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Komplementärmedizinische Methoden betrachten den gesamten Organismus und sehen den Menschen als Individuum.
Foto: Privat

Dr. Gerhard Weiland Arzt und Gesundheitscoach in Graz sowie Autor des Buches „Du bist jünger als Du denkst“ (Apotheker-Verlag).

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Vor allem bei Kindern mit konstitutioneller Neigung zu Karies wirkt sich eine prophylaktische homöopathische Behandlung günstig aus.

 
Zahnheilkunde 1. Juli 2010

Arzneien aus der Natur

Die Homöopathie erweist sich als wertvolle therapeutische Unterstützung in allen zahnärztlichen Aufgabenbereichen.

Viele Patienten suchen nach ganzheitlichen Ansätzen in der Medizin. Zu den bevorzugten Behandlungsmethoden gehört die Homöopathie. Sie eröffnet vielfältigere und individuellere Therapiemöglichkeiten und schafft somit oft befriedigendere Therapieergebnisse, sowohl für den Patienten als auch für den Arzt.

 

Die homöopathische Verordnung ist immer eine individuelle, die die Besonderheiten des Organismus in den Mittelpunkt rückt. Bei welchen Indikationen die Homöopathie in der Zahnmedizin sinnvoll sein kann und ob sie auch bei allergischen Reaktionen im Mundbereich wirksam ist, erklärt Dr. Gerhard Weiland, Arzt und Gesundheitscoach in Graz.

 

Welche Grundprinzipien liegen einer homöopathischen Behandlung zugrunde?

WEILAND: Die Homöopathie arbeitet mit dem Ähnlichkeitsprinzip. Für die medizinische Praxis bedeutet dies: Die auffälligen Patientensymptome sollen den auffälligen Arzneidaten entsprechen. Je größer die Ähnlichkeit, desto besser ist die Wirkung der homöopathischen Arznei. Dies gilt gleichermaßen für Human- und Tiermedizin. Die verwendeten Arzneien kommen aus der Natur. Dabei handelt es sich um pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen. Die Herstellung erfolgt nach dem homöopathischen Arzneibuch in einem speziellen Verfahren, der homöopathischen Potenzierung. Das aktuelle Beschwerdebild bestimmt die Arzneiauswahl nach wissenschaftlichen Kriterien der homöopathischen Methode.

Das Wissen über die homöopathischen Arzneien bekommen wir primär aus der Arzneimittelprüfung, wobei alle Substanzen an gesunden freiwilligen Testpersonen geprüft werden. Dadurch erfahren wir, was eine homöopathische Arznei am gesunden Menschen hervorrufen kann. Diese Phänomene sind über physikalische Impulse zu erklären, die auf einen Organismus eintreffen und diesen dadurch zu einer bestimmten Reaktion veranlassen können. Weitere Informationen bekommen wir über den homöopathischen Arzneischatz aus zwei Jahrhunderten, weiters aus Toxikologie, Botanik, Zoologie, Verhaltensforschung und Physik.

In der Zahnheilkunde stellt die Homöopathie eine ergänzende Behandlung dar. Sie ist kein Ersatz für Zahnpflege, Vorsorge und fachärztliche Zahnbehandlung.

Bei welchen Indikationen ist die Homöopathie in der Zahnmedizin sinnvoll und welche Arzneien werden dafür gewählt?

WEILAND: In der Zahnheilkunde kommen alle Indikationen infrage, die vom Babyalter bis zum Erwachsenenalter auftreten können. Aber auch bei „begleitenden“ Symptomen zahnärztlicher Behandlung wie Angstzuständen, Ohnmacht, Kreislaufschwäche oder Würgereiz kann eine homöopathische Behandlung Vorteile bieten. Dafür stehen eine Reihe bewährter homöopathischer Arzneien zur Verfügung. Vorrangig werden bestimmte mineralische Substanzen, z. B. potenzierte Salze wie Kalzium-, Magnesium-, Kalisalze oder Siliziumverbindungen und auch sehr viele pflanzliche und tierische Substanzen herangezogen. In der kindlichen Zahnheilkunde kommen in erster Linie Chamomilla, Arnica, Magnesium phosphoricum, Magnesium carbonicum, Calcium carbonicum und Silicea häufig zum Einsatz.

Eine Domäne der Homöopathie ist die Wundheilung, die vor allem durch Arnika und alle Verwandten dieser Arzneigruppe (z. B. Chamomilla, Calendula etc.) günstig beeinflusst wird. Viele Schmerzphänomene können durch Hypericum, Corallium rubrum oder Nux vomica gemildert werden. Auch bei Nachblutungen profitiert der Patient von homöopathischer Mitbehandlung mit z. B. Phosphorus, Hamamelis, Millefolium und Crotalus horridus. Mercurius, Hekla lava, Hepar sulfuris und Silicea gelten als bewährte Arzneien bei Eiterungen.

Mundschleimhauterkrankungen stellen meist eine systemische Erkrankung dar. Eine Heilung bedarf daher einer Behandlung mittels umfassender Symptomenaufnahme und gezielter Arzneiverordnung.

Da für viele Patienten eine zahnärztliche Behandlung mit Ängsten und Aufregungen verbunden ist, setzen bereits viele Zahnärzte prophylaktisch homöopathische Arzneien wie Aconitum, Gelsemium, Silicea ein. Aconitum oder Veratrum album können bei Kollaps hilfreich sein, Ipecacuanha bei übermäßigem Würgereiz und Intoleranz von Instrumentarium distal der Eckzähne. Im Einzelfall entscheidet das individuelle Krankheitsbild.

 

Welchen Stellenwert hat die Homöopathie bei allergischen Symptomen im Mundschleimhautbereich?

WEILAND: Am Anfang stehen eine genaue Abklärung und eine detaillierte Fahndung nach auslösenden Faktoren. Individuelle Merkmale der Symptomatik geben dem erfahrenen homöopathischen Arzt klare Hinweise zur exakten Verordnung einer passenden homöopathischen Arznei, welche oft die einzige Hilfe in komplizierten Fällen darstellt.

 

Ist der prophylaktische Einsatz homöopathischer Arzneien sinnvoll?

WEILAND: Vor allem bei Kindern aus Familien mit einer konstitutionellen Neigung zu Karies wirkt sich eine prophylaktische homöopathische Behandlung günstig aus. Wird dieses Phänomen zusätzlich mit anderen Schwächen zusammengezogen und eine wirklich heilende Arznei sehr früh gefunden, können viele zukünftige Schwierigkeiten vermieden werden. So haben wir Kinder in Behandlung, die mit den zweiten Zähnen schon wesentlich weniger Probleme haben. Hier gibt es einige Arzneien, die häufig in Betracht gezogen werden – alle Kalzium- und Magnesiumverbindungen, Natrium- und Siliziumverbindungen, auch Phosphate und sehr viele pflanzliche und tierische Arzneien.

Homöopathische Arzneien lassen sich aber auch bei geplanten Kieferoperationen gut im Vorfeld einsetzen, besonders wenn der Patient schon in homöopathischer Behandlung ist und sich bereits eine konstitutionelle Arznei herauskristallisiert hat. Diese ermöglicht eine optimale Vorbereitung des Patienten mit seinen ganzen Phänomenen, die sowohl im emotionalen Bereich – Ängste, Vorbefürchtungen – als auch im körperlichen Bereich – z. B. Neigung zu starken Nachblutun-gen, Schmerzphänomene – liegen können.

 

Welche Vorteile hat eine begleitende homöopathische Behandlung bei zahnärztlichen Maßnahmen?

WEILAND: Der richtige Einsatz nach genauen homöopathischen Richtlinien bringt den großen Vorteil, dass keine bleibenden Nebenwirkungen zu befürchten sind. Außerdem kommt es zur Beschleunigung von Entgiftung und Heilungsprozessen und dadurch zur Einsparung von Analgetika, Antiphlogistika und Antibiotika. Weitere Vorteile sind die rasche Verbesserung des Allgemeinzustandes und die geringen Therapiekosten.

 

Wird bei der homöopathischen Behandlung eine bestehende Medikation mitberücksichtigt?

WEILAND: Selbstverständlich, da die Anwendung der Homöopathie in Österreich gesetzlich geregelt ist und eine rein ärztliche homöopathische Behandlung angeboten wird. Der behandelnde homöopathische Arzt entscheidet, welche Therapien zum Einsatz kommen. In Zukunft werden wir unseren Patienten die besten Methoden aus einem erweiterten Behandlungsspektrum anbieten können. Damit wird die Medizin der Zukunft ökologisch und ökonomisch arbeiten.

 

Bestehen nach wie vor Berührungsängste zwischen klassischer und Komplementärmedizin?

WEILAND: Das hängt sehr von den betreffenden Personen ab, die sich damit identifizieren. Meiner Erfahrung nach hat sich das Gesprächsklima in den letzten Jahren zunehmend verbessert. Allerdings herrscht in vielen Ärztekreisen noch immer große Unwissenheit bezüglich der Homöopathie, oft wird diese auch mit der Pflanzenheilkunde verwechselt. Die Homöopathie ist aber eine ganz spezielle Methode und richtet sich nicht nach chemischen Bedingungen wie in der pharmazeutischen Medizin, sondern nach homöopathischen Richtlinien, die primär physikalische Wirksamkeiten und physikalische Gesetzmäßigkeiten sind.

Die Österreichische Gesellschaft für homöopathische Medizin bietet intensive Ausbildungsmöglichkeiten über mindestens drei Jahre an, womit das Diplom für Komplementärmedizin mit Zusatz Homöopathie der Österreichischen Ärztekammer erworben werden kann. Diese zusätzliche Ausbildung vermittelt das Basiswissen in homöopathischer Theorie und Praxis und fördert die interdisziplinären Dialoge.

 

Komplementärmedizinische Ansätze wie auch die Homöopathie sind häufig mit dem Vorwurf der „Nichtwissenschaftlichkeit“ konfrontiert. Wie stehen Sie dazu?

WEILAND: Evidence based medicine (EBM) ist ein marktorientierter, auf die pharmazeutische Industrie zugeschnittener Begriff. Homöopathie ist hingegen in erster Linie eine Erfahrungsheilkunde. Wir können Homöopathie nicht mit statistischen Modellen erfassen und erklären, da es eine individuelle Medizin ist. Wir können auch keine schematischen Verordnungen anbieten, weil wir dann die individuellen Zugänge nicht zur Verfügung hätten. Homöopathie ist eine praktische medizinische Methode, die sich seit zwei Jahrhunderten nach bewährten Richtlinien richtet. Basis der Wissenschaftlichkeit in der Homöopathie sind die Arzneimittelprüfungen und die genauen Dokumentationen von Krankengeschichten und Heilverläufen.

Aber auch in der EBM gibt es Patienten, bei denen die vorgeschriebene Vorgangsweise nicht zum Ziel führt (keine Wirkung, Unverträglichkeit etc.). Wenn wir zukünftig eine sinnvolle Medizin anbieten wollen, rückt die individuelle Vorgangsweise immer mehr in den Mittelpunkt. Dazu ist eine breite Auswahlpalette an therapeutischen Maßnahmen notwendig. Die Homöopathie ist eine spezielle Methode im Rahmen der Gesamtmedizin.

 

Das Gespräch führte Dr. Friederike Hörandl

Indikationen für homöopathische Therapie in der Zahnmedizin
Zahnungsbeschwerden:
Dentitio difficilis
Entzündungen bei:
Pulpitis, Periodontitis, Gingivitiden, Parodontitis
Mundschleimhauterkrankungen:
Abszesse, Fisteln, Aphthen, Herpes
Parodontose
Kariesneigung
Vor- und Nachbehandlung bei Operationen
Komplikationen nach Extraktion
Schmerzsymptome:
Dolor post extractionem, Neuralgien
Störungen im Heilungsverlauf:
Wundheilungsstörungen, Nachblutungen

„Begleitende“ Symptome:
Angst, Ohnmacht, Kreislaufschwäche, Würgereiz, Zungenbrennen, trockener Mund
Kasten 1

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