb. 2: Veränderte Gingiva im Bereich des Margo der Krone 21 und starke Blutung bei Sondierung ohne vertiefte Taschenbildung. Differenzialdiagnostisch ist Folgendes abzuklären: Passungenauigkeit der Krone 21, Zementreste oder Zahnstein unter der Gingiva bukkal 21, Materialunverträglichkeit.

Abb. 3: Der Träger dieser Prothese äußert, dass seit dem Einsetzen dieser Modellgussprothese Symptome wie Brennen, Hitzegefühl und Unwohlsein auftreten. Klinisch sind keine Symptome nachweisbar. Der Patient klagt, dass sich diese Beschwerden derart steigern, dass die Teilprothese nicht dauernd getragen werden kann. Differenzialdiagnostisch sind nebst der Materialunverträglichkeit auf die Gusslegierung die Prothesenunverträglichkeit psychischer Genese und die Reaktion auf den verwendeten Kunststoff zu berücksichtigen, insbesondere die darin enthaltenen Monomere.

Abb. 4: Hier zeigt sich eine typische Spaltsituation bei bedingt abnehmbaren Konstruktionen mit Primär-, Sekundär- und Tertiärteilen.

 
Zahnheilkunde 31. August 2010

Materialunverträglichkeiten in der Mundhöhle

Für den langfristigen Erfolg einer Rekonstruktion sind nicht nur das fachliche Können von Zahnarzt und Zahntechniker und die Erhaltungstherapie durch den Patienten entscheidend, sondern auch die Verarbeitungsqualität der verwendeten Werkstoffe.

In der rekonstruktiven Zahnheilkunde werden Metalle, (Glas-)Keramiken und Polymere verwendet. Insbesondere Metalle und deren Legierungen neigen bei fehlerhafter Verarbeitung zu verstärkter Korrosion in der Mundhöhle. Diese kann sowohl am Zahnersatz wie auch den beteiligten Strukturen der Hart- und Weichgewebe zu Problemen führen. Gerade in der Mundhöhle sind diese Schäden nicht immer einfach als werkstoffliche Ursache zu erkennen und werden häufig mit Mundschleimhauterkrankungen verwechselt.

 

Biologische Unverträglichkeiten der zahnärztlichen Werkstoffe spiegeln sich in unerwünschten Reaktionen bei Patienten wider. Selbstverständlich spielt auch die individuelle Sensibilisierung des Patienten eine Rolle in der Verträglichkeit, aber nur die Verwendung biokompatibler Werkstoffe garantiert die Nichtreaktion des Patienten auf die verwendeten Materialien. Nebst der Verwendung biokompatibler Werkstoffe sind jedoch auch die korrekte und sachgemäße Herstellung und Verarbeitung dieser Werkstoffe für den schadenfreien Einsatz in der Mundhöhle entscheidend. Durch unsachgemäße Behandlung können auch gut biokompatible Materialien derart verän-

dert werden, dass sie zur Belastung des Patienten führen. Zahnarzt und Zahntechniker müssen wissen, welche Werkstoffe für den Einsatz in der Mundhöhle geeignet sind und wie sie zu be- und verarbeiten sind. Die unübersehbare Fülle der verschiedenen zahnärztlichen Werkstoffe und das riesige Angebot an modernen Technologien und Verarbeitungssystemen überfordern Zahnarzt und Zahntechniker jedoch häufig. Allein für die Kronen-Brücken-Prothetik sind im Dentalhandel mehr als 700 Gusslegierungen erhältlich. Darin nicht enthalten sind alle übrigen in der rekonstruktiven Zahnmedizin benötigten Werkstoffe.

Diese Werkstoffe lassen sich in folgende wichtigste Gruppen einteilen:

  • Metalle und Metalllegierungen
  • Keramiken und Glaskeramiken
  • Kunststoffe
  • Zemente

Sensible Materialauswahl

Alle diese Materialien enthalten Metalle, die jedoch unterschiedlich gebunden sind. Speziell an der Oberfläche treten sie als Oxid auf, wobei die primären Metalleigenschaften nicht unmittelbar sichtbar sind. Überall, wo mechanische Stabilität, hohe Bruchfestigkeit, elastisches Verhalten und Dauerhaftigkeit gefragt sind, kommen Metalle zum Einsatz. Die Metalle und ihre Legierungen unterliegen jedoch in stärkerem Maße der Korrosion als die stabileren Oxide. Korrosion an Metallteilen erfolgt innerhalb und außerhalb der Mundhöhle bei allen Patienten. Veränderungen an den beteiligten Strukturen (Gingiva, Parodont, Zähne, Zahnersatz) sind die Folge.

Die Schwere der Reaktion hängt vom Grad der Korrosion und der individuellen Sensibilisierung des Patienten ab. Auf die individuelle Sensibilisierung können Zahnarzt und Zahntechniker kaum Einfluss nehmen, sondern müssen beispielweise Allergologen zu Rate ziehen. Der Grad der Korrosion wird jedoch fast ausschließlich durch Zahnarzt und Zahntechniker beeinflusst. Bei der Materialauswahl und Bearbeitung sind daher beide Beteiligten gefordert. Der Zahnarzt ist der Hauptverantwortliche für den korrekten Einsatz und die Verwendung des prothetischen Zahnersatzes. Er trägt als Auftraggeber für den Zahntechniker und letztlich auch für dessen Arbeit Verantwortung.

Symptome richtig einordnen

Die Symptome einer Materialunverträglichkeit können sehr unterschiedlich sein und sind nicht immer als solche leicht zu erkennen. Verwechslungen mit anderen Erscheinungsbildern, insbesondere mit parodontalen und Mundschleimhauterkrankungen, sind möglich. Bei Verdacht auf eine Materialunverträglichkeit muss immer differenzialdiagnostisch nach dem Ausschlussverfahren vorgegangen werden. Die Symptome einer Materialunverträglichkeit lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen:

Objektive Symptome sind klinisch und/oder röntgenologisch nachweisbar. Ihre Manifestationen sind am Zahnersatz selbst und/oder an den umgebenden Strukturen ersichtlich. In seltenen Fällen können sich diese Symptome auch außerhalb der Mundhöhle äußern und zu Beschwerden Anlass geben. Objektive Symptome sind:

  • Schleimhautveränderungen (Farb- und Formveränderungen, s. Abb. 1 und 2),
  • Gingivitis
  • Parodontitis
  • Verfärbungen von Hart- und Weichgeweben
  • Zerstörungen und Nekrosen von Hart- und Weichgeweben
  • Schäden am Zahnersatz

 

Subjektive Symptome sind klinisch und/oder röntgenologisch nicht nachweisbar. Sie werden vom Patienten geäußert. Ihr Nachweis hat über spezielle Untersuchungsmethoden zu erfolgen. Zu den subjektiven Symptomen zählen:

  • Geschmacksirritationen (insbesondere Metallgeschmack)
  • Schleimhaut- und Zungenbrennen (s. Abb. 3)
  • Irritationen der Schleimhäute und Lippen (Veränderung der Sensibilität, Dickegefühl)
  • Fremdkörpergefühl
  • lokalisierte und generalisierte Schmerzen im Kiefer-Gesichts-Bereich
  • Spannungsgefühl (Zahnersatz löst „Batteriegefühl“ aus)
  • Gefühl der Mundtrockenheit.

Pathogenese der Korrosion

Da Metalle in Oxidform in allen zahnärztlichen Materialien vorkommen, sind sie omnipräsent. In wässrigen Umgebungen zeigen Metalle Korrosionserscheinungen. Korrosion nennt man die sichtbare Zerstörung bzw. den Zerfall eines Metalls oder einer Metalllegierung durch die Reaktion mit der Umgebung. Die Korrosionsprodukte können bei entsprechend sensibilisierten Patienten zu den oben genannten Symptomen führen. Der Grad der Korrosion ist von der Herstellung und Bearbeitung abhängig.

Innerhalb und außerhalb der Mundhöhle erfolgt die Korrosion nach vergleichbaren Mustern. Zwei unterschiedliche Materialien befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Einer der Partner besteht aus einem Metall oder einer Metalllegierung. Der andere Partner kann, muss jedoch nicht aus einem Metall oder einer Metalllegierung sein. Zwischen beiden Partnern liegt ein schmaler Spalt. Ein Spalt, sei er noch so klein, ist technisch bedingt vorhanden. Den „Nullspalt“ gibt es auch bei präfabrizierten verschraubten Teilen nicht. Das immer feuchte Milieu der Mundhöhle begünstigt die Korrosion zumindest von einem der beiden Partner. Auch außerhalb der Mundhöhle können die zahnärztlichen Materialien korrodieren, weil es immer eine gewisse Luftfeuchtigkeit gibt. Aufgrund der fehlenden Belüftung mit Sauerstoff kommt es im Spalt zum Absinken des pH-Wertes. Die in der Folge entstehende Säure löst einen oder beide metallischen Komponenten an oder sogar auf. Die so gebildeten Metallionen wandern sehr schnell. In der Regel werden sie vom Körper ausgeschieden. Sie können sich aber – insbesondere durch die Vermittlung chemischer Reaktionen – an Stellen im menschlichen Körper anreichern und zu Unverträglichkeitsreaktionen führen.

Typischer Metallgeschmack

Nebst der Bildung von Metallionen kommt es auch zur Bildung von negativ geladenen OH-Ionen, die für den von den Patienten häufig geäußerten Metallgeschmack verantwortlich sind. Die Korrosion zeigt sich unter dem Rasterelektronenmikroskop als typisches Rauhigkeitsmuster. Die Ablagerung der Metallionen an anderer Stelle, z. B. Gingiva, Parodont, Zahnhartsubstanz, Schleimhaut usw. kann zu den beschriebenen Symptomen führen. Durch die Korrosion kommt es auch zu einer Schwächung des Zahnersatzes selbst. Schäden am Zahnersatz äußern sich in Form von Verfärbungen, Absplitterungen und Frakturen.

Die Situation der zwei Komponenten mit einem dazwischen liegenden Spalt ist in der Mundhöhle häufig anzutreffen. Die typischen Spaltsituationen in der Mundhöhle sind:

  • Gingivasulkus (Kronenränder)
  • Grenzspalt zwischen Zahn und Rekonstruktion
  • Grenzspalt zwischen Metall und Keramik oder Kunststoff
  • Grenzspalt bei bedingt abnehmbaren Suprastrukturen auf Implantaten (Verschraubungen), s. Abb. 4
  • Doppelkronen
  • Lötstellen aller Art

 

Nicht bei allen Patienten äußert sich die Korrosion gleichermaßen. Das korrosive Geschehen ist aber wesentlich von der Herstellung sowie der Ver- und Bearbeitung der Werkstücke insbesondere durch den Zahntechniker abhängig. Das Abweichen von etablierten Prozessen führt oft ungewollt zu internen Grenzflächen und lokalen Spalten und fördert deshalb die Korrosion an den Konstruktionen. Nicht sorgfältiges Abformen und Zementieren durch den behandelnden Zahnarzt haben ähnliches Gewicht und können ebenfalls die Korrosionsprozesse fördern.

Verschiedene Untersuchungsmethoden

Die Diagnostik einer Materialunverträglichkeit ist nicht immer einfach. Bei Verdacht auf eine Unverträglichkeitsreaktion auf einen Werkstoff geht es letztlich meist darum, die folgenden Fragen zu klären:

  • Weshalb ist es zu dieser Reaktion gekommen?
  • Muss die Arbeit, die diese Reaktion herbeigeführt hat, ersetzt werden?
  • Wer kommt für die entstehenden Kosten auf?

 

Im Schadensfall ist es für den Zahnarzt wichtig, Untersuchungsmethoden zu kennen und anzuwenden, welche erlauben, die Ursache für das Versagen richtig zu diagnostizieren (s. Tabelle). Das „Biomaterials Science Center“ (BMC) und das Institut für Werkstoffwissenschaft, Technologie und Propädeutik am Departement Zahnmedizin der Universität Basel unterhalten seit Jahren ei-ne Sprechstunde und bieten eine Diagnostik an, welche die Verdachtsdiagnose einer möglichen Materialreaktion klären kann. Diese Untersuchungsmethoden, wie z. B. die quantitative Legierungsanalyse mittels Splittertest oder die Atom-Absorptions-Spektrometrie zur qualitativen Analyse von Metallen und Legierungen gehören seit Jahren zum Standard. Neue Untersuchungsmethoden wie die intraorale Korrosionsmessung mittels EC-Pen wurden in Zusammenarbeit mit Partnern aus Industrie und Hochschule für den zahnärztlichen Bedarf angepasst und weiterentwickelt. Nach erfolgter Analyse erhalten Patient und Zahnarzt einen Kurzbericht mit Kommentar oder ein qualifiziertes Gutachten.

Korrespondenz: Dr. Markus Jungo, Institut für Werkstoffwissenschaft, Technologie und Propädeutik, Department Zahnmedizin, Universität Basel, Schweiz
E-Mail:
www.bmc.unibas.ch

 

Der ungekürzte Originalartikel inklusive Literaturangaben ist erschienen in: wissen kompakt 2009 • 3:3–13 © Springer Medizin Verlag und Freier Verband Deutscher Zahnärzte e. V.

Untersuchungsmethoden und Anwendungsgebiete für Materialunverträglichkeiten
UntersuchungsmethodeAnwendungsgebiet
Lichtoptische Untersuchung Oberflächliche Zustandsanalyse, grobe Verarbeitungskontrolle
Rasterelektronenmikroskopie (REM) Detaillierte Analyse der Verarbeitung, Korrosionskontrolle
Splittertest (EDX) Legierungsbestimmung
Atom-Absorptions-Analyse (AAS) Quantitative und qualitative Analyse von Hart- und Weichgeweben
Schliffanalyse Gusskontrolle, Körnigkeit
Bruchflächenanalyse Ursachenbestimmung von Frakturen
EC-Pen Intraorale Korrosionsmessung
Tabelle 1
Fazit für die Praxis
Für zahnärztliche Rekonstruktionen werden Metalle, Keramiken und Polymere eingesetzt. Für festsitzende Rekonstruktionen kann man hoch goldhaltige Edelmetalllegierungen (> 75 % Au), nickelfreie CrCo-Legierungen, Keramiken und Titan empfehlen. Abnehmbare Rekonstruktionen sollten aus nickelfreien CrCo-Legierungen oder Kunststoffen bestehen.
Die Herstellung, Be- und Verarbeitung durch den Zahntechniker ist von zentraler Bedeutung. Die Empfehlungen der Hersteller sollten genau eingehalten werden, um Misserfolge zu vermeiden. Insbesondere hoch goldhaltige Edelmetalllegierungen sind sehr anfällig für Verarbeitungsfehler, obwohl sie ansonsten sehr dauerhaft sind. Eine gute Alternative, auch im festsitzenden Bereich, bieten CrCo-Legierungen. Sie sind aus preislicher Sicht sehr attraktiv. Keramiken mit ihren stabileren Bindungen setzen sich zunehmend durch, weil sie nicht nur korrosionsbeständiger als reine Metalle und Metalllegierungen sind, sondern auch vom ästhetischen Standpunkt überzeugen. Nachteile der Keramiken sind die aufwändige Befestigungstechnologie und ihre sehr begrenzte Zugfestigkeit. Deshalb bilden im abnehmbar prothetischen Bereich nach wie vor CrCo-Legierungen, die in aller Regel problemlos einsetzbar sind, den Standard.

Von Dr. Markus Jungo, Fredy Schmidli, Prof. Dr. Bert Müller, Zahnarzt 8 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben