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Foto: Harald Leitner
Dr. Christoph Ramseier MAS, Zahnmedizinische Klinik der Universität Bern, Schweiz
 
Zahnheilkunde 1. Juni 2010

„Je mehr Implantate, desto mehr Pathologien“

Periimplantäre Mukositis: Die Entzündung nach der Implantatsetzung ließe sich mit häuslicher Mundhygiene verhindern. Die Therapie besteht aus Scaling mit Küretten und anschließender Politur.

Mit steigender Zahl von Implantaten nimmt auch die Prävalenz periimplantärer Erkrankungen wie die periimplantäre Mukositis und Periimplantitis zu. Dr. Christoph A. Ramseier von der Klinik für Parodontologie an der Universität Bern referierte im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie in St. Wolfgang über Möglichkeiten der Prävention und Therapie dieser Erkrankungen.

 

Die Implantologie hat in den letzten Jahren in der Zahnmedizin einen enormen Aufschwung erlebt. „Je mehr Implantate gesetzt werden, desto mehr Pathologien treten um die Implantate auf“, schildert Ramseier eines der mit Implantaten verbundenen Probleme.

Ursprung der Pathogenese der Periimplantitis ist ein am Implantat anhaftender Biofilm, der eine Antigen- und Lipopolysaccharid-mediierte Immunantwort im Sinne der Bildung von Antikörpern und neutrophilen Granulozyten im Wirtsgewebe auslöst. In weiterer Folge kommt es zu einer Ausschüttung von Zytokinen und Matrix-Metalloproteinasen (MMP), die zu Bindegewebsverlusten, Rückbildung von Alveolarknochen und damit zu Taschenbildung und Attachmentverlust führen. Mit zunehmender periimplantärer Taschentiefe kommt es wiederum zu vermehrter Keimeinlagerung und zu einer Rückwirkung auf den Biofilm. Die Ausprägung dieser pathogenetischen Prozesse ist dabei von genetischen und von Umweltfaktoren abhängig. So verstärken beispielsweise Stress, Diabetes oder Rauchen und schlechte Mundhygiene die entzündlichen Prozesse.

Steigende Prävalenz

Die Verankerung von Zahn und Implantat im Kiefer unterscheiden sich grundsätzlich voneinander. Während beim Zahn Gingiva, Desmodont, Alveolarknochen und Wurzelzement den Kontakt vermitteln, fehlen beim Implantat Gingiva und Desmodont. „Das Desmodont sorgt dafür, dass durch Blut- und Sauerstoffzufuhr das Parodontalgewebe regeneriert werden kann“, sagt Ramseier. Die durch die Bildung eines Biofilms am Implantat ausgelöste periimplantäre Inflammation kann sich sowohl als periimplantäre Mukositis manifestieren als auch, wenn es zur Resorption von Alveolarknochen kommt, als Periimplantitis.

Die Datenlage zur Prävalenz periimplantärer Erkrankungen ist dürftig. So hat eine Metaanalyse bis zum Jahr 2007 nur sechs Studien zu diesem Thema ergeben. Dabei wurde festgestellt, dass periimplantäre Mukositis bei rund 80 Prozent der Patienten und an zirka 50 Prozent der Implantate auftrat. Die Prävalenz der Periimplantitis wurde in zwei Querschnittstudien untersucht, die zu äußerst unterschiedlichen Resultaten führten. So ergab eine Untersuchung im Jahre 2005 von Fransson und Mitarbeitern, dass 28 Prozent aller Probanden und 12 Prozent aller Implantate betroffen sind, während es bei Roos-Jansåker et al. im Jahr 2006 56 Prozent respektive 43 Prozent waren. „Für die kommenden Jahre bedeutet das, dass die Indikationsstellung für die Implantattherapie intensiver überdacht werden muss“, fordert Ramseier.

Eine periimplantäre Mukositis liegt vor, wenn es nach Sondierung mittels Parodontalsonde zu einer Blutung kommt. Differenzialdiagnostisch muss dabei von der Periimplantitis unterschieden werden, die im Röntgenbild einen Knochenverlust aufzeigt. Ziele der Therapie sind eine Wundheilung mit intaktem Saumepithel sowie die Kontrolle der Biofilmentwicklung.

Therapie und Prävention

Die Therapie der Mukositis besteht aus einem Scaling mit Küretten, bevorzugt aus Karbon, und anschließender Politur mit Gumminapf und Paste. Den Nachweis für die Effektivität eines derartigen Vorgehens konnten Trejo et al. 2006 im Rahmen einer Tierstudie erbringen. Dabei konnte gezeigt werden, dass die experimentelle periimplantäre Mukositis durch die Behandlung mit Handinstrumenten effizient ist und eine zusätzliche Behandlung mit Chlorhexidin keine besseren Resultate erbringt. Ramseier weist darauf hin, dass trotz dieser Resultate auf die Anwendung von Chlorhexidin nicht verzichtet werden sollte.

Inwieweit sich periimplantäre Erkrankungen durch häusliche Mundhygiene vermeiden lassen, sollte eine Untersuchung von Vanderkerckhove et al. zeigen, bei der 80 parodontal gesunde Probanden ein Jahr lang die Zähne zweimal täglich zwei Minuten mittels einer elektrischen Zahnbürste putzten. Drei, sechs und zwölf Monate nach Studienbeginn wurden klinische Parameter wie Sondierungstiefe, Rezession, Entzündungs- und Plaque-Parameter erhoben. Dabei zeigten sich bei keinem Parameter Veränderungen über den Studienzeitraum. „Das bedeutet, dass sich mit häuslicher Mundpflege die periimplantäre Situation mechanisch kontrollieren lässt“, fasst Ramseier zusammen.

Eine rezente Arbeit von Maximo et al. ergab, dass die mechanische Entfernung des Biofilms mittels Teflon-Kürette und einem air-abrasiven Gerät eine effektive Therapie bedeutet, sowohl hinsichtlich der klinischen Zeichen Blutung und Sondierungstiefe als auch der mikrobiologischen Besiedelung.

Periimplantäre Defekte

Sollte die Therapie der Mukositis nicht erfolgreich verlaufen, besteht die Gefahr, dass es in weiterer Folge zu einer Periimplantitis mit Osteolyse des Alveolarknochens kommt. Ziele der Therapie der Periimplantitis sind einerseits die Eliminierung der Entzündung und Stabilisierung des periimplantären Gewebes und andererseits der Versuch, das verlorengegangene Stützgewebe wieder aufzubauen. Ist dies nicht von Erfolg gekrönt, bleibt nur noch die Explantation.

Eine Möglichkeit der Therapie ist das Auffüllen des periimplantären Defektes mit autogenen oder xenogenen Knochenersatzmaterialien. Darüber hinaus können Geweberegenerationsfaktoren und Wachstumshormone eingesetzt werden. Das andere Vorgehen besteht aus dem Abtragen von Knochen und dem zurückpolieren des Implantatgewindes im Sinne einer chirurgischen Kronenverlängerung, was eine Reduktion der Taschentiefe bedeutet. Im Zuge der Behandlung der Periimplantitis muss auch die Oberfläche des Implantats dekontaminiert werden. Dies kann mechanisch, chemisch oder mittels Laser erfolgen. „Keine dieser Oberflächenkontaminierungen ist den anderen hinsichtlich der Dekontamination zur Vorbereitung der Regeneration überlegen. Die Regeneration mit Osteointegration ist heute trotz verschiedener Bemühungen leider noch Wunschdenken“, bedauert Ramseier.

 

Quelle: ÖGP-Jahrestagung, 15.–17. April 2010, St. Wolfgang

Von Mag. Harald Leitner, Zahnarzt 6 /2010

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