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Primäre Ursachen für Trockenheit im Mund sind chronisch-entzündliche Speicheldrüsenerkrankungen oder Abflussstörungen durch Speichelsteine.
Foto: CharitéCentrum 3, Abteilung für  Zahnerhaltungskunde und Parodontologie

Abb. 1: Zahndestruktion bei einem Patienten mit ausgeprägter Hyposalivation.

OA Dr. Peter Tschoppe Charité Centrum 3 für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Berlin

 
Zahnheilkunde 30. August 2010

Trockener Mund, schutzlose Zähne

Eine verminderte Speichelsekretion stört das physiologische Milieu der Mundhöhle. Schluckprobleme, Schmerzen und rascher Zahnverfall sind die Folge.

Kausale Behandlungsmöglichkeiten der Hyposalivation sind limitiert, und symptomatisch wirksame Speichelersatzmittel haben bislang einen unerwünschten Nebeneffekt: Sie wirken demineralisierend auf die Zähne. Welche sind die Ursachen von chronischer Mundtrockenheit? Und welche Funktionen muss der ideale Speichelersatz erfüllen?

 

Der Speichel, als wichtiges Schutzsystem für die Zähne und die Mundschleimhaut, wird von den drei großen paarigen Speicheldrüsen, Glandulae (Gll.) parotis, Gll. sublinguales und Gll. submandibulares sowie von den zahlreichen kleinen, in der ganzen Mundhöhle verteilten Speicheldrüsen gebildet. Die Sekretion wird sowohl über den sympathischen als auch den parasympathischen Teil des autonomen Nervensystems gesteuert. Eine Stimulation der Speichelsekretion findet hauptsächlich durch äußere Reize, wie Geruchs- und Geschmacksempfindungen, und durch mechanische Reize beim Kauen statt. Daneben besteht eine kontinuierliche Ruhesekretion, die einem zirkadianen Rhythmus unterliegt und frei von äußeren Einflüssen hauptsächlich über die Gll. sublinguales und submandibulares erfolgt. Die normale Flussrate beträgt durchschnittlich 0,1–1 ml/min bei einem pH-Wert von 5,7–7,1. Stimulierter Speichel besitzt einen pH-Wert von 7,0–7,8 und eine erheblich variable Sekretionsrate von 0,5–3,5 ml/min.

Ätiologie der Mundtrockenheit

Die Mundtrockenheit tritt oft sekundär als Symptom bei verschiedenen Stoffwechselerkrankungen (z. B. Diabetes mellitus) oder bei rheumatischen Erkrankungen (z. B. Sjögren-Syndrom) in Erscheinung. In sehr vielen Fällen kann die Mundtrockenheit durch die Einnahme von Medikamenten (z. B. Antihistaminika, Antihypertensiva, Psychopharmaka) ausgelöst respektive verstärkt werden. Diese Nebenwirkung ist insgesamt bei mehr als 400 Medikamenten bekannt. Primäre Ursachen für Mundtrockenheit sind chronisch-entzündliche Speicheldrüsenerkrankungen oder durch Speichelsteine bedingte Abflussstörungen des Speichels. Sehr häufig ist die iatrogene Schädigung der Speicheldrüsen, vor allem nach Radiotherapien von Tumoren im Kopf-Hals-Bereich, die das Drüsengewebe irreversibel schädigen (siehe Tabelle 1).

Hyposalivation und Xerostomie

Der Begriff Xerostomie beschreibt die subjektiv empfundene Trockenheit der Mundschleimhäute und Lippen. Dabei liegt häufig eine objektiv messbare Verminderung der Speichelmenge vor, eine Hyposalivation. Die Speichelmenge eines Patienten kann mit Hilfe der Sialometrie bestimmt werden. Durch das Kauen eines Stücks Paraffin (10 min) wird die Speichelproduktion angeregt und der Speichel in einen Messbehälter entleert. Je nach Literatur schwanken die Angaben, ab welcher Speichelmenge eine Hyposalivation vorliegt (siehe Tabelle 2).

Weiterführende Untersuchungen wie die Magnetresonanztomografie-Sialografie und die Funktionssialo-Szintigrafie können Aufschluss über die Funktion der Speicheldrüsen und deren Ausscheidung geben.

Die Beschwerden der betroffenen Patienten sind vielfältig und unterschiedlich stark ausgeprägt. Doch sie lassen sich gut mit der physiologischen Funktion des Speichels erklären, die bei verminderter Produktion nicht mehr gewährleistet ist.

Funktionen des Speichels

Der Speichel verfügt über zwei Puffersysteme, die eine schnelle Neutralisation des pH-Werts nach der Nahrungsaufnahme ermöglichen. Dadurch verkürzt sich die direkte Einwirkzeit von Nahrungssäuren auf die Zahnhartsubstanzen und somit die Demineralisation. Darüber hinaus stellt der Speichel eine mit Mineralien (hauptsächlich Kalzium und Phosphat) übersättigte Lösung dar, wodurch es zu einem ständigen Austausch von Ionen zwischen Speichel und Schmelz kommt. Prolinreiche Proteine und Statherine verhindern durch die Bindung an Kalzium eine spontane Ausfällung von Kalziumphosphatsalzen. Fluorid, das die Demineralisation hemmt und die Remineralisation fördert, kann aus dem Speichel in den Schmelz eingebaut werden. Außerdem enthält Speichel oberflächenadhärente Muzine, die Zähnen und Mundschleimhaut einen mechanischen und chemischen Schutz bieten. Muzine bilden eine Barriere, die vor Bakterien, Viren und Pilzen schützt, und unterstützen durch Schleimhautbeschichtung das Sprechen und Schlucken.

Die unterschiedlichen Speichelkomponenten tragen nicht nur zur Aufrechterhaltung des ökologischen Gleichgewichts in der Mundhöhle bei. Sie beeinflussen auch die Geschmackswahrnehmung wesentlich. Durch Verdünnung und Auflösung wird die Nahrung erst geschmacklich aufgeschlossen. Die im Speichel enthaltenen Enzyme sind der erste Schritt der Verdauung.

Fehlender Schutz, rascher Zahnverfall

Ist der Speichelfluss vermindert, ist der Speichel oft zähflüssig. Der typische Flüssigkeitssee auf dem Mundboden fehlt. Die Schleimhäute erscheinen glanzlos und atrophisch, die Lippen rissig und spröde. Neben einer eingeschränkten Kau- bzw. Schluckfunktion klagen die Betroffenen oft über Geschmacks- und Sprechstörungen. Darüber hinaus entwickelt sich häufig ein starker Foetor ex ore. Bei herausnehmbarem Zahnersatz kommt es meist zu einem Verlust der Haftfähigkeit und zu schmerzhaften Druckstellen der Prothesen auf der Schleimhaut, die bis zur Prothesenunverträglichkeit führen können.

Infektionen sind häufig, weil die antimikrobielle Wirkung des Speichels entfällt und das Gleichgewicht der physiologischen oralen Mikroflora gestört ist. Mukositiden verursachen Schmerzen und Brennen an Mundschleimhaut und Zunge. Deshalb schränken viele Patienten ihre Mundhygiene ein. Das fördert die Genese von bakteriellen, viralen und mykotischen Schleimhautinfektionen. Die Prävalenz von Gingivitiden und Parodontitiden ist bei Patienten mit Hyposalivation daher hoch.

Die Selbstreinigung der Zahnoberflächen ist vermindert und es kommt zur Plaqueanreicherung. Durch die fehlende bzw. eingeschränkte Pufferung von Säuren und Remineralisation der Zähne kommt es zu einer raschen Zerstörung der Dentition, die sehr viel schneller verlaufen kann als bei gesunden Probanden. Diese Komplikation steht besonders häufig mit einer Strahlentherapie in Zusammenhang und kann innerhalb kurzer Zeit zum vollständigen Verlust aller Zähne führen (siehe Abb. 1).

Speichel stimulieren

Die komplexe Ätiologie der Mundtrockenheit macht Kausaltherapien schwierig, die Möglichkeiten sind sehr beschränkt. Bei Patienten mit anhaltenden Beschwerden ist meist nur eine symptomatische Therapie möglich, deren Ziel allein die Besserung der Beschwerden ist. Es erfolgt eine systemische oder gustatorisch-mechanische Stimulation der Speicheldrüsen – vorausgesetzt, dass eine Restaktivität vorhanden ist.

Systemisch wirkende Speichelstimulanzien, wie beispielsweise Pilokarpin, führen über eine Stimulation des parasympathischen Systems zu einer erhöhten Speichelflussrate (Parasympathomimetika). Diese Medikamentengruppe bleibt jedoch aufgrund einer Reihe unerwünschter Nebenwirkungen (z. B. Hypotonie, Bronchokonstriktion) und möglicher Kontraindikationen auf einen engen Patientenkreis beschränkt.

Die gustatorisch-mechanische Speichelstimulation erfolgt durch Kauen von fester Kost. Auch intensive Geschmacksreize (scharfes Essen) beugen dem Trockenheitsgefühl im Mund vor, stellen jedoch wegen der ohnehin schon angegriffenen Schleimhaut keine häufig anzuwendende Alternative dar. Regelmäßiges Trinken von Wasser oder Tee sowie das Lutschen von Bonbons werden häufig empfohlen. Hier ist das demineralisierende Potenzial von sauren Nahrungsmitteln zu beachten und entsprechend darauf hinzuweisen. Gut bewährt hat sich das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi. Dadurch wird nicht nur der Speichelfluss stimuliert, denn Kaugummi ist auch ein Träger für pharmakologisch aktive Substanzen wie Fluoride oder Chlorhexidin.

Speichel ersetzen

Ist die Restaktivität der Speicheldrüsen zu gering, helfen meist nur noch Mundspüllösungen oder Speichelersatzmittel. Diese sollten jedoch keinen Alkohol enthalten, da dieser die Mundschleimhaut zusätzlich irritiert. Der Nachteil von Mundspüllösungen oder reinem Trinkwasser ist deren geringe Substantivität: Sie haften schlecht in der Mundhöhle, die Besserung der Symptome hält nur kurz an.

Diese Problematik führte zur Entwicklung von Speichelersatzmitteln, deren viskoelastische Eigenschaften denen des natürlichen Speichels ähnlicher sind. Idealerweise ermöglichen Speichelersatzmittel eine anhaltende Benetzung der Zahnhartsubstanzen und der Mundschleimhaut und mildern damit die Symptome der Mundtrockenheit. Die Speichelersatzmittel sollten zudem pH-neutral sein, um eine zusätzliche Demineralisation und Irritationen der Mundschleimhaut zu vermeiden. Bis zur Entwicklung von komplexeren Speichelersatzmitteln Anfang der 1970er-Jahre wurden zur Therapie der Hyposalivation unter anderem reizlose Mundwässer, natriumbicarbonathaltige Lösungen, Olivenöl und Chlorhexidin eingesetzt.

Allerdings enthalten die wenigsten Speichelersatzmittel dem Speichel vergleichbare Konzentrationen an Kalzium, Phosphat oder Fluorid. In bisherigen In-vitro-Studien zeigten die Speichelersatzmittel meist unzureichende remineralisierenden Eigenschaften, zum Teil wurde sogar eine nicht zu vernachlässigende demineralisierende Wirkung auf Schmelz und Dentin beobachtet. So wurde bei dem in Deutschland und Europa weit verbreiteten Produkt Glandosane® ein stark demineralisierender Effekt festgestellt, der auf einen sauren pH-Wert (Inhaltsstoffe: Sorbinsäure und Salzsäure) bei geringem Kalzium- und Phosphatgehalt und Abwesenheit von Fluorid zurückgeführt wird. Dagegen zeigt eine kürzlich veröffentlichte In-vitro-Studie, dass ein neues Produkt (Saliva natura®) durch die Zugabe von Kalzium, Phosphat und Fluorid remineralisierende Eigenschaften gewinnt.

 

Korrespondenz:

OA Dr. Peter Tschoppe

Abteilung für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, Charité Centrum 3 für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Berlin

E-Mail:

 

Der Originalartikel ist erschienen in:

Zahnarzt Praxis 2/2010

© Medien&Medizin Verlag Zürich

Tabelle 1
Ursachen für Hyposalivation
Temporäre HyposalivationPermanente Hyposalivation
Medikation: oral/transdermal Radiotherapie im Kopf-Hals-Bereich
– Psychopharmaka, Opiode Hypo-/Aplasie der Speicheldrüsen
– Antihistaminika Senium
– Analgetika Primäre Sialadenopathien
– Anticholinergika Tumoren
– Sympathomimetika Stoffwechselerkrankungen
– Retinoide Autoimmunerkrankungen
Sialadenitiden Mangelerkrankungen
Sialolithiasis Postmenopause
Psychogene Ursachen Beteiligung bei Systemerkrankungen
Tabelle 2
Speichelflussrate bei Erwachsenen
 RuhespeichelStimulierter Speichel
Normsalivation 0,1–1 ml/min 0,5–3,5 ml/min
Hyposalivation <0,1 ml/min <0,5 ml/min
Fazit für die Praxis
  • Mundtrockenheit wird mithilfe der Sialometrie objektiviert.
  • Bei einer Restaktivität der Speicheldrüsen soll der Speichelfluss bevorzugt mit mechanisch-gustatorischen Methoden angeregt werden.
  • Synthetische Speichelersatzmittel sind bislang nicht ausgereift und benötigen Zusätze, um nicht demineralisierend zu wirken.

Von Dr. Peter Tschoppe und Prof. Dr. Andrej M. Kielbassa, Zahnarzt 8 /2010

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