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Foto: pixelio.de/BirgitH
Wenn Überforderung und Stress überhandnehmen, geht vielen Menschen im sprichwörtlichen Sinn das Feuer aus.
Foto: Privat

Petra Eibl-Schober, MSc dipl. Coach und Kommunikationstrainerin in Wien

 
Zahnheilkunde 5. Juli 2010

Die eigenen Grenzen erkennen

Vor allem Zahnärzte sind vom Burn-out bedroht – auf das Wesentliche besinnen hilft.

Von allen medizinischen Professionen ist die Gefahr des Ausbrennens unter Zahnärztinnen und Zahnärzten besonders groß. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von der unphysiologischen Körperhaltung über den ständigen intimen Kontakt mit den Patienten bis hin zu wirtschaftlichen Problemen.

 

Aktuelle Zahlen aus Österreich existieren nicht. Die Dissertation eines deutschen Zahnarztes aus dem Jahr 2004 brachte allerdings folgende Zahlen zu Tage: 16 Prozent der deutschen Zahnärzte sind im Burn-out, 39 Prozent sind akut gefährdet, ein Burn-out zu erleiden. Meist sind es besonders engagierte Zahnärzte, die – lange Zeit ohne es zu merken – in ein Burn-out schlittern.1

Viele Auslöser

Die Risikofaktoren für ein Burn-out sind zahlreich. Sie reichen von Zeitdruck und rasch wechselnden Patientenkontakten über die hohe Erwartungshaltung durch die Patienten, die intensiven Beziehungsstrukturen und die Angst, mit der ein Zahnarzt konfrontiert ist, bis hin zu wirtschaftlichen Faktoren. „Neben zahlreichen individuellen Faktoren ist es vor allem die ganz spezifische Beziehung Zahnarzt – Patient. Diese Beziehung ist in sehr vielen Fällen von Angst geprägt. Schon allein die körperliche Position des Patienten als unterlegener Part dieser Beziehung, aber auch unterschiedliche Erwartungshaltungen und das immer wiederkehrende Eindringen des Zahnarztes in die Privatsphäre des Patienten – das kann Zahnärzte massiv belasten“, sagt Petra Eibl-Schober, dipl. Coach und Kommunikationstrainerin in Wien. Eibl-Schober veranstaltet regelmäßig Seminare, die sich mit der Prävention des Burn-outs befassen. Ende März präsentierte sie einen Seminartag zum Thema „Be-Sinnen statt Ausbrennen“ im Zahnärztlichen Interessenverband in Wien.

Ungewollte Intimität

„Es ist vor allem diese unphysiologische Körperhaltung und die ständige starke Nähe zum Patienten, die das Risiko für ein Burn-out erhöhen“, hält Eibl-Schober fest. „Ich weiß keinen anderen Beruf, in dem ein Arzt täglich und stundenlang in einen intimen Bereich der – bei vollem Bewusstsein befindlichen – Patienten eindringt, das belastet extrem.“ Macht sich dies der Zahnarzt nicht bewusst, kann es auch zu einem Verschwimmen der eigenen Grenzen kommen: „Es ist schon hilfreich, sich manchmal bewusst aus der Sicherheitszone des Patienten herauszubegeben und so auch die eigene zu wahren“, erläutert Eibl-Schober. Aufstehen, mit dem Stuhl zurückfahren – all das hilft, die eigenen Grenzen wieder zu stärken.

Auch die Angst der Patienten spielt natürlich eine wesentliche Rolle. „Hier wird vom Patienten ein Machtgefälle erlebt – er liefert sich körperlich und fachlich aus, hat keinen Einblick, was mit ihm geschieht “, weiß Eibl-Schober. Dies ist ebenfalls ein wesentlicher Stressfaktor, sowohl für den Patienten als auch für den Zahnarzt.

Immer noch mehr arbeiten

„Aber auch der Erwartungsdruck der Patienten wird immer höher“, berichtet eine ungenannt bleiben wollende Zahnärztin aus Oberösterreich (siehe Interview unten) und meint weiter: „Die Ergebnisse unserer Arbeit sind stofflich und leicht überprüfbar“. Wer mit Engagement und Elan in seine Praxis geht, wer viel erreichen und Erfolg haben will, neigt dazu, sich rasch zu überfor-dern. Das Burn-out selbst passiert schleichend. Gerade in der Anfangsphase werden Ängste, Sorgen oder Überforderungen mit noch mehr und noch intensiverer Arbeit kompensiert.

Um ein Burn-out zu verhindern, ist für Kommunikationstrainerin Petra Eibl-Schober die Rückbesinnung auf die eigenen Werte ein wesentlicher Faktor: „Jeder Mensch will mit 20 Jahren etwas anderes als mit 45 Jahren“, hält sie im Gespräch mit dem Zahn Arzt fest: „Nur wer seine Werte laufend hinterfragt, kann sich den Sinn im Leben erhalten.“ Sie rät Betroffenen vor allem zum Innehalten und „Be-Sinnen“ auf die eigenen Kräfte, Wünsche, Ängste und Wahrnehmungen.

Leben im Hier und Jetzt!

In der Praxis bedeutet das ein Sich-klar-Werden über die eigenen Ressourcen und Grenzen, ein Schärfen der eigenen Sinne und vor allem ein Leben im Hier und Jetzt. Zusätzlich soll man den eigenen Krafträubern auf die Spur kommen und sich fragen: Was motiviert mich wirklich? Denn es gibt zwar sehr viele Umgebungsbedingungen, die niemand ändern kann – dennoch ist es jedem Menschen möglich, die eigenen Umgebungsfaktoren bewusst zu sehen, zu erkennen, zu akzeptieren, sie anders zu betrachten oder eben noch einmal ganz neu anzufangen: „Jede Situation kann verlassen werden – die Frage ist, was setze ich dafür aufs Spiel?“, fragt Eibl-Schober rhetorisch.

Petra Eibl-Schober nennt einige Punkte, die zur Burn-out-Prävention geeignet sind:

  • Die Konzentration auf das Hier und Jetzt.
  • Den eigenen Sinnen wieder mehr Chancen geben.
  • Aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Werten.
  • Die eigenen Grenzen bewusst sehen und akzeptieren.
  • Die körperliche Abgrenzung vom Patienten.

 

„Fragen Sie sich doch selbst wieder einmal: Was macht mich glücklich und was fehlt mir wirklich in meinem Leben?“, rät Eibl-Schober. Denn schon ein solcher Gedanke kann ein drohendes Burn-out in eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem eigenen Beruf umwandeln.

Das nächste Seminar von Petra Eibl-Schober (www.pes.at) findet am 16. Oktober 2010 statt: „Be-Sinnen statt Ausbrennen – kommunikative Burn-out-Prophylaxe für Zahnärztinnen und Zahnärzte“.

 

Auskunft: Zahnärztlicher Interessenverband Österreichs (ZIV) Gartenbaupromenade 2/8/15, 1010 Wien, www.ziv.at

 

Literatur: 1 Faridani, Enno E.: Burnout bei Zahnärzten, 2004. – III, 113 Bl, Bl. IV – XVII. Hannover, Medizinische Hochschule. Dissertation 2004

Sicherheitszone
Jeder Mensch hat eine individuelle Sicherheitszone. Diese Zone weist einen Radius von etwa 60 cm auf – nur Sexualpartner und die eigenen Kinder dürfen ohne Stress in diese Intimzone eindringen. Wenn jedoch andere Menschen in diese Intimzone eindringen – was der Zahnarzt aber, um behandeln zu können, unbedingt tun muss –, so wird das als Bedrohung und Stress empfunden. Und dies gilt natürlich auch für Zahnärzte, die bei der Zahnbehandlung auch ihre eigene Sicherheitszone aufgeben müssen.
Kasten 1
Burn-out-Phasen
  • Enthusiasmus – Warn- und Alarmsignale zeigen sich.
  • Stagnation – der Betroffene fühlt sich ständig erschöpft und gestresst, Arbeitsabläufe werden als stereotyp empfunden, das eigene Engagement wird reduziert.
  • Apathie – Fatalismus setzt ein, Depersonalisierung gegenüber den Patienten, Gleichgültigkeit.
  • Burn-out – organische Probleme (Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, erhöhte Infektanfälligkeit, chronische Müdigkeit, Herz-KreislaufStörungen), Depressionen, Schuldgefühle, Angst, Aggression treten auf. Emotionen verflachen sich, sozialer Rückzug.
Kasten 2

Von Sabine Fisch, Zahnarzt 7 /2010

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