zur Navigation zum Inhalt
Fotos (4): Mag. Wenzel Müller
Prof. DDr. Andreas Eder hat eine Privatordination gleich neben dem Wiener Rathaus, feinste Adresse also. Ein- bis zweimal im Monat kommt er in die neunerHaus Zahnarztpraxis, um Obdachlose zu behandeln.

Obdachlose werden in der neunerHaus Zahnarztpraxis unabhängig von ihrem Versicherungsstatus behandelt.

Einen großen Teil der erbrachten Leistungen machen Voll- und Teilprothetik aus.

Obdachlosen wird mit einem neuen Gebiss oft auch ihr Selbstbewusstsein zurückgegeben.

 
Zahnheilkunde 22. Juni 2010

„Wir Ärzte haben auch eine gesellschaftliche Verantwortung“

Einzigartig in Österreich: Die neunerHAUS Zahnarztpraxis für Obdachlose in Wien.

Entzündungen im Mundbereich bedeuten nicht nur Schmerzen, nicht nur die Gefahr der Ausstrahlung auf andere Organe, sondern auch Scham. Scham, den Mund zu öffnen. Die Sozialeinrichtung neunerHAUS hilft seit einem Jahr mit ihrer „Zahnarztpraxis für Obdachlose“ betroffenen Menschen.

 

War es Zufall, höhere Bestimmung oder bewusste Planung? Genau am zweiten Todestag von Elisabeth Becker eröffnete im Juni letzten Jahres die „neunerHAUS Zahnarztpraxis für Obdachlose“. Becker war die gute „Zahnfee“ in Wien, die Anlaufstelle für Obdachlose mit Zahnproblemen. Bei ihr fühlten sie sich akzeptiert, jene Menschen, die auf der Straße leben und sich oft scheuen, eine Ordination zu betreten. Becker behandelte sie unentgeltlich, denn sie wusste: „Ein Jahr auf der Straße kostet drei Zähne.“

Gefahr von Herzschäden

Die „neunerHaus Zahnarztpraxis für Obdachlose“ in Wien setzt nun seit einem Jahr dieses Werk fort. Die ärztliche Versorgung der Ärmsten der Armen ist damit um einen Bereich reicher worden. Die Gefahr von Entzündungen im Mundbereich, betont Dr. Walter Löffler, ärztlicher Leiter der Wiener Sozialeinrichtung neunerHaus, bestehe gerade darin, dass die Keime ausstreuen und auch Gelenke und den Herzmuskel befallen. „Irreversible Herzschäden können die Folge sein.“

Ermöglicht wurde die Hilfseinrichtung durch die Unterstützung von vielen Seiten, zum Beispiel den engagierten Einsatz des Dental-Unternehmens Henry Schein. Derzeit sind es 18 Zahnärzte, die – ehrenamtlich und einander abwechselnd – für den laufenden Betrieb sorgen. Darunter Prof. DDr. Andreas Eder. Er hat in der Lichtenfelsgasse, gleich neben dem Wiener Rathaus, seine Privatordination, feinste Adresse also. Was bewegt ihn, ein- bis zweimal im Monat auch Obdachlose zu behandeln? Die Antwort fällt kurz und bündig aus: „Wir Ärzte haben auch eine gesellschaftliche Verantwortung.“

Insgesamt haben seit der Eröffnung mehr als 500 Patienten – 74 Prozent Männer und 26 Prozent Frauen – den Weg in die neunerHAUS Zahnarztpraxis gefunden. Knapp 20 Prozent der Patienten sind unter 30 Jahre alt. Einen großen Teil der in mehr als 2.200 Konsultationen erbrachten Leistungen machen Voll- und Teilprothetik aus.

Das Lachen zurückgeben

Die Betroffenen werden in der neunerHAUS Zahnarztpraxis unabhängig von ihrem Versicherungsstatus behandelt. Ein Vertrag mit der WGKK erlaubt es dem Verein neunerHAUS, erbrachte Leistungen zu verrechnen. Eine Sozialarbeiterin unterstützt die Patienten beim Wiedererlangen des verlorenen Versicherungsanspruchs, bei ca. 25 Prozent gelingt dies nicht, sie bleiben unversichert. Kosten, die nicht von der öffentlichen Hand übernommen werden, deckt der Verein aus Spendengeldern.

Wer hier behandelt wird, dem werden nicht nur die Schmerzen genommen. Dem wird vielfach auch sein Selbstbewusstsein zurückgegeben. Denn endlich braucht er seine schlechten Zähne nicht mehr zu verstecken. Er kann den Mund wieder weit aufmachen. Auch zu einem breiten Lächeln.

Die Zahnarztpraxis für Obdachlose, Stumpergasse 60, 1060 Wien, Tel: 01/713594650.

Interessierte Zahnärzte, die mitarbeiten wollen, werden noch gesucht und mögen sich beim Verein neunerHAUS melden: Tel: 01/7135946-17.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 25 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben