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Fotos (5): Hiepler & Brunier, Berlin
Mut zu extravaganten Formen und Farben beweist die Zahnarztpraxis KU64 am Kurfürstendamm in Berlin.
 
Zahnheilkunde 1. Juni 2010

Finde den Fehler!

Wie Sie dem Makel Ihrer Praxisgestaltung den Kampf ansagen.

Der Gang zum Arzt ist selten ein erfreulicher, der Besuch beim Zahnarzt aber ist ganz besonders gefürchtet und gedanklich vor allem mit Schmerz und Unbehagen verbunden. Dem Patienten diese Angst zu nehmen, ist aber möglich. Vor allem eine angenehme und sensible Raumgestaltung, die es dem Patienten ermöglicht sich zu entspannen und wohlzufühlen, kann Wunder wirken. Welche Fehler dabei nur allzu oft begangen werden und worauf es in der Raumgestaltung einer Zahnarztpraxis ankommt, verrät Ihnen Raumdoktor Niel Mazhar.

 

Bei einer Zahnarztpraxis denkt man unweigerlich an unförmige Behandlungssessel mit furchterregenden, greifarmähnlichen Fortsätzen, verbunden mit unangenehmen Bohrgeräuschen und dem unterdrückten Schluckgeräusch angsterfüllter Patienten. Zugegeben, diese Darstellung mag ein wenig übertrieben klingen, doch kaum jemand würde den Zahnarztbesuch als angenehme Abwechslung vom Alltag betrachten, bei dem man sich wohlfühlen kann. Aber muss das eigentlich so sein?

Das Klischee: Weiß und Aluminium

Neben der Tatsache, dass eine Wurzelbehandlung nun einmal kein angenehmer Zeitvertreib ist, werden Zahnarztpraxen auch deswegen gerne gemieden, weil die rein visuelle Gestaltung dieser Einrichtungen oftmals schlicht deprimierend ist. Beim Betreten einer Zahnarztpraxis erwarten wir eintönig gestrichene Wände, so makellos weiß wie das Lächeln der Sprechstundenhilfe, das im Schein der grellen Beleuchtung ein wenig schal wirkt. Im Warteraum ein paar zaghaft verteilte Aluminiumstühle, eventuell mit hellblau gemusterter Sitzfläche, damit wäre dann der zu erwartenden „Farbexplosion“ einer Zahnarztpraxis Genüge getan. Doch das ermüdet, wirkt unterkühlt, und den Patienten ist etwa so behaglich zumute wie in einer Eishöhle.

Um den Patienten von seinen Sorgen und negativen Emotionen abzulenken, müssen positive Emotionen und Assoziationen geweckt werden, die die Schatten im Gemüt verdrängen. Dies geschieht am effektivsten über das Wohlbefinden, das entsteht, wenn die Umgebung anregend oder beruhigend wirkt und der Patient es gemütlich hat.

Eine Raumstimmung, die durch Licht, Farbe, Material und selbst Geruch einen positiven Einfluss auf den Patienten ausübt. Wer die Wirkung der Raumgestaltung einer Zahnarztpraxis auf das Gemüt unterschätzt, versäumt es, mit dem Patienten auf einer sehr direkten Ebene zu kommunizieren. Würden Sie sich zuhause mit grell leuchtenden Neonröhren umgeben, mit monotoner Wandgestaltung und ungemütlichem Mobiliar zufrieden geben? Was Ihnen zuhause nicht recht ist, sollten Sie weder dem Patienten im Warteraum noch sich selbst und Ihren Mitarbeitern und Kollegen zumuten.

Seriosität ist nicht gleich optische Sterilität

Längst hat man erkannt, dass nicht die nur die fachlichen Kompetenzen bei der Bewertung des behandelnden Arztes mit einbezogen werden, sondern auch seine Fähigkeit zur Einfühlsamkeit. Dennoch scheint sich in vielen Köpfen die Vorstellung festgesetzt zu haben, dass Seriosität allein durch schmucklose, kühle, technoide und emotionslose Gestaltung zum Ausdruck gebracht werden kann, in der Kreativität und Fantasie keinen Platz haben. Zu viel Farbe und Lebensfreude seien unangebracht, man will nicht unseriös wirken. Ein Irrtum, denn Fantasielosigkeit und Monotonie sind keineswegs mit fachlicher Kompetenz gleichzusetzen. Wahr ist vielmehr, dass man bereits mit einfachsten Mitteln eine angenehme Stimmung herbeiführen kann, die die Kompetenz des Zahnarztes sogar noch unterstreicht und Vertrauen schafft.

Besonders einfach gelingt dies bereits durch den Einsatz von Accessoires und klassischem Wohnzubehör, das den Besucher vergessen lässt, dass er sich in einer medizinischen Einrichtung befindet. Dies können Kunstwerke, Skulpturen oder Bilder sein, große, freundliche Gemälde und Fotografien in ansprechender Rahmung. Sie ermöglichen es dem Patienten, seine Sorgen für eine Weile zu vergessen. In monotonen Räumen ohne Höhepunkte bleibt nichts anderes übrig, als sich den negativen Gefühlen hinzugeben. Durch eine Auswahl an Kunstwerken, die positive Emotionen wecken und Ablenkung schaffen, kann das vermieden werden. Freundliche Bilder an der Wand, die angenehme Bilder im Kopf hervorrufen. Ähnliche visuelle Impulse können auch durch Muster an Wänden und Textilien wie Vorhängen, Pölstern und Teppichen herbeigeführt werden.

Setzen Sie Kontraste!

Ein Hauptgrund für die zögerliche und zaghafte Liebe zu spannungsgeladenem Praxisdesign in heimischen Zahnarztpraxen mag die Angst vor der Farbe sein. Wie ein Künstler vor einer großen weißen Leinwand, der sich davor fürchtet, den ersten Strich zu setzen, so haben die meisten Menschen Angst vor der Gestaltung leerer, weißer Räume.

Die meisten Zahnarztpraxen werden nach dem Straußenprinzip eingerichtet. Den Kopf in den Sand stecken, bloß nicht auffallen, alles soll so neutral wie möglich wirken. Dies mag in bestimmten Fällen sinnvoll sein. Im Behandlungszimmer ist der flächige Einsatz kräftiger Farben wegen der Farbanpassung von Zähnen nicht immer zweckmäßig. Doch warum sollte Gleiches auch für das Wartezimmer oder den Empfang gelten? Die Allgegenwärtigkeit steriler Medizintechnik erfordert den Einsatz visueller Kontraste. Wie die meisten Patienten Angst vor dem Zahnarztbesuch haben, so scheint sich der Zahnarzt vor allzu viel Farbe im Praxisdesign zu fürchten. Ein großer Fehler, denn mehr Mut in der Farbgestaltung würde dem Patienten ein wenig Angst nehmen, und ihm erlauben, sich in einer abwechslungsreichen und entspannenden Atmosphäre wohlzufühlen. Angst vor einem räumlich-visuellen Beweis für Lebensfreude fördert in diesem Falle also die Angst und das Unbehagen des Patienten.

Greifen Sie also im Warteraum oder auch am Empfang ruhig ein wenig in den Farbtopf! Mischen Sie dabei allerdings nicht zu viele Farben innerhalb eines Raumes. Widmen Sie jedem Raum ein „Farbthema“; diese sollten auch untereinander harmonieren. Farbe hat dann nicht nur einen ästhetischen Nutzen. Vor allem in größeren Zahnkliniken und Gemeinschaftspraxen kann sie die Orientierung erleichtern, Zonen können so optisch definiert werden, und der Patient findet sich leichter zurecht.

Grüner Daumen statt Grau in Grau

Farbe und Lebensfreude lassen sich nicht nur per Pinsel in die Räume bringen. Vor allem der Einsatz von Grünpflanzen kann Wunder bewirken. 90 Prozent unserer Zeit verbringen wir in Innenräumen, Pflanzen im Innenraum wirken wie eine Erholungskur auf den Menschen. Studien beweisen, dass das „Grünzeug“ nicht immer nur gegessen werden muss, um eine gesunde Wirkung zu entfalten. Bereits die bloße Anwesenheit einiger Pflanzen reicht aus, um wie natürliche Antidepressiva zu wirken; sie verbessern die Konzentration, sorgen für eine ausgewogene Luftfeuchtigkeit und dämpfen den Schall. Dennoch ist in den meisten Zahnarztpraxen vom zarten Grün kaum etwas zu sehen.

Raum zum Atmen

Mut zu spannungsgeladenen Räumen zu beweisen, bedeutet jedoch nicht, diese auch zu überfüllen. Auf die richtige Dosis harmonierender Oberflächen und Materialien kommt es an. Meist wird der Fehler begangen in gestalterischem Übereifer, zu viele verschiedene Farben, Muster oder Holzarten zu kombinieren. Das Ergebnis wirkt unruhig und unprofessionell. Weniger ist oft mehr. Ausdrucksvolle und lebendig gemaserte Hölzer können einen Raum zwar aufwerten und eine warme Note verleihen, als grobe Faustregel gilt jedoch, nicht mehr als zwei, höchstens drei Holzarten zu kombinieren und dabei mit größeren Hell-dunkel-Kontrasten zu arbeiten. So können sich die Hölzer klarer voneinander unterscheiden und für sich stehen.

Bei der Möblierung einer Zahnarztpraxis sollte man nicht nur bedenken, welches Mobiliar man an welcher Stelle braucht – sondern auch welche Zonen und Bereiche ganz bewusst frei und unverstellt bleiben sollen. Schaffen Sie überschaubare Raumsituationen. Leere muss nicht immer zwanghaft gefüllt werden. Nehmen wir als Beispiel wieder den Künstler vor der weißen Leinwand. Er wird das Bild so komponieren, dass der Blick auf die wesentlichen Details gelenkt wird. Das geschieht durch die Wahl passender Proportion einerseits und exakt gesetzter Kontraste andererseits. Vor allem der Wechsel von dichten und lockeren Bildpartien ist wichtig. Nicht eine flächendeckende Wirkung ist entscheidend, denn sonst verkommt das Motiv zum belanglosen Muster. Gleiches gilt für die Raumgestaltung. Trennen Sie sich von zu wuchtigem und unnötigem Inventar. Besser ist es, liebevoll ausgewähltes Mobiliar so zu organisieren, dass es zur Geltung kommen kann. Planen Sie also ganz bewusst freie Flächen ein.

Vor allem in kleinen Räumen gilt: Beginnen Sie mit neutralem Mobiliar. Weiß und Grautöne passen immer und lassen sich selbst mit knalligen Accessoires und Farbakzenten kombinieren. Generell gilt: Je kleiner und austauschbarer das Mobiliar, desto bunter und gewagter darf es sein. Vor allem Accessoires dürfen dann ruhig mal ausgefallen sein. Sie bringen eine persönliche Note ein und beleben die Szene.

Vorsicht beim Möbelkauf

Nur allzu oft lässt man sich vom Diktat der Mode verführen und kann das schon nach kurzer Zeit bereuen, wenn ein Trend bald wieder veraltet ist. Ab und an neue Bewegungen auf dem Möbelmarkt auszuprobieren, ist in Ordnung – wenn es sich um kleinere Anschaffungen handelt. Vergessen Sie beim Möbelkauf jedoch nicht, Fotos, Farbproben oder Stoffmuster von bereits vorhandenem Mobiliar mitzunehmen. Schnell kann es passieren, dass man sich im Möbelgeschäft verführen lässt, das neue Stück dann aber nicht mit dem Interieur der Praxis harmoniert.

Gravierende Fehler geschehen auch bei der Lichtplanung in Zahnarztpraxen. Nicht nur die Beleuchtung am Behandlungssessel ist von großer Bedeutung, auch das Licht im Wartezimmer und im Eingangsbereich muss durchdacht werden. Ob beim Lesen im Wartebereich oder beim Ausfüllen eines Formulars am Empfang, drei bis fünf gut verteilte Lichtquellen unterschiedlicher Intensitäten sind nötig, um gutes Sehen zu ermöglichen und den Raum in eine stimmungsvolle Atmosphäre zu tauchen. Vermeiden Sie daher eine gleichförmig helle Beleuchtung, sie ermüdet nur das Auge. Was früher das Wartezimmer einer Arztpraxis war, gleicht heute oftmals der Lounge einer angesagten Bar.

Der Patient von heute ist selbstbewusst und will umworben werden. Das heißt zwar nicht, dass man blind jeden Modetrend mitmachen sollte, doch ist es wirklich so schlimm, wenn sich ein Patient in Ihrer Praxis einfach wohlfühlt und gerne wieder kommt? Dem Patienten am Empfang ein Lächeln zu schenken, ist eine Selbstverständlichkeit. Gleiches sollte auch für eine ansprechende Raumgestaltung gelten, die dem Besucher spielend leicht ein wenig Angst und Unbehagen nehmen kann.

Von DI Niel Mazhar, Zahnarzt 6 /2010

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